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Auf der Atlantikinsel Madeira fahren Korbschlitten durch steile Gassen

Madeira : Husch, husch im Körbchen

Rodeln ohne Schnee: Seit mehr als 150 Jahren schliddern auf der bergigen Atlantikinsel Madeira täglich Gäste in Korbschlitten durch steile Gassen ins Tal, gesteuert von Männern in weißen Hosen und mit „Kreissägen“ auf dem Kopf.

Nummer 19 steht auf Regenreifen. Heute jedenfalls, denn sein Arbeitsplatz, die steil abschüssige Straße, ist feucht und rutschig. In seinem Job braucht er „Grip“ auf dem Asphalt, vor allem in scharfen Kurven. Auf seine Regenreifen kann Nummer 19 sich dabei verlassen. Sie haben tiefes Rillenprofil, rollen aber nicht, sondern sind als zentimeterdicke Sohle unter seine verschrammten Stiefel genäht, so wie die Trockenreifen und die Allrounder unter zwei weitere Stiefelpaare. Nummer 19 bildet heute ein Team mit Nummer 13. So stehen sie auf dem Tagesablauf von Nummer 148. Er koordiniert, welche Korbschlitten von wem und wann aus Madeiras 600 Meter hohen Wallfahrtsort Monte ins Tal gelenkt werden. Dabei dirigiert er seine Kollegen nur nach Nummern. Jeder Korbschlittenlenker – portugiesisch: Carreiro – hat eine Nummer, auf Lebenszeit vergeben und eingestickt in die blaue Uniform-Fleece-Jacke.

Nummer 19 – alias José Fabio Sousa Aguiar – ist in gut einer Stunde dran und wartet in der Bar ein paar Meter oberhalb des Startpunkts auf seinen Einsatz – beim Galao, dem portugiesischen Milchkaffee. Durchs offene Fenster dringt Stimmengewirr, hier und da eine laut gerufene Anweisung. Der 31-Jährige blickt lächelnd auf das Treiben in der belebten Gasse. Seine Kollegen, alle in weißen Hemden und Hosen sowie mit Strohhut, auch Kreissäge genannt, bugsieren dort Gefährte, die aussehen wie geflochtene XXL-Hundekörbchen mit Sitzbank zur Startposition. Die darunter montierten Kufen schrammen beim Schieben auf dem Asphalt wie Kanten von Skiern im Schnee. „Genau den aber braucht auf Madeira niemand zum Rodeln“, sagt José Fabio: „Wir schliddern so die Straßen runter, manchmal schmieren wir die Kufen mit Schweinefett ein, damit sie besser rutschen.“ Es ist die wohl weltweit einzige Ganzjahresschlitten-Fahrt bei Temperaturen von 12 bis 30 Grad.

 Der 31 Jahre alte Korbschlittenfahrer José Fabio Sousa Aguiar trägt die Nummer 19.
Der 31 Jahre alte Korbschlittenfahrer José Fabio Sousa Aguiar trägt die Nummer 19. Foto: Stephan Brünjes

Los geht’s für Zigtausende Touristen pro Jahr, nachdem sie 20 Minuten lang per Seilbahn über rote Schindeldächer und fast senkrecht abschüssige Terrassenfelder in Monte eingeschwebt sind. Ein erster Eindruck, wie steil und zerklüftet die vulkanische bis zu 1800 Meter aus dem Atlantik ragende und zu Portugal gehörende Insel ist. Im Jahre 1758 hat wohl der Brite Russell Manners Gordon den ersten Schlitten eingeführt – damals, um Obst und Gemüse leichter runter zum Markt in Madeiras Hauptstadt Funchal zu schaffen. Daher der Schlitten-Name „Carros de Cestos – Karren für (Obst-)Körbe. „Etwa um 1850 musste eine schwer kranke Frau aus den Bergen dringend ins Hospital“, erzählt José Fabio „da kam jemand auf die Idee, sie per Schlitten dorthin zu transportieren.“ Kurz darauf nutzten erste Madeirenser die Carros als öffentliches Personen-Nahverkehrsmittel – Portugals vermutlich ältestes. Seit damals gibt es den Beruf des Korbschlittenfahrers auf Madeira, in vielen Familien von Generation zu Generation vererbt. Leben können nicht alle davon. Emanuel Perreira etwa fährt zusätzlich noch Müllwagen. José Fabio schreckt das nicht ab – ein Freund, dessen Familie keinen Schlittenfahrer-Nachwuchs hat, führte ihn in die Carreiro-Zunft ein.

 Die Sohle der Stiefel der Carreiros besteht aus Autoreifen.
Die Sohle der Stiefel der Carreiros besteht aus Autoreifen. Foto: Stephan Brünjes

Jetzt, gut zehn Minuten vor seinem Start, checkt der hoch aufgeschossene Schlaks, ob er alles dabei hat für die Abfahrt. Am wichtigsten ist sein etwa fingerdickes Seil mit ein paar Knoten drin: „Ich fädele es vorne an der Spitze der Kufe durch ein Loch und ziehe oder bremse damit den Schlitten.“ Gelernt hat er es in der vierwöchigen Carreiro-Fahrschule: „erst mit leerem Schlitten den Berg runter, ohne an Hauswänden entlangzuschrammen, dann einen erfahrenen Kollegen als Touristen-Double kutschieren.“

„Nummer 19!“, ruft jemand in die Bar. José Fabio geht raus, zieht einen der am Haus lehnenden Schlitten zur Startposition. Aus der gegenüber wartenden Menschenschlange werden zwei Passagiere zum Einsteigen gebeten. Renato Mendoza – alias Nummer 13, der Co-Pilot, – stellt sich auf die linke Kufe, José Fabio auf die rechte. „Gut festhalten“, sagt er, wir werden bis zu 40 Stundenkilometer schnell!“ Rasant fühlt sich das an, zu spüren gleich auf den ersten 200 steilen Metern. Scharfe Linkskurve, die Strecke zwischen hohen Hausmauern wirkt wie ein verbreiterter Bob-Kanal. „Das Schwierigste sind die Kurven“, ruft José Fabio ins schrammende Fahrgeräusch der Kufen. Geht’s scharf nach links, bremst Renato links mit Trippelschritten leicht ab, und José macht rechts zugleich lange Schritte in Schräglage, drückt dabei den Schlitten in die Kurve, um sein Ausbrechen nach rechts zu verhindern.“ Die Folge: Enormer Abrieb an den Sohlen – spätestens alle vier Wochen müssen neue unter die Stiefel. Das erledigen Spezialisten unter den etwa 150 Carreiros, sie schneiden Autoreifenteile zu und vernähen sie mit reißfestem Nylonfaden.

 Die Carreiros warten in Monte auf Fahrgäste und somit auf ihren nächsten Einsatz.
Die Carreiros warten in Monte auf Fahrgäste und somit auf ihren nächsten Einsatz. Foto: Stephan Brünjes

Renato und José Fabio wedeln den Schlitten jetzt im Slalom durch die Gasse. Der Asphalt schimmert. „Nein, er ist nicht mehr nass, der sieht so aus, weil wir ihn täglich mit unseren Schlitten polieren“, sagt José Fabio und beteuert, einen Unfall habe es noch nie gegeben. Plötzlich biegt wenige Meter vor ihm ein Auto ein. Beide Carreiros springen sofort vom Schlitten, bremsen ihn mit ihren Seilen ruckelfrei in den Stand. ABS zu Fuß. „Genau hier, nach der Hälfte der Strecke, wollte mal eine ängstliche Frau unbedingt aussteigen“, erzählt José Fabio, etwas außer Puste. Sie verpasste so den Fotopoint und damit eine schöne Erinnerung: Am Rande der Strecke hocken Fotografen, sie sind noch schneller als die Carreiros. Wenn die Schlitten nach zwei Kilometern ins Ziel rutschen, halten dort bereits Männer den aussteigenden Passagieren die per Funk übermittelten Fotos zum Kauf hin. Manchmal sind schreckgeweitete, meist aber glücklich lächelnde Gesichter drauf.