Foodwatch kritisiert Nanopartikel in Lebensmitteln

Weiß, weißer, Titandioxid : Foodwatch kritisiert Nanopartikel in Lebensmitteln

Nanopartikel stehen seit Jahren in Verdacht, Entzündungen in Darm und Lunge zu verursachen und krebserregend zu sein. Foodwatch hat sich Lebensmittel angesehen, die noch immer den umstrittenen Stoff Titandioxid enthalten.

Was haben Sonnencreme, Sprühlack und Backmischungen gemeinsam? In allen kann der weißfärbende Zusatzstoff Titandioxid (E171) enthalten sein. Obwohl der Stoff in der Europäischen Union für Lebensmittel zugelassen ist, gibt es in den vergangenen Jahren vermehrt Hinweise, dass Titandioxid krebserregend sein könnte. Frankreich hat daher ein vorübergehendes Verbot für das Jahr 2020 ausgesprochen. Viele Lebensmittelhersteller entfernen den Stoff in der Folge aus ihren Rezepturen. Foodwatch macht nun darauf aufmerksam, in welchen Produkten Titandioxid enthalten ist und wirft dem Lebensmittelhersteller Dr. Oetker vor, am Zusatzstoff festzuhalten. Der Lebensmittelkonzern widerspricht dieser Darstellung.

Seit 50 Jahren wird Titandioxid eingesetzt, wenn Lebensmittel wie Kuchenglasur oder Mozzarella besonders weiß erscheinen sollen. Neben Dr. Oetker verwenden Foodwatch zufolge auch weitere Backzutatenhersteller wie Ruf und Günthart sowie Süßwarenproduzenten wie Mars und Dunkin Donuts Titandioxid in ihren Produkten. Außer in Backzutaten komme der Weißmacher vor allem in Kaugummis und Dragee-Umhüllungen zum Einsatz. Auf Nachfrage von Foodwatch hätten die Hersteller Reinhardt Lolly Spezialitäten und McDonalds angekündigt, in ihren Süßwaren zukünftig auf Titandioxid zu verzichten. Auch Mars wolle künftig kein Titandioxid mehr verwenden, etwa in den M&M’s-Schokolinsen und „Wrigleys“-Kaugummis. Was Foodwatch nun kritisiert ist, dass Dr. Oetker an der Verwendung von E171 festhalte, obwohl der Stoff einfach zu ersetzen sei und zudem keinerlei Nutzen für den Verbraucher habe.

„Krebsverdächtige Zusatzstoffe haben in Lebensmitteln absolut nichts zu suchen“, sagte Patrick Müller von Foodwatch. Auf Nachfrage bei Dr. Oetker habe Foodwatch die Antwort erhalten, dass der Stoff „gesundheitlich unbedenklich sei“. Für alle Dr. Oetker Produkte, die den Farbstoff Titandioxid derzeit noch enthalten, könne Dr. Oetker versichern, dass die Größe des verwendeten Titandioxids oberhalb der Nanogrenze liege. Es seien keine Nanopartikel enthalten. Dem widerspricht Foodwatch vehement. In eigenen Laboruntersuchungen habe man ganz klar Nanopartikel nachgewiesen. Das in der „Backmischung Streuselkuchen“ enthaltene Titandioxid bestehe demnach zu 22 Prozent aus Partikeln in Nanogröße, in den „Lustigen Zuckeraugen“ zu 33 Prozent, im „Fix & Fertig Zuckerguss Classic“ zu 42 Prozent. Das in der „Dekor Kreation Rosa Mix“ enthaltene Titandioxid bestehe sogar zu 100 Prozent aus Nanopartikeln.

Die Dr. Oetker-Produkte „Streuselkuchen“, „Dekor Kreation“, „Lustige Zuckeraugen“ und „Zuckerguss Classic“ wurden von Foodwatch untersucht. Foto: Foodwatch

Bei Dr. Oetker beobachte man die Debatte um den Zusatzstoff sehr aufmerksam und sei sich der öffentlichen Diskussion bewusst, wie der Konzern auf Anfrage unserer Redaktion versicherte. Man arbeite schon längere Zeit an einer Alternative, die Umsetzung könne aber „nicht von heute auf morgen erfolgen“. Zum Zeitpunkt der Foodwatch-Anfrage habe man den genauen Umstellungszeitraum noch nicht mitteilen können, sei nun aber zuversichtlich, dass eine Umstellung bis zum Ende des ersten Quartals 2020 erfolge.

Im Jahr 2018 waren sich die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) noch einig. Von Titanoxid gehe nach Stand der Erkenntnisse keine Gefahr aus. Eine Verwendung in Lebensmitteln sei unproblematisch. Ein Jahr zuvor jedoch bescheinigte die EU-Chemikalienbehörde dem Stoff bei Versuchen mit Ratten eine „vermutlich krebserregende Wirkung bei Inhalation“. Dies betrifft vor allem Sonnencremes und Sprühlacke. Industrievertreter argumentieren, dass sich diese Erkenntnisse nicht auf den Verzehr von Lebensmitteln übertragen ließen.

Titandioxid enthält Foodwatch zufolge aber immer auch einen gewissen Anteil an Nanopartikeln. Dies sind Bestandteile, die kleiner als 100 Nanometer sind und die Zellwände und -zwischenräume passieren und so ins Blut gelangen können. In der Lunge ist dies ebenso naheliegend wie im Darm. Nanopartikel gelten als besonders reaktiv und werden in Studien immer wieder mit Entzündungen des Darms und der Lunge in Verbindung gebracht. Die Verbraucherschützer von Foodwatch fordern daher ein EU-weites Verbot des Zusatzstoffs. Der weitere Einsatz widerspreche dem europäischen Vorsorgeprinzip. Das Vorsorgeprinzip besagt, dass Gefahren für Umwelt und menschliche Gesundheit bei unklarer Wissensbasis möglichst vermieden werden sollen.

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