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Ostfriesland: Tee ist Kulturerbe

Ostfriesland : Teeweltmeister

In Ostfriesland wird aus dem Teetrinken ein Kult gemacht– und dabei ein Rekord aufgestellt.

Im Land der Teetrinker sieht es aus wie in den angrenzenden Niederlanden: Kanäle durchziehen die flache Gegend, an markanten Stellen ragt eine Windmühle oder eine Klappbrücke empor und hier und da ein Warfendorf zwischen Meer, Marsch und Moor. Der Wind bläst meist aus Richtung Westen, weshalb sich die Bäume gen Osten krümmen. Sie werden „Windlooper“ genannt, als liefen sie mit dem Wind davon.

Viele kannten die Region vor allem wegen der Witze, die man darüber machte, etwa: Was ist Ostfriesischer Dreikampf? – Lesen, Rechnen, Teebeutel-Weitwurf. Oder: Wie sieht ein Ehekrach auf Ostfriesisch aus? „Willst noch nen Tee?“ – „Nee!“. Schon Heinrich Heine spottete, als er auf der Ostfriesischen Insel Norderney weilte, über die Einheimischen, die in kleinen Hütten „wohlverwahrt in wollenen Jacken herumkauern, und einen Tee trinken, der sich von gekochtem Seewasser nur durch den Namen unterscheidet“.

Mittlerweile hat sich das Blatt gewendet. Gerade Ostfriesentee wird sehr wertgeschätzt und gilt als qualitätsvoll. Unlängst wurde die ostfriesische Teekultur in das Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der Unesco aufgenommen, wo bereits beispielsweise das Skatspielen, Sächsische Knabenchöre und das Kneippen zu finden sind. Die „Teetied“ (Teezeit) gibt Struktur und beschert Momente der Muße. Bei manchen Ostfriesen findet sie täglich sechsmal statt, unter anderem als Pause „Elführtje“ am späten Vormittag und als Nachmittagstee um 15 Uhr, gemäß dem Motto „Ostfriesische Gemütlichkeit hält stets ein Tässchen Tee bereit.“ Dazu muss man wissen, dass sich ein echter Ostfriese bei jeder dieser Teezeiten drei Tässchen gönnt, denn das ist sein gutes Recht, „Dree Koppkes Tee is Oostfreesenrecht“.

Die ostfriesische Teezeremonie lässt sich vielerorts in Ostfriesland erleben, zum Beispiel in Poppinga’s Alte Bäckerei in Greetsiel. Foto: Dietmar Scherf

Viele urige Teestuben verführen Touristen, an diesem Ritus teilzunehmen und mehrmals täglich die Teezeit zu feiern, beispielsweise „Poppinga’s Alte Bäckerei“ in Greetsiel. Tee wird hier im Service „Ostfriesische Rose“ auf dem Stövchen serviert. Nach dem Ostfriesischen Teezeit-Knigge sollte die Zeremonie eröffnet werden, indem man ein Stück Kandis („Kluntje“) mit Hilfe einer silbernen Kluntjezange in die Tasse gibt. Dann wird der heiße Tee über den Zuckerklumpen gegossen, bis der Kandis knisternd zerbricht, um schließlich Sahne sanft auf dem Teespiegel abzulegen, die sich wie ein Wölkchen („Wulkje“) ausbreiten soll. Umrühren ist verpönt und wenig sinnvoll, will man Schluck für Schluck den Ostfriesischen Dreiklang erleben: vom oberen mild-sahnigen, über einen aromatisch-herben bis zu einem stark süßen Tee am Tassengrund.

Greetsiel ist einer der schönsten Orte der Region und der gesamten Nordseeküste Deutschlands. Zwei Windmühlen, von Kastanienbäumen gesäumte Kanäle, kopfsteingepflasterte Gassen, Giebelhäuser dicht an dicht um einen malerischen Hafen und bunte Krabbenkutter – da strömen und staunen die Besucher. Westlich am Deich steht der Pilsumer Leuchtturm. Das gelbrot geringelte tonnenförmige Seezeichen diente als Kulisse in Otto Waalkes Film „Otto – Der Außerfriesische“. Weiter draußen liegt Norderney in dunstiger Ferne.

Ein Grund dafür, dass sich gerade in Ostfriesland solch ein Kult um den Tee etablierte, ist die Nähe zu den Niederlanden und der frühe Kontakt mit dem Getränk. Seefahrer der Niederländischen Ostindien-Kompanie brachten 1610 die ersten japanischen und chinesischen Tees nach Europa, genauer gesagt in Amsterdam. Zugunsten des Verzehrs von Tee ebbte der in Ostfriesland bis dato ausgiebige Alkoholkonsum ab.

„Echter“ Ostfriesentee besteht aus einer kräftigen ­Schwarztee-Mischung. Die Basis bilden Assam second flush Tees, also Tees der zweiten Ernte einer Saison, die zwischen Juni und Juli gepflückt werden und eine volle, malzige Note besitzen. Dazu kommen andere Ursprünge wie Darjeeling, Ceylon und Indonesien. „Jede Marke hat ihre spezielle Komposition mit eigenem Charakter und spricht mit ihrem jeweils eigenen unverwechselbaren Geschmack unterschiedliche Tee-Trinker an“, sagt Dr. Matthias Stenger, Leiter des Ostfriesischen Teemuseums im Städtchen Norden. Das Museum klärt über die Herstellung dieser Kompositionen, die verschiedenen Teeanbaugebiete und den Teehandel auf. Exponate wie eine alte Teebeutelpackmaschine und aus Kolonialwarenläden veranschaulichen die Geschichte.

Die ostfriesische Teekultur gilt als Immaterielles Kulturerbe der Unesco – wie an diesem Teeverkaufsstand in Neuharlingersiel deutlich wird. Foto: Dietmar Scherf

Bis zu 20 unterschiedliche Sorten kombinieren „Tea Taster“ mit guter Nase und feinem Geschmack zu einer „Echten Ostfriesischen Mischung“. Eine schwierige Aufgabe; im Gegensatz zum Weinliebhaber, der jedem Jahrgang eine besondere Note zugesteht, erwartet der Teefreund, dass sein Lieblingsgetränk immer schmeckt wie gewohnt. Für Tea Taster sind selbst im Privatleben scharfe Gewürze, harte Alkoholika und Kaffee tabu, weil das ihre Geschmacksnerven beeinträchtigen könnte.

Tee ist nach Wasser das beliebteste Getränk der Welt, weit vor Kaffee. Jochen Spethmann, bis zum Frühjahr 2020 Vorsitzender des Deutschen Teeverbandes, freut sich über die aktuelle Entwicklung, Tee sei Teil eines „hippen Lifestyles und wird immer öfter regelrecht zelebriert, etwa in Tea Lounges, Cocktailbars, Flagship Stores oder innovativen Start-ups“. Dabei bringen es die Ostfriesen mit ihrer traditionellen Variante auf einen Durchschnittsverzehr von 300 Litern pro Person und Jahr und hängen in dieser Disziplin den Rest von Deutschland deutlich ab, wo gerade einmal 28 Liter Usus sind. Sie liegen selbst vor den Teenationen Großbritannien und China und sind somit Weltmeister im Teetrinken.