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Dachzeile: Auf Löwenjagd am Oderhaff

Dachzeile : Auf Löwenjagd am Oderhaff

Der Ferne Osten Vorpommerns offenbart Erstaunliches in puncto Natur und Kultur, Tradition und Brauchtum. Und das ganz und gar abseits der Touristenströme.

Plötzlich geht Jürgen Henke in die Hocke. Bohrt eine kleine Schaufel in den Sand, siebt mit Daumen und Fingern die Ladung Krümel für Krümel durch und ertastet dann das Objekt seiner Begierde. „Was ihr hier seht, ist ein Ameisenlöwe“, erklärt der Ranger der staunenden Gruppe. Ein gefürchteter Jäger, der Trichter in den Sand wühlt als Falle für Ameisen und Raupen. Und kein Witz: „Um den Rutschprozess zu befördern, wirft er sogar mit Sandkörnchen nach seinen Opfern“, sagt Henke und tippt vorsichtig an die mörderischen Zangen des Insekts. Wie er dem Killer auf die Schliche gekommen ist, bleibt sein Geheimnis: „Berufserfahrung“, kommentiert er lakonisch.

Die Binnendünen von Altwarp liegen am Stettiner Haff in Sicht- und Katzensprungweite von Polen. Ein Naturraum von besonderer Güte und extremen Kontrasten, wie Jürgen Henke immer wieder betont. Einzigartig etwa die immense Population der vom Aussterben bedrohten Kerbameise mit 2500 Nestern, doch auch viele Käfer-, Spinnen- und Schmetterlingsarten finden hier auf Trockenrasen und Feuchtwiesen erstklassige Biotope vor. Was wiederum den Fachmann stets aufs Neue glücklich macht. Glänzende Augen sind auch in Torgelow Programm. Am Rande der Kleinstadt leitet Anette Respondek das Ukranenland. Eine Siedlung am Ufer der Uecker, die ihre Gäste gut tausend Jahre zurückführt in die Zeit, als dieser Teil der Ostseeküste vom heidnischen Slawenstamm der Ukranen besiedelt war. Deren typische Block-, Bohlen- und Flechtwerkhäuser wurden hier in Originalgröße rekonstruiert – ein für Vorpommern einmaliges Museum.

Wie anno dazumal wird hier zudem in mehreren Werkstätten geschmiedet, getöpfert, geflochten, gewebt, geschnitzt, gefilzt, Bronze gegossen, Korn gemahlen und Brot gebacken. Ein Paradies speziell für Kinder, wie die Chefin betont: „Zu uns kommen Gruppen, deren Lehrer meinen, die Kids seien nur zu begeistern für ihre Handys. Von wegen! Wenn sie eine Stunde später einen Löffel geschnitzt, ein Messer geschmiedet oder das dampfende Brot aus dem Lehmbackofen gezogen haben – dann strahlen sie wie Honigkuchenpferde.“ Und noch ein Höhepunkt: Auch die Ausfahrten mit der Svarog, dem ersten in Deutschland rekonstruierten Slawenschiff, sind extrem beliebt.

Drei Nummern größer ist ein anderes schwimmendes Prachtstück, das ebenfalls in Torgelow nach historischem Vorbild gebaut wurde: UCRA, die Pommernkogge. 26 Meter lang und von 26.000 historisch korrekt geschmiedeten Nägeln zusammengehalten, wartet der ganze Stolz der Stadt Torgelow in seinem Heimathafen Ueckermünde nun auf den Startschuss, damit sie 2020 auch in Haff und Ostsee stechen kann. Für Kapitän Werner Löwe steht dabei das originale Erlebnis im Mittelpunkt: „Bei uns gibt’s kein Schickimicki; wir wollen Geschichte vermitteln und uns möglichst authentisch auf die Spuren der Hanse begeben.“ Und das klappt auch jetzt schon ganz prächtig. An Projekttagen trainieren Kinder an Bord maritime Handgriffe und lernen allerlei Interessantes aus dem damaligen Leben. Am Tag der Recherche zum Beispiel war die Pest das Thema. Plastisch-drastisch vorgetragen vom bordeigenen Mönch, der augenzwinkernd zugibt: „Für ‚ne vierte Klasse ist das schon ziemlich gruseliger Tobak.“

Auch für das Seebad Ueckermünde sollte man sich Zeit nehmen. Das Städtchen an der Mündung der Uecker ins Stettiner Haff punktet mit seiner gut erhaltenen Altstadt inklusive vieler Baudenkmäler, dem Stadthafen direkt am Zentrum mit hübscher Promenade und dem Residenzschloss der pommerschen Herzöge mit sehenswertem Haffmuseum. Und wer mal richtig lecker essen will, geht zu Martin Wünscher in den Roten Butt – der Rehrücken ist ein Gedicht.

Bleibt zum Schluss noch das Haff selbst, und wie könnte man es zünftiger erleben als an Bord eines traditionellen Zeesenbootes. Vom Hafen Mönkebude läuft Käpt’n Alwin Harder täglich mit seiner schmucken „Ghost“ aus zu Törns auf diese ganz spezielle Lagune der Ostsee, die größer ist als der Bodensee und doch immer noch ein Geheimtipp.

Harder erklärt, dass die vorgelagerten Inseln Usedom und Wollin das Gewässer fast völlig von der Ostsee trennen. Das macht es zum idealen Revier für Wassersportler, die sich nicht dem oft rauen Wetter auf dem offenen Meer aussetzen wollen. Das macht es zum Traum für Angler, die im Süßwasser Hechte, Zander, Barsche, Karpfen und Aale in Hülle und Fülle finden.

Und nicht zuletzt fasziniert alle hier die weitgehend unberührte Natur. Die breiten Schilfgürtel am Ufer, in denen sich viele Wasservögel wohlfühlen. Der kreisende Seeadler, „der sich gleich seinen Snack holen wird“, wie Harder aus Erfahrung weiß. Die Möwen, die auf den Reusenpfählen der Fischer auf fette Beute lauern. Und die Abendsonne, die sich schlussendlich durch die düstere Wolkenfront bohrt und die Idylle vergoldet – viel friedlicher und schöner kann ein Abend kaum sein.