Legenden, Strände und andalusische Küche Cadiz – die weiße Stadt am Meer

Cadiz · Angeblich vom antiken Helden Herkules persönlich gegründet und später als Tor zur Neuen Welt berühmt, ist die südspanische Hafenstadt Cadiz heute bei Strandurlaubern und Kreuzfahrern als Ausflugs- und Etappenziel beliebt.

 Der Sporthafen von Cadiz wird eingerahmt von der alten Festungsmauer.

Der Sporthafen von Cadiz wird eingerahmt von der alten Festungsmauer.

Foto: Bernd Schiller

Es gibt Historiker, die diesen einst so stolzen Hafen- und Handelsplatz als älteste Stadt Westeuropas einstufen. Aber es gibt Gästeführer, die ihren Gruppen lieber die Legende vom alten Herakles – bei den Römern hieß er später Herkules – erzählen. Dieser Supermann der Antike, Sohn des Göttervaters Zeus und der sterblichen Alkmene, soll Cadiz gegründet haben. Immerhin können sich die Stadterklärer auf das offizielle Stadtwappen berufen. Flankiert von zwei Löwen und zwischen den berühmten Säulen, die seinen Namen tragen, steht da der Held in ganzer Größe: Hercules Fundator Gadium Dominatorque – Herkules Gründer und Herrscher von Cadiz.

So etwas hören Touristen gern. Aber selbst die Altertumsforscher, die nach Wahrheitskörnchen für die Storys aus der Mythologie suchen, können nicht mit exakten Zahlen aufwarten. Ob wirklich 3000 Jahre Geschichte auf dieser Stadt lasten, wie man in Cadiz behauptet? Archäologen weisen immerhin auf erste handfeste Spuren von Besiedlung aus dem 8. oder 9. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung hin.

Dieser uralte Feigenbaum ist ein beliebtes Klettergerüst für Kinder und ein Treffpunkt für Erwachsene.

Dieser uralte Feigenbaum ist ein beliebtes Klettergerüst für Kinder und ein Treffpunkt für Erwachsene.

Foto: Bernd Schiller

Sicher ist: Cadiz lässt sich auf Gadir (Festung), eine Gründung der Phönizier, zurückführen. Dieses geschickte Seefahrer- und Händlervolk aus der Levante wusste früh die ideale Lage zwischen Mittelmeer und Atlantik, zwischen Europa und Afrika auszubauen. Und natürlich trug auch der Guadalquivir vor der Haustür, Spaniens einzig schiffbarer Fluss, zum Aufstieg der Siedlung am Südwestzipfel Europas bei. Immer öfter nutzen heute Kreuzfahrtschiffe den Wasserweg bis hinauf nach Sevilla, ins Herz der andalusischen Metropole.

Nach der Vertreibung der Mauren 1262 und der Entdeckung Amerikas 230 Jahre später blühte die Stadt auf. Kolumbus war aus dem Nachbarörtchen Puerto de Santa Maria zu seiner zweiten Reise über den Atlantik aufgebrochen. Danach wurde Cadiz rasch zum Standort der Silberflotte, zum Tor zur Neuen Welt weit im Westen und zum Lagerhaus für Kolonialwaren aus dem gesamten spanischen Weltreich.

Aus dieser Zeit, dem 13. und 14. Jahrhundert, stammen die Ursprünge der Kathedrale Santa Cruz. Über die Atlantikpromenade Campo del Sur schlendern nicht selten Fans des 1946 verstorbenen Komponisten Manuel de Falla, („Feuertanz“) diesem schönsten Gotteshaus der Stadt, entgegen. Ihr Ziel ist die Krypta, Ruhestätte dieses großen Sohnes der Stadt. Sein letzter Wunsch war es, nahe dem Meer begraben zu werden, es habe ihn stets inspiriert. Manche Besucher behaupten, in den dunklen Katakomben eine zarte Melodie aus Meeresrauschen und Wellenschlag zu hören. Die Mehrzahl indes, eher von der Totenstille angegruselt, bezweifelt das Klangwunder.

Ein anderer Ruhepol, fern dem Getümmel der Stadt, ist die Aussichtsplattform des Torre Tavira, des berühmtesten der einst über 120 Wachtürme. Der Tavira-Klotz ist heute ein Wahrzeichen. Die 172 Stufen nach oben sind schweißtreibend, der Rundblick über Stadt und Meer ist atemberaubend.

Was suchen und finden die Strandurlauber aus den Ferienorten östlich und westlich von Gibraltar auf ihren Ausflügen in die weiße Stadt? Kultur im weitesten Sinne, zum Beispiel antike Spuren wie das Römische Theater, das allerdings erst zur Hälfte ausgegraben ist, schöne Plätze wie der Plaza de San Juan, Markttreiben wie im Mercado Central, wo seit 1838 Fisch, Gemüse und Obst gehandelt wird. Und wer eine Übernachtung in Cadiz einplant, wird am Abend eines der Ausgehviertel besuchen wollen.

Dort füllen sich aber die Gassen nicht vor 21 Uhr. Und erst gegen Mitternacht steppt der Stier in den Bars und auf den Fressmeilen von Pópolo, Santa Maria oder am Strand von La Viña. Eine Portion Sardinen in einer rustikalen Kneipe gilt als gute Grundlage für so eine lange Nacht. Begonnen und gekrönt werden Imbiss oder Festmenü zumeist mit einem Fino aus dem nahen Jerez de la Frontera, zwanzig Autominuten entfernt. Aus diesem Ortsnamen haben einst zugezogene Engländer den Begriff Sherry abgeleitet.

Wohl jeder Spanien-Urlauber kennt die Silhouette des Caballero mit dem roten Hut und der Gitarre: Tio Pepe, auf Rheinisch: der Onkel Jupp, die wohl bekannteste Manufaktur der Region. Zur Verkostung in den dortigen Bodegas gehört nach alter mediterraner Sitte ein Tellerchen mit einer Scheibe Schinken, einem Stück Manchego-Käse und ein paar Oliven. Und falls am nächsten Morgen ein Katerfrühstück notwendig sein sollte, wird dem müden Herkules unserer Tage ein Garnelen-Omelett mit einer Sauce aus Knoblauch, Paprika und Essig empfohlen, gewöhnungsbedürftig, aber wirksam.

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