Höhere Beitragssätze wegen Gesundheitsreform Krankenkassen: Lohnt sich ein Wechsel?

Siegburg/Berlin (RPO). Die Gesundheitsreform ist noch nicht verabschiedet. Eines aber steht jetzt schon fest: 91 Krankenkassen wollen ihren Beitragssatz erhöhen, bereits 32 haben die Genehmigung dafür. Deshalb lohnt es sich jetzt, über einen Wechsel der Kasse nachzudenken.

Um 0,7 Prozentpunkte soll der durchschnittliche Beitragssatz bei den gesetzlichen Kassen steigen, teilen die Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenkassen mit Sitz in Siegburg (Nordrhein-Westfalen) mit. Damit würde er 2007 15,0 Prozent betragen. Derzeit liegt der durchschnittliche Beitragssatz bei 14,33 Prozent, sagt Sprecherin Michaela Gottfried.

Und die Verbände gehen in einer Beispielrechnung zum Finanzbedarf der Kassen davon aus, dass er sich bis Ende 2009 auf bis zu 15,4 Prozent erhöhen wird. Grund seien die sinkenden Steuerzuschüsse der Kassen durch den Staat, die Erhöhung der Mehrwertsteuer und die steigenden Kosten im Gesundheitssystem.

"Es ist ein regelmäßiges Vorgehen, dass der so genannte Schätzerkreis den Finanzbedarf der Kassen festlegt - die Selbstverwaltung der gesetzlichen Kassen schätzt also ihren Haushalt für das nächste Jahr ab", erläutert Thomas Isenberg, Leiter der Abteilung Gesundheit beim Verbraucherzentrale Bundesverband in Berlin.

Tatenlos zusehen müssen Verbraucher bei der Beitragserhöhung aber nicht: Mit jeder Beitragserhöhung geht für Versicherte ein Sonderkündigungsrecht einher, das ihnen den Kassenwechsel innerhalb von zwei Monaten ermöglicht.

Und der kann sich lohnen: Wechselt ein Angestellter mit einem monatlichen Bruttolohn von 3562,50 Euro - auf Einkünfte über dieser Grenze werden keine Beiträge fällig - von einer Kasse mit 14,5 Prozent Beitragssatz zu einer mit einem Satz von 12,5 Prozent, spart er im Jahr 427 Euro. Das hat die Stiftung Warentest in Berlin errechnet - eine Ersparnis von 36,50 Euro pro Monat.

Eine klare Grenzlinie zwischen "teuer" und "günstig" lässt sich nicht ziehen - denn die Angebote der Kassen sind unterschiedlich. "Ein Beitragssatz von mehr als 15 Prozent ist aber jetzt schon sehr teuer", sagt Daniela Hubloher, Expertin für Gesundheitsdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Hessen in Frankfurt/Main.

Dennoch sollte niemand nur auf die Prozentzahl schauen. "Der Beitragssatz kann ja schnell steigen", gibt Hubloher zu bedenken. Ein Wechsel lohnt sich nach Einschätzung von Verbraucherschützern vor allem dann, wenn Versicherte sich damit bessere Leistungen sichern. "Sie müssen die Leistungskataloge der Kassen vergleichen", sagt Wolfgang Candidus von der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten in Heppenheim (Hessen). "Der Preis allein sollte nicht den Ausschlag geben." Wichtig ist das vor allem für chronisch Kranke und alle anderen, die viele Leistungen in Anspruch nehmen.

"Wie sieht es aus mit der Zahnbehandlung oder der Übernahme von Leistungen für Diabetiker?", gibt Candidus Wechselwilligen als Frage mit auf den Weg. Solche Fälle, aber auch Krankenhausleistungen seien beim Preisvergleich einzubeziehen. Denn die "Regelversorgung" sei meist kein Problem - Knackpunkte seien vielmehr zusätzliche Leistungen, die nicht im gesetzlichen Katalog enthalten sind. "Letztere sind ja immer gleich und machen 95 Prozent aller Leistungen aus", sagt Daniela Hubloher.

Sie empfiehlt den Vergleich von Leistungen wie Asthmatikerschulungen und Behandlungsprogrammen für Brustkrebs oder Diabetes. Für Eltern kann es außerdem sinnvoll sein, sich nach der Übernahme einer Haushaltshilfe im Krankheitsfall zu erkundigen. "Der gesetzliche Rahmen sieht vor, dass kranke Eltern bis zu vier Wochen eine Haushaltshilfe bezahlt bekommen, wenn sie ein Kind von bis zu 12 Jahren haben. Manche Kassen bezahlen aber auch mehr."

Und in Zukunft kommen für Versicherte noch weitere Auswahlkriterien in Frage: Mit Inkrafttreten der Gesundheitsreform würden Patienten immer mehr individuelle Verträge mit ihrer Kasse schließen, erläutert Thomas Isenberg. "Da sagt die Kasse dann zum Beispiel, dass es einen Bonus gibt, wenn ich eine Einschränkung der Arzt- oder Klinikwahl in Kauf nehme."

Nach Einschätzung von Isenberg wird der "Tarif-Wirrwarr" dadurch noch größer werden. Ebenso kämen auf Patienten seiner Einschätzung nach bald Tarife mit der Möglichkeit eines Selbstbehalts zu: "Da wird der Arzt dann immer mehr zum Kaufmann - und der Patient zum Kunden." Diese Fragen sollten sich Versicherte schon heute bei der Kassenwahl stellen.

Auch das Geschäftsstellennetz der Kassen sollten Versicherte in den Blick nehmen, wenn sie wechseln wollen. Daneben ist ein Blick auf die Öffnungszeiten der Filialen und besondere Serviceleistungen von Vorteil: Das kann nach Aussage von Daniela Hubloher ein Beratungstelefon am Abend oder am Wochenende sein.

Und auch wenn viele zufrieden sind, mit ihrer Kasse nur per Brief, Mail oder Telefon zu kommunizieren: "In der Auseinandersetzung um die Übernahme von Leistungen kann es sinnvoll sein, ein persönliches Gespräch mit dem Sachbearbeiter zu führen." Das führe oft zu viel besseren Ergebnissen.

(gms2)