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In Buxtehude kann man sich auf die Spuren von Hase und Igel begeben

Niedersachsen : Zu Besuch bei Hase und Igel

Niedersachsen – Die Hansestadt Buxtehude ist der nördlichste Ort der Deutschen Märchenstraße. Hier laufen Hase und Igel um die Wette. Hunde bellen mit dem Schwanz.

Da kommt er angesaust, der stolze Hase – im Frack und mit Zylinder. Nicht in einer Ackerfurche auf der Buxtehude Heide, sondern auf einem Fahrrad entlang des Ostfleths. „Mein Name ist Hase“, sagt Sanna Schlag ein wenig außer Atem: „Diese Redensart stammt allerdings nicht aus Buxtehude. Mit Langohren hat sie auch nichts zu tun, sondern sie geht auf einen Mann namens Victor von Hase zurück.“ Er war Jurastudent in Heidelberg und musste sich 1855 vor Gericht verantworten. Einem Freund soll er zur Flucht verholfen haben, da dieser zuvor einen Studenten im Duell erschossen hatte. Während der Gerichtsverhandlung äußerte sich Victor mit dem Satz: „Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts.“ Gästeführerin Sanna Schlag weiß hingegen ziemlich viel über die niedersächsische Kleinstadt vor den Toren Hamburgs, am Rande des Obstanbaugebietes Altes Land.

1840 veröffentlichte Schriftsteller und Verleger Wilhelm Schröder das Märchen „Der Hase und der Igel“ erstmalig auf Plattdeutsch im Hannoverschen Volksblatt unter dem Titel „Dat Wettlopen twischen den Hasen und den Swinegel up de lütje Heide bi Buxtehude“. Schröder stammte aus der Region südlich der Elbe. Er wurde im 40 Kilometer entfernten Oldendorf geboren. „Drei Jahre später nahmen die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm die Erzählung in die fünfte Auflage ihrer Kinder- und Hausmärchen auf“, berichtet Sanna Schlag.

Die Buxtehuder sind stolz aufs Hase- und Igel-Image: Viele Figuren stehen vor Geschäften, es gibt Hase-und-Igel-Bäckereien und seit 1968 ein Brunnen-Denkmal in der Fußgängerzone. Der damals in Hamburg lebende Künstler Fritz Fleer gestaltete die Bronzegruppe. An den Enden einer Ackerfurche sitzen die Stacheltiere. Dazwischen rennt der Hase, der nicht verstehen kann, wieso der Igel schneller ist, und ihm nach jedem Wettlauf zuruft: „Ick bün all hier“.

 Gästeführerin Sanna Schlag nimmt die Besucher als Hase verkleidet mit auf eine Tour durch die Stadt.
Gästeführerin Sanna Schlag nimmt die Besucher als Hase verkleidet mit auf eine Tour durch die Stadt. Foto: Dagmar Krappe/DAGMAR KRAPPE

Es handelt sich um eine sozialkritische Fabel der damaligen Zeit. Auf einem Feld treffen sich der überhebliche Hase und der schlaue Igel bei einem Sonntagsspaziergang. Das Langohr lästert über die kurzen, krummen Beine des Igels. Verärgert lädt dieser den Hasen zu einem Wettrennen ein. Der Hase rennt so schnell er kann, aber der Igel ist immer schon da, da er seine ihm ähnlich sehende Frau mit eingespannt hat. Beim 74. Versuch schneller als der Igel zu sein, fällt der Hase tot um. Der Igel gewinnt die Wette und einen Goldtaler. „Lehren, die sich aus der Geschichte ziehen lassen, sind: Hochmut kommt vor dem Fall und besser ist es, unter Seinesgleichen zu heiraten“, meint die Gästeführerin. 1979 kam das Brettspiel „Hase und Igel“ auf den Markt. Es wurde als erstes „Spiel des Jahres“ gekürt. Auch hier zeigt sich, dass blindes „Drauflosrennen“ nicht zwangsläufig zum Sieg führt. Bedacht und Cleverness sind gefragt.

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Buxtehude markiert den nördlichsten Punkt der Deutschen Märchenstraße. Sie führt vom hessischen Hanau, dem Geburtsort der Grimm-Brüder, 600 Kilometer gen Norden und passiert wichtige Brüder-Grimm-Stationen. Gründer Buxtehudes war 1285 Giselbert von Brunkhorst, Erzbischof von Bremen. Die Endung Hude bedeutet Schiffsanlegestelle. Die Siedlung entstand auf moorigem Marschboden mit einem planmäßig angelegten Hafenkanal, dem Fleth. Es verbindet den Hafen mit der Este, einem Flüsschen, das wenige Kilometer entfernt in den großen Elbstrom mündet. So konnten die Schiffer direkt in den Buxtehuder Hafen einlaufen. Die Stadt war Mitglied im Hansebund und wurde durch Handel mit Getreide reich. Die Este führte man als Festungsgraben vor dem Stadtwall um die Ansiedlung. Dieser heißt heute noch Viver. Vermutlich haben niederländische Wasserbauer diesen Namen für das stehende Gewässer gewählt. Vor der zum Hotel und Geschäftshaus umgebauten Kornmühle liegt ein typisches Frachtschiff der Niederelbe, der 125 Jahre alte Ewer „Margareta.“ Bis Anfang der 1960er-Jahre liefen derartige Frachtewer regelmäßig ein und aus. Es ist das letzte erhaltene Schiff der Buxtehuder Flotte.

 Das Hase- und Igel-Denkmal aus dem Jahre 1968 wurde vom Bildhauer Fritz Fleer gestaltet.
Das Hase- und Igel-Denkmal aus dem Jahre 1968 wurde vom Bildhauer Fritz Fleer gestaltet. Foto: Dagmar Krappe/DAGMAR KRAPPE

Das Wahrzeichen von Buxtehude ist die Backsteinbasilika Sankt Petri. Auch sie ließ Giselbert von Brunkhorst errichten – größtenteils finanziert über Ablassbriefe, die man in diversen Ländern verkaufte. Hier klärt Sanna Schlag auf, was sich hinter der kuriosen Redensart „In Buxtehude bellen die Hunde mit dem Schwanz“ verbirgt: „Zunächst schlug man eine Glocke meist mit einem Hammer an. Die niederländischen Siedler hatten die Idee, ein langes Seil an den Klöppel zu binden. Das Läuten nannten sie Bellen. Die Glocke war eine Hunte. Das Seil franste bald aus und erinnerte an einen Schwanz. Zog man also an diesem, bellten die Hunde“, erklärt die Stadtführerin.

Nicht alles, was alt aussieht, ist es auch. Das gotische Rathaus fiel einem Brand zum Opfer. Das heutige ist im Stil des Historismus errichtet. 1853, bewarb sich ein später berühmter Schriftsteller um einen frei gewordenen Bürgermeisterposten: der Husumer Anwalt Theodor Storm. Dass zu der Zeit die Herzogtümer Schleswig und Holstein noch unter dänischer Verwaltung standen, missfiel dem Advokaten. Letztendlich entzog man ihm die Konzession. Er wollte Husum verlassen und stellte sich in Buxtehude vor. Leider entschied man sich gegen ihn. Ansonsten wäre die Stadt sicherlich Schauplatz seiner zahlreichen Gedichte und Novellen geworden. Egal. Schließlich hat auch das Märchen vom hochnäsigen Hasen und listigen Igel Buxtehude bekannt gemacht.