Der Winterzirkus von Paris

Der Winterzirkus von Paris

Zirkusluft ist flüchtig. Alle paar Tage weht der Geruch von Sägemehl, Popcorn und Tieren über einen anderen Festplatz. In Paris jedoch hat die Zirkusluft einen festen Ort – und das seit 160 Jahren. Der Pariser "Cirque d'Hiver – Bouglione" zeigt jedes Jahr eine neue Show. Für eingefleischte Zirkusfans ist der Bau an der Metro-Haltestelle "Filles du Calvaire" ein legendärer Ort, an dem Manegengeschichte geschrieben wurde.

Am 12. November 1859 schwang sich dort Jules Léotar erstmals vor einem staunenden Publikum von einem Trapez zum anderem. Für Sekundenbruchteile wurde er zum fliegenden Menschen. Das galt als Weltsensation. In dem Zirkusbau feierte man Léotard wie einen Star. Der Mann aus Toulouse sicherte sich seinen Platz in den Geschichtsbüchern: Er gilt als erster Trapezartist und als Erfinder des Flugtrapezes.

Anton von Ostendorf ist von der Geschichte fasziniert. 150 Jahre nach Jules Léotard hat er im Cirque d'Hiver (übersetzt: Winterzirkus) sein Können am Flugtrapez gezeigt. Dreifachsalto inklusive. Ostendorf und seine Trapeztruppe können auf Engagements in vielen Manegen zurückblicken. Doch das Engagement in Paris macht ihn stolz: "Es ist großartig, an dem Ort aufzutreten, der als Geburtsort des fliegenden Trapezes gilt", sagt er.

Der Trapezflug des Jules Léotard ist nur eines von vielen Kapiteln in der bewegten Geschichte des mittlerweile ältesten noch erhaltenen Zirkusgebäudes der Welt. 1852 wurde es nach Plänen von Jacques Hittorf, dem Architekten des Gare du Nord, errichtet. Henri de Toulouse-Lautrec fand dort Inspirationen für seine Bilder und Zeichnungen, Clowns wie Grock oder die drei Fratellinis brachten dort das Publikum zum Lachen.

1934 übernahmen die Bougliones den Zirkus. Während der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg musste die Artistenfamilie unter dem Druck der Nationalsozialisten die Leitung des Zirkus abtreten, konnte jedoch ein Vierteljahr später wieder in den Cirque d'Hiver zurückkehren. 1955 wurde dort einer der berühmtesten Zirkusfilme der Welt gedreht: "Trapez" mit Gina Lollobrigida, Tony Curtis und Burt Lancaster. Später verblüfften in der Pariser Manege Artisten des chinesischen Staatszirkus und des kanadischen Cirque du Soleil das Publikum.

Feste Zirkusgebäude waren früher keine Seltenheit. Zu den bekanntesten deutschen Manegenbauten gehörte der Berliner Zirkus-Busch-Bau, der bis in die 30er-Jahre vergnügungshungrige Berliner anlockte. Heute sind Zirkusgebäude in Westeuropa rar. Der letzte deutsche Zirkusbau ist der Münchner Circus-Krone-Bau. Er war im Zweiten Weltkrieg zerbombt worden. Doch es entstand ein neues Gebäude, in dem jahrelang die Fernseh-Gala "Stars in der Manege" produziert wurde.

In Pariser Cirque d'Hiver geht es nostalgisch zu: Ein hölzerner Wohnwagen im Zirkuscafé erinnert an die Zeit, als sich Zirkusleute noch mit ein oder zwei PS von Stadt zu Stadt bewegten. Mit dem roten Plüsch, den Kristalllüstern und den gold-glänzenden Verzierungen wirkt der Zirkus-Saal fast wie ein Opernhaus. Jeder der 1600 Sitzplätze ist nummeriert, und jeder Besucher wird von den livrierten Platziererinnen persönlich zu seinem Stuhl gebracht. Das hat Stil.

Doch so nostalgisch der Zirkusbau wirkt, so modern ist seine Licht- und Showtechnik. Nicht, dass der Cirque d'Hiver den Zirkus neu erfunden hätte! Nein, es gibt wie in jedem Zirkus waghalsige Artisten, gelehrige Tiere und schrullige Clowns. Aber spätestens, wenn ein zwölfköpfiges Orchester aufspielt und die elegant gekleideten Ballettmädchen mit einem unterirdischen Lift in die Manege emporfahren, wird klar: Im Cirque d'Hiver werden die Manegenkünste deutlich glamouröser präsentiert als in den meisten reisenden Zirkusunternehmen.

Das passt perfekt in eine Stadt wie Paris, in der klassisches Entertainment noch immer hoch im Kurs steht. Doch während ein Besuch in Revuetheatern wie dem Lido oder dem Moulin Rouge bei vielen Pauschalreisen zum Programm gehört, dient der Cirque d'Hiver eher dem Vergnügen der Einheimischen. Und die kommen jedes Jahr in Scharen.

Während in Deutschland immer mehr Zirkusse über rückläufige Besucherzahlen klagen, ist der Cirque d'Hiver gut im Geschäft. Pro Saison zählt er rund 400 000 Besucher. Zirkusluft hat in Paris eben nicht nur einen festen Ort. Sie hat auch noch eine große Anziehungskraft.

Info Der Cirque d'Hiver zeigt seine Show "Virtuose" bis zum 4. März (www.cirquedhiver.com); Karten kosten zwischen 26,50 und 46,50 Euro. Samstags gibt es in der Regel zwei bis drei Vorstellungen. Adresse: 110, rue Amelot

(RP)
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