Hamburg, München, Düsseldorf In Seifenkisten auf Sightseeing-Tour

Deutschland · In Hamburg und sechs weiteren EM-Städten kann man viele Sehenswürdigkeiten im coolen 14-PS-Go-Kart ansteuern – und wird dabei ganz schnell selbst zur Attraktion.

 Das andere Sightseeing: mit 14 PS durch Hamburg

Das andere Sightseeing: mit 14 PS durch Hamburg

Foto: Stephan Brünjes

Hamburg, „Strand-Pauli“: der Beachclub an der Elbe mit coolen Drinks und Sounds, Liegestühlen und bestem Blick auf vorbeischippernde Kreuzfahrer und Container-Dampfer. Doch hier sind nicht allein die Riesenpötte der Blickfang, sondern im Hinterhof des Beachclubs geparkte, rot-weiße Kinderbadewannen. So sehen sie auf den ersten Blick aus – seifenkistenartige Gefährte auf Go-Kart-Rädern, mit Außenspiegeln, klein wie Scheckkarten, mit Fahrradlampen vorne und Stummel-Spoilern hinten. Moment mal – damit in Hamburgs rummeligen Straßenverkehr? Zur Stadtrundfahrt? „Klar“, sagt Franz Wesser, Miterfinder der „Hot Rod City Tours“, „unsere Cars haben Zulassung – hier, Auto-Nummernschild mit allen Plaketten ist dran.“ Vorm Start bittet der Chef an der Verleihstation: Vorsichtig von oben mit ausgestreckten Beinen ins Cockpit hinein gleiten. Aha, rechts Gas, links Bremse, aber keine Kupplung. Lenkung ohne Servo, reagiert zackig auf kleinste Bewegungen. Helm auf (ist Pflicht!), kurz noch Funkverbindung zu Marek, unserem Guide, checken. Er fährt voraus, vier Tour-Teilnehmer hinterher. Und los!

Der 14-PS-Motor röhrt hinterm Sitz, die Badewanne ist sofort auf Speed. Und jeder Fahrer ameisenklein. Die Sight­seeing-Konkurrenz im Doppeldeckerbus wirkt wie eine rote Hauswand neben uns. Irgendwo da oben winken Menschen aus dem Fenster. Der Seifenkisten-Pilot hingegen sitzt mit seinem Hintern nur Zentimeter überm Asphalt. Da dieser in Hamburg mehr Löcher als Teer enthält, merkt man – aua, ah, oh – dass das Kunststoff-Cabrio ungefedert über die Straße rumpelt. Ab Tempo 50 gibt es eine Vibrationsmassage für den Hintern und Gesichtspeeling gratis – mit Staub und Sand, aufgewirbelt von vorausfahrenden Fahrzeugen.

Marek, der Guide, erzählt im Vorbeifahren von der wie ein Riesen-Klunker in der Sonne blinkenden Elbphilharmonie-Fassade. Er hat gute Geschichten parat aus Hamburgs Rotklinker-Lagerhaus-Ensemble, der Speicherstadt, und empfiehlt das Portugiesen-Viertel gegenüber mit seinen leckeren Restaurants. Alles Tipps, die per Funk zwar im Helm-Kopfhörer ankommen, aber nicht gleich im Kopf. Denn der ist mit Fahren beschäftigt. Zum Blinken rechts den grauen Schieberegler nach oben, dann abbiegen. Warum fuchtelt Marek jetzt mit der Hand in der Luft herum? Ach so, Blinker wieder ausschalten. Stopp an der Ampel. Die springt um auf Grün, aber wir können nicht weiter, sind umlagert von Neugierigen, die uns mit ihren Smartphones knipsen – die tollkühnen Männer in ihren liegenden Kisten.

Endlich, drüben auf der anderen Elbseite im ausgestorbenen Hafengelände können wir Gas geben. Der Einzylinder-Motor bringt die 120 Kilo leichte Kunststoff-Kiste auf maximal 88 Stundenkilometer. „Aber keinen mehr, denn ab 89 müsste das Gefährt Kotflügel haben“, sagt Franz Wesser und erzählt, wie sein Partner Maik Wenckstern zwei Jahre lang mit dem TÜV um eine Zulassung für seine Hot Rods rang. Der Name steht für aufgemotzte Nachbauten von US-Modellen der 1930er-Jahre. Nach einigen Aufsitzrasenmäher-Rennen und reichlich Bier hatte der gelernte Florist, Finanzwirt und Motorradbastler Wenckstern die Idee, einen „Wenckstern“ zu bauen – auf Basis eines 1932er Ford Revolver. Heute schrauben seine Mitarbeiter der Norderstedter Manufaktur bei Hamburg viele Modelle serienmäßig zusammen, meistens für den Einsatz in Sightseeing-Touren. Speziell nach Kundenwunsch designte gibt es auch – Stückpreis ab 29.000 Euro. Mit unserer Hot Rod City Tour sind wir inzwischen auf Hamburgs Postkartenseite angekommen: einmal rund um die Binnenalster vorbei an Nobel-Hotels, weiter entlang der Außenalster mit Spaziergängern, Joggern und weißen Booten auf dem glitzernden Wasser. Spätestens jetzt wird klar, anders als bei üblichen Sightseeing-Touren ist die Stadt mit all ihren Sehenswürdigkeiten, ihrer Geschichte und Geschichten nicht Hauptattraktion, sondern prächtige Kulisse. Denn die Teilnehmer wollen nicht in erster Linie Hamburgensien hören, sondern viel lieber „Wencksterniaden“, also Geschichten rund um diese außergewöhnliche Stadtrundfahrt. Franz Wesser liefert sie, gleich beim nächsten Stopp an der „Schönen Aussicht“, einer der besten Hamburger Adressen: „Hier hat uns auf einer der ersten Touren die Polizei gestoppt, wollte nicht glauben, dass wir eine Straßenzulassung für unsere Autos haben. Das Nummernschild überzeugte sie nicht, sie wollten die Rahmennummer sehen. Weil die unterhalb des ‚Wencksterns‘ eingraviert ist, mussten wir einen davon mit vier Mann hochheben.“ Inzwischen, so Wesser, hatte sich in der schmalen Villenstraße wegen der Verkehrskontrolle bereits ein Stau gebildet, erste Autofahrer begannen zu hupen. Daraufhin schalteten die Polizisten ihr Blaulicht an und fragten Wesser nun in aller Ruhe aus, wollten wissen, was das denn für eine coole Stadtrundfahrt sei und ob sie da auch mal mitfahren könnten.

Zwei Stunden dauert unsere Tour jetzt fast, vor allem für Menschen mit langen Beinen ist es etwas beengt in der rollenden Badewanne. Aber der finale Schlenker über die Reeperbahn muss sein. Schon allein, um von Marek noch zu hören, wie eine seiner Touren mal fast in eine Schießerei hineinfuhr.