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Glücksspielmarkt Deutschland (Teil 1): Jedes Jahr 100 neue Lotto-Millionäre

Glücksspielmarkt Deutschland (Teil 1) : Jedes Jahr 100 neue Lotto-Millionäre

Die Deutschen stehen nicht im Ruf, ein Volk von Zockern zu sein. Wir gelten als solide, sparsam und ängstlich. Nichtsdestotrotz blüht auch hierzulande der Glücksspielmarkt. Keiner kennt aktuell genaue Zahlen. 25 Milliarden Euro Jahresumsatz ist eine realistische Größenordnung.

50 Spielbanken mit ihren Dependancen, 230.000 Geldspielautomaten, 25.000 Lotto-Annahmestellen bilden ein engmaschiges Glücksspielnetz. Zusätzlich überschlagen sich im Internet die Glücksspiel-Angebote. Woran es mangelt, ist Transparenz. In einer mehrteiligen Artikelfolge wollen wir deshalb den Glücksspielmarkt in Deutschland aus der Sicht der Verbraucher etwas näher beleuchten. Der erste Teil beschäftigt sich mit dem Deutschen Lotto- und Totoblock.

Das staatliche Monopol bröckelt

In Deutschland (wie in den meisten anderen Ländern) fällt öffentliches Glücksspiel unter staatliche Hoheit. Seit alters her hat der Staat hier seine Hände im Spiel. Er reguliert, er kontrolliert und er kassiert. In der Bundesrepublik wurde schon früh entschieden, das Glücksspiel-Monopol den Bundesländern zu überlassen. Entstanden ist daraus der Deutsche Lotto- und Totoblock (DLTB), die Gemeinschaft der 16 selbständigen Lotteriegesellschaften in den Bundesländern.

Sie führen die staatlichen Glücksspielangebote wie Lotto, Toto, Glücksspirale, Oddset, Keno usw. bundesweit nach gemeinsamen Grundsätzen durch. Unter Aufsicht und zum Nutzen von Vater Staat. 50 Jahre lief das Geschäft auch wie geschmiert. Doch das Monopol beginnt zu bröckeln. Die Umsätze des DLTB sind seit 2007 um rund 15 Prozent geschmolzen, von 7,742 Milliarden Euro auf 6,660 Milliarden in 2011. Ein Teil der Kundschaft geht einfach fremd und versucht ihr Glück via Internet auch außerhalb des deutschen Hoheitsgebietes.

Die Finanzminister der Länder machen sich Sorgen. Doch der Staat ist in einer Zwickmühle. Auf der einen Seite soll er die Bevölkerung vor Suchtgefahren schützen, andererseits schielt er auf möglichst wachsende Glücksspieleinnahmen. Ein neuer Glücksspiel-Staatsvertrag der Bundesländer, der noch von den Landesparlamenten ratifiziert werden muss, soll nun die Weichen in die gewünschte Richtung stellen. Mehr Einnahmen für den Fiskus durch neue staatliche Internet-Lizenzen, und zur Vorbeugung gegen Spielsucht härtere Bandagen für die Konkurrenz der Geldspielautomaten-Betreiber. Für 2012 erwartet der DLTB wieder steigende Einnahmen.

Nur 50 Prozent Gewinnausschüttung

Dass Kunden abwandern, hat sicherlich auch damit zu tun, dass der DLTB bei der Gewinnausschüttung recht knauserig ist. Nur 50 Prozent der Einsätze fließen zurück an die Spieler. Von den 6,66 Milliarden Euro, die 2011 in den Kassen der Lottogesellschaften gelandet sind, blieben für die Kundschaft nur 3,22 Milliarden Euro übrig. Eine stolze Summe gewiss, aber was geschieht mit der anderen Hälfte? Den größten Brocken, 2,58 Milliarden Euro (38,7 Prozent), kassierte Vater Staat in Form von Steuern und Zweckabgaben.

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Glücksspiel-Kunden leisten auf diesem Weg einen wesentlichen Beitrag zum Gemeinwohl. Mit ihrem Geld werden über die Länderhaushalte viele kulturelle Einrichtungen (Theater, Museen, Festivals), aber auch der Breitensport sowie soziale und ökologische Projekte finanziert. 7,5 Prozent der Umsatzerlöse, das sind knapp 500 Millionen Euro im Jahr, erhalten die 25.000 Annahmestellen. Die 2000 oder 4000 Euro Provision im Monat sind für viele lebenswichtig. Den Rest, rund 360 Millionen Euro im Jahr, werden von den 16 Lottogesellschaften gebraucht für Verwaltung, Technik und Marketing.

12,2 Millionen Lottospieler

117 neue Millionäre hat es 2011 durch die verschiedenen Glücksspielprodukte des Deutschen Lotto- und Totoblocks gegeben, fünf mehr als im Jahr zuvor. Nahezu die Hälfte — exakt 58 - erzielten ihre Gewinne in mindestens siebenstelliger Höhe beim Zahlenlotto. "6 aus 49" ist das Flaggschiff des DLTB. Eine echte Volkslotterie, quer durch alle Gesellschaftsschichten. Das Erfolgsgeheimnis von "6 aus 49" ist seine geniale Einfachheit. "Sechs Richtige" begreift jeder. Nach einer Untersuchung des Allensbacher Instituts für Demoskopie spielen 12,2 Millionen Menschen in Deutschland gelegentlich oder regelmäßig Lotto.

3,955 Milliarden Euro blätterten sie 2011 hin für ihren Traum vom "Sechser". Und für 443 Lottospieler wurde dieser Traum tatsächlich Wirklichkeit. Lange Gesichter gab es allerdings bei den Gewinnern der Ausspielung vom 26. November, Für den "Sechser" kamen für den Einzelnen nur 29.638,70 Euro zur Auszahlung. 78 Lottospieler hatten an diesem Tag die sechs richtigen Zahlen angekreuzt. Mehr Glück hatte ein Lottospieler aus Baden-Württemberg, der nach elf Ausspielungen am 2. April 2011 als Einziger den Jackpot knackte und fast 25 Millionen Euro in Empfang nehmen konnte.

Glücksspieler können nicht rechnen

Es nicht bekannt, ob Mathematiker fleißige Lottospieler sind. Bei ihrem Fachwissen müssten sie eigentlich die Finger davon lassen, denn rein rechnerisch sind die Chancen auf einen großen Lottogewinn nicht sehr rosig. Doch der Run auf die Annahmestellen ist dann am größten, wenn die Chancen auf den Volltreffer am geringsten sind: beim prall gefüllten Jackpot. Nach den Formeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung beträgt sie 1:139.838.160.

Zur Aufmunterung aller Lottospieler muss hinzugefügt werden, dass sich die Gewinnchancen nach unten gesehen exzeptionell verbessern. 2011 entfielen fast 89 Millionen Gewinne auf die niedrigste Gewinnklasse (drei Richtige). Mehr als 865 Millionen Euro zu Quoten zwischen 7,10 und 13,00 Euro kamen hier zur Auszahlung.

Spiel 77 auf Platz zwei

Von den vielen Glücksspielprodukten, die der DLTB mittlerweile anbietet, liegt Spiel 77 in der Beliebtheit auf Platz zwei. Für viele Lottospieler ist es zur Gewohnheit geworden, durch ein einfaches Kreuzchen auf dem Lottoschein an dieser Zusatzlotterie teilzunehmen. Stimmt die siebenstellige Gewinnzahl mit den Endziffern des Spielscheins überein, liegt ein Gewinn vor. Je mehr Endziffern in der richtigen Reihenfolge deckungsgleich sind, desto höher der Gewinn. Während in den Gewinnklassen 1 bis 6 feste Quoten gelten (von 5,00 Euro bis 77.777 Euro), ist die Quote in der ersten Gewinnklasse variabel. Sie beträgt mindestens 177.777 Euro, erreicht aber im Durchschnitt ein Vielfaches dieses Betrages durch das Anwachsen des Jackpots.

Spiel 77 war 2011 besonders erfolgreich. Aufgrund der Preisanhebung auf 2,50 Euro je Ziehung steigerte die Zusatzlotterie ihren Umsatz auf 1,249 Milliarden Euro. Sie geizte aber auch nicht mit Gewinnen und brachte 33 neue Millionäre hervor. Den Coup des Jahres landete ein Lottospieler aus Baden-Württemberg, der am 12. Januar 2011 den auf mehr als 11 Millionen Euro angewachsenen Jackpot knackte.

Von den weiteren Glücksspiel-Produkten sollen hier noch kurz behandelt werden:
GlücksSpirale. Die Aussicht auf eine lebenslange monatliche Sofortrente von mindestens 7500 Euro ist außergewöhnlich verlockend für alle Altersjahrgänge. Jede Woche gibt es zweimal die Chance auf diesen Höchstgewinn (Chance 1: 5.000.000). Aber nur insgesamt elf Spielteilnehmer aus dem Bundesgebiet kamen 2011 in den Genuss des Spitzengewinns. Neben den Renten gab es im vergangenen Jahr insgesamt 100 Hauptgewinne von jeweils 100.000 Euro.

Oddset. Hätte diese Sportwette einen attraktiveren Namen, wer weiß, was aus ihr geworden wäre. Der aus dem Englischen entlehnte Name Oddset will uns sagen: Es handelt sich um Sportwetten mit festen Quoten. Für die Kombi-Wette gibt es dazu jede Woche einen neuen Spielplan mit 90 Paarungen aus verschiedenen Ligen und Sportarten, überwiegend aus dem Fußball. Aus dem Spielplan muss der Teilnehmer mindestens drei und höchstens zehn Wettereignisse auswählen. Er kann dabei auf Heimsieg, Unentschieden oder Auswärtssieg setzen. Für jeden Spielausgang ist die Gewinnquote vorher festgelegt.

Kompliziert wird die Oddset-Sportwette weniger durch ihr Regelwerk als durch die Vielfalt der Wettmöglichkeiten. Kombi-Wette, Systemspiel, Top-Wette, aktuelle Wette, Langzeitwette, das ist vielen zuviel. Millionär ist noch niemand geworden bei Oddset. Dafür winken jeden Tag gute Renditen. Wer zum Beispiel am 18. Bundesliga-Spieltag 1000 Euro auf den Heimsieg von Borussia Mönchengladbach (gegen Bayern München) gesetzt hatte, konnte sich über einen Gewinn von 3500 Euro freuen (Quote 4,50). Mit einer Quote von 4,50 ist derzeit auch Bayern München notiert bei der Langzeitwette auf den Sieger der Champions League 2011/12.

Wer dagegen auf den FC Basel setzt, kann mit einer Quote von 175,00 rechnen. Noch läuft es nicht richtig rund bei Oddset. Kombi-Wette und Top-Wette zusammen brachten es 2011 nur auf einen Umsatz von 151,9 Millionen Euro. Bei der Fußballbegeisterung im Lande ist das kümmerlich. Aber auch bei der Sportwette mit den festen Quoten soll 2012 vieles besser werden für den Kunden, einschließlich besserer Quoten.

In der nächsten Folge nehmen wir die Geldspielautomaten, die Spielbanken und die Pferdewetten in den Blick.

Hier geht es zur Infostrecke: Zehn Fakten zum Lotto

(sgo/chk)