Oberstdorf: Entspannung und Winterspaß im Schnee

xxx : Eine Wolke Schneestaub

Deutschlands südlichster Kur- und Erholungsort Oberstdorf bietet jede Menge Entspannung und Winterspaß – nicht nur für Skifahrer

„Links, rechts, links, rechts.“ Das gedachte Kommando verhilft dem Läufer, das Gleichgewicht zu halten, solange die Füße auf Schneeschuhen durch den Tiefschnee stapfen. „Setzt eure Stöcke kräftig ein!“ ruft Tourenführer Sepp seiner Gruppe zu. Ihren Zweck erfüllten die Schneeschuhe ursprünglich bei den Indianern und Trappern Nordamerikas, die im Winter Tier-Fallen kontrollierten und über teilweise Meter hohen Schnee tagelang unterwegs waren. Das geschwungene Weidengestell mit geflochtenen Lederriemen verhinderte ein Versinken im tiefen Schnee. Die heutigen Modelle sind um ein Vielfaches leichter: Aluminium- oder Plastikformen mit Kunststoffschnallen haben die Aufgabe der schweren Holzausführungen eingenommen.

Rasch gewöhnen sich die Teilnehmer an zunächst ungewohnte Bewegungsabläufe. Auf den Stirnen glänzen nach dem teilweise steilen Anstieg erste Schweißperlen. Doch die Mühe hat sich gelohnt. Bei der geschützten Grillstelle wartet im Topf brodelnde Gulaschsuppe. Welch eine Überraschung! Selten hat es so gut geschmeckt. Die Langlaufrunde am Nachmittag auf den Ebenen rund um den Ort ist dann direkt eine Erholung.

Nach neuen Schneefällen ziehen Räumfahrzeuge ihre Runden. Es wird mit Split wird gearbeitet – Streusalz ist verpönt, der Umwelt zuliebe. Die vor Hotels und Pensionen geparkten Autos verstecken sich unter dicken Schneehauben. Gäste, die mit dem Auto anreisen, sind jedoch in der Minderzahl. Ein Großteil der Besucher macht sich mit der Bahn auf den Weg nach Markt Oberstdorf. Schon vor vielen Jahren wurde aus Deutschlands südlichstem Kur- und Erholungsort der Privatverkehr weitgehend verbannt. Großflächige Parkplätze für 1200 Fahrzeuge stehen am nördlichen Ortsrand zur Verfügung. Im Ortskern, der sich noch die Ursprünglichkeit eines Allgäuer Bauerndorfes bewahrt hat, lässt sich fast autofrei die bunte Palette der Geschäfte genießen. Kein Hotelbau überragt die Dachfirste der gut erhaltenen Häuser aus den letzten Jahrhunderten.

Das Oberstdorfer Winterfest findet jeweils nach den Wintersportmeisterschaften mitten im Ort statt. Die Veranstaltung ist immer gut besucht. Foto: Rainer Hamberger

Als Pionierstadt des Skispringens ist Markt Oberstdorf unter anderem auch Standort der legendären Vierschanzentournee. Im Romantik Hotel Freiberg am südlichen Ortsrand wohnt einer der Pioniere der deutschen Skispringer, Vater der Chefin des Hauses. Max Bolkart, inzwischen 87 Jahre alt, ist nicht nur persönlich dort anzutreffen, auch Bilder aus seiner Sportlerkarriere hängen an den Wänden. Die Augen leuchten, wenn er von seiner Olympiateilnahme im Skispringen erzählt: „Hund samma gwäa…“. Und bei besonderen Anlässen greift er vielleicht noch zum Alphorn und versetzt alle Gäste ins Staunen.

Es kann auch ruhiger einhergehen als bei den internationalen Meisterschaften. Für Erstbesucher aus deutschen Großstädten ist schon der Spaziergang durch das Skidorf ein romantisches Erlebnis. Weiße Hauben auf Zweigen, Wegweisern und Reklameschildern säumen die Fußwege. Über dick verschneiten Hausdächern schwebt die Nebelhornbahn bis knapp unter den Gipfel des 2224 Meter hohen Skiberges. Von dort beginnt die längste Abfahrt des gesamten Allgäus ins Tal: über einen Höhenunterschied von nahezu 1500 Meter. Außerdem ist der Nebelhorngipfel bekannter Startpunkt für Gleitschirmflieger, die in sanften Kreisen zu Tal schweben.

Mit etwas Glück begegnet man unterwegs einem Schlitten, der von Pferden gezogen wird. Foto: Rainer Hamberger

Am östlichen Ortsrand liegt das Bundesleistungszentrum für Eislauf mit mehreren überdachten Eisflächen. Hier werden ebenso Meisterschaften ausgetragen. Zudem bietet sich die Gelegenheit, selbst Schlittschuhe zu leihen und bei fetziger Musik vorsichtige Runden auf der glitzernden Fläche zu versuchen. Vorsicht ist geboten, damit der Körper sich nach und nach auf noch ungewohnte Bewegungsabläufe einstellen kann. Allzu schnell rutschen die Füße unter dem Läufer weg.

Aus den Gebirgsflüssen Trettach, Stillach oder Breitach, die sich etwas nördlich von Markt Oberstdorf schließlich zur Iller vereinen, steigt Dampf. Die Umgebungsluft ist einige Grade kälter als das Wasser der Gebirgsflüsse. Unter hohen Bäumen führen Wege entlang des Ufers. Insgesamt stehen 140 Kilometer geräumte Winterwanderwege zur Verfügung.

Die mit Schneekrusten überzogenen Geisterbäume in den Hochlagen sind wahre Kunstwerke. Foto: Rainer Hamberger

Nachdem sich beständiges Wetter eingestellt hat, ist eine Tageswanderung Richtung Einödsbach geplant: Deutschland höchstgelegenem Dorf. Sobald die Talstation der Fellhornbahn passiert ist, weitet sich das Tal. Doch plötzlich wird die Aufmerksamkeit neu geweckt. Mit verhaltenem Gebimmel kommt ein von Pferden gezogener Schlitten entgegen. Dampf stiebt aus den Nüstern der Rösser, eng aneinander gedrückt sitzen Passagiere unter dicken Decken, und der vollbärtige Kutscher kaut auf seiner Tabakspfeife. Eine Wolke Schneestaub wirbelt hinter dem Gefährt auf.

Zur Mittagsrast gibt es Einkehr in einem der ganzjährig bewirtschafteten Berggasthöfe. Es lohnt sich für einen Kaffee noch eine Weile zu bleiben, denn gegen Nachmittag kommen manchmal Hirsche auf die Lichtung, wo Heu ausgebracht wurde. Die Allgäuer Bergregion bietet einer stabilen Population Rothirsche einen geschützten Lebensraum. Während kalter Winter werden sie gefüttert, vor allem, wenn die Schneeoberfläche hart gefroren ist, damit sie sich an ihren Läufen bei der Futtersuche weniger verletzen. Heute lassen sie lange auf sich warten. Aber der Hunger treibt die Hirsche schließlich heraus.

Viel zu spät, aber voll besonderer Eindrücke beginnt der Rückweg Es ist schon dunkel. Der geräumte Wanderweg zwischen den hohen Schneemauern ist gerade noch zu erkennen, die Schneefläche reflektiert genügend Licht des klaren Sternenhimmels.