1. Leben
  2. Ratgeber
  3. Verbraucher

Millionen-Strafen gegen Bierbranche: Über die Leichtigkeit der Verbrauchertäuschung

Millionen-Strafen gegen Bierbranche : Über die Leichtigkeit der Verbrauchertäuschung

Hotelpreise und Benzin, Lebensmittel wie Zucker oder Kartoffeln - und nun Bier. Das Bundeskartellamt hat ein wachsames Auge auf den Markt. Denn nicht immer wollen die Unternehmen dem Verbraucher die günstigsten Preise anbieten. Im Gegenteil.

Wie leicht es ist, den Verbraucher zu täuschen und ihm teurere Preise als marktüblich abzuknöpfen, hat das Bundeskartellamt in diesen Tagen verdeutlicht: Brauerei A ruft bei Brauerei B an und vereinbart, den Preis für einen Kasten Bier um einen Euro zu erhöhen. Fertig. So hat Kartellamtschef Andreas Mundt die Praxis einiger Brauereien beschrieben, die nun zu Millionen-Nachzahlungen aus den Jahren 2006 bis 2008 verdonnert worden sind.

Sicher, ob das Lieblingsbier im 20er-Kasten nun 10,99 Euro oder 11,99 Euro kostet, dürfte den Biertrinker kaum zum Grübeln anregen. Er zahlt. Für die Konzerne aber bedeutet die massenhafte Absprache auch eine massenhafte Einnahme. Daher ist das Kartellamt bestrebt, Preisbewegungen, die auf Absprachen hindeuten und sich zum Nachteil des Verbrauchers auswirken, auf dem Markt genau zu kontrollieren - und gegebenenfalls auch einzuschreiten.

Alle Bereiche betroffen

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Branche - wie nun der Bier-Markt - zu Strafzahlungen verdonnert wird. Betroffen sind nahezu alle Bereiche des täglichen Lebens. Nahrung, Haushaltswaren, Energiepreise. Die Liste ist lang. Dementsprechend groß ist auch der Arbeitsaufwand der Bundesbehörde.

Ende April des vergangenen Jahres hatte die EU-Kommission europaweit die Büros von Zuckerproduzenten wegen des Verdachts illegaler Preisabsprachen durchsucht. Darunter war auch Europas größter Zuckerproduzent Südzucker. Damals berichteten Branchenkenner, dass Verbraucher nicht nur durch deutlich gestiegene Zuckerpreise direkt getroffen sein könnten, sondern auch über zu hohe Preise von Süßwaren oder von gesüßten Yoghurts. Insgesamt haben die Wettbewerbshüter sechs europäische Zuckerproduzenten im Visier. Auch Nordzucker war betroffen.

Kartoffel-Kartell muss Millionen zahlen

Im Mai 2013 wurde bekannt, dass infolge illegaler Preisabsprachen bei Kartoffeln deutschen Verbrauchern und Bauern ein Schaden von mehr als 100 Millionen Euro entstanden war. Das mutmaßliche Kartoffel-Kartell, gegen das Ermittlungen liefen, habe nach Schätzungen eines Branchen-Insiders seit der Gründung vor etwa zehn Jahren einen Gewinn in dreistelliger Millionenhöhe gemacht. Medien berichteten sogar von einem Gewinn in Höhe von rund einer Milliarde Euro über zehn Jahre.

  • Verbotene Preisabsprachen : Brauereien müssen über 100 Millionen Euro Bußgeld zahlen
  • Nun auch Zuckerproduzenten im Fokus : Die Kartelle der Lebensmittel-Hersteller
  • Kartellamt gegen Ölkonzerne: Fragen und Antworten

Laut "Süddeutscher Zeitung" hatten 80 bis 90 Prozent der großen und größeren Verarbeitungsbetriebe in der Kartoffel- und Zwiebel-Branche regelmäßig die Preise abgesprochen, zu denen die Supermarkt-Ketten beliefert wurden. Zeitweise soll die Gewinnmarge rasant in die Höhe gestiegen sein und sich mitunter verzehnfacht haben, vor allem auf Kosten der Verbraucher.

Benzinpreise als Dauerbrenner

Ein Dauerbrenner um Abzocke am Verbraucher ist die Diskussion über zu hohe Preise für Benzin und Diesel. Zumindest nach Ansicht der Autofahrer. Ihren vorläufigen Höhepunkt fand die Debatte im Jahr 2012 — ein Rekordjahr an den Tankstellen. Noch nie war der Sprit so teuer.

Entsprechend groß war der Aufschrei der Millionen Autofahrer. Die Öl-Multis standen am Pranger und die Verbraucher forderten die Politik auf, einzuschreiten und die Preispolitik einzudämmen.

Das Bundeskartellamt untersuchte über mehrere Jahre den Markt und teilte im Jahr 2011 mit, dass die Mineralölkonzerne die Preise regelmäßig gleichförmig erhöhten — eben auch vor Ferien oder Feiertagen. Beweise für illegale Preisabsprachen wurden allerdings nicht entdeckt, sodass das Kartellamt auch keine Bußgelder verhängen konnte. Die Untersuchung der Behörde habe gezeigt, dass die Tankstellen innerhalb kürzester Zeit auf Preisänderungen bei der nachbarlichen Konkurrenz reagieren. Dazu müssten sich die Unternehmen aber nicht absprechen.

Zwei Gründe für Preisabsprachen

Um die mehrmaligen Preisbewegungen am Tag eindämmen zu können, wurde die Markttransparenzstelle im September 2013 eingerichtet, bei der mehr als 13.000 der rund 14.500 Tankstellen in Deutschland ihren Preis an die zentrale Stelle melden. Die Folge: Die Preise steigen und fallen nicht mehr so sprunghaft wie zuvor und auch der Preis selbst ist gefallen. Ob dies mit den leicht gesunkenen Preisen für Rohöl oder der Meldestelle zusammenhängt, bleibt abzuwarten.

Es gibt zwei Gründe für die offensichtlich vielen Preisabsprachen bei Lebensmitteln:

Erstens ähneln sich Kaffeesorten, Kartoffeln, Schokoladentafeln oder auch Biere deutlich mehr als viele andere Produkte wie Autos oder Markenkleidung. "Je homogener ein Warenangebot ist, umso schwerer haben es Anbieter, höhere Preise durchzusetzen", erklärte Klaus Heiner-Röhl, Ökonom beim Institut der Deutschen Wirtschaft (IW), "das kann zu illegalen Absprachen führen."

Zweitens richten sich die Kartelle erst einmal gegen die mächtigen Einkäufer der Handelskonzerne wie Aldi, Lidl, Edeka oder Rewe und nur indirekt gegen die vielen Millionen Verbraucher. Und weil die Handelsgiganten laufend niedrigere Preise fordern, halten die Produzenten immer wieder mit Absprachen gegen. "Lebensmittel in Deutschland sind relativ günstig", sagte Justus Haucap, Vorsitzender der Monopolkommission, "das führt zu besonders hartem Gerangel um Margen." Und darunter leiden in den meisten Fällen die Verbraucher.

Hier geht es zur Infostrecke: EU-Kommission: Die zehn höchsten Kartellstrafen

(nbe)