Fairtrade-Siegel und soziale Lebensmittel: Kann man im Supermarkt die Welt retten?

Fairtrade-Siegel und soziale Lebensmittel: Kann man im Supermarkt die Welt retten?

Mit dem Kauf einer Flasche Wasser den Brunnenbau in Kambodscha unterstützen oder mit dem einer Tafel Schokolade die Kleinbauern in Kolumbien - klappt das wirklich? Wir haben nachgefragt.

Nebenbei die Welt retten, für viele ist das eine Idealvorstellung. Welcher Ort könnte dafür besser geeignet sein als der Supermarkt? Einkaufen muss man sowieso und es bedeutet kaum zusätzlichen Aufwand sich im Supermarkt für eine Alternative zur herkömmlichen Produktion zu entscheiden. Die Erfolge der Bio-Branche machen es vor. Längst kann sich der Verbraucher aber nicht nur für biologische Landwirtschaft entscheiden, inzwischen soll es auch möglich sein, mit dem Einkauf Kleinbauern in Asien und Afrika und Menschen in Not zu unterstützen. Das kommt an: Wurden 2010 noch 340 Millionen Euro mit Fairtrade-Produkten erwitschaftet, waren es 2017 bereits über eine Milliarde Euro. Tendenz steigend.

Entscheiden kann sich der Konsument zwischen zwei Varianten des ethischen Einkaufs. Entweder wählt er

  • Produkte mit Fairtrade-Siegel oder
  • Produkte von sozialen Unternehmen.

Aber was genau unterstützt man, wenn man diese Produkte kauft? Klappt das wirklich und sind Siegel-Produkte vertrauenswürdiger als solche von sozialen Unternehmen?

Wie Produkte mit Fairtrade-Siegel helfen

Das grün-blaue Fairtrade-Siegel kennen viele vor allem von Kaffee und Schokolade. Es taucht aber beispielsweise auch auf Eiscreme, Blumen, Kosmetik, Sportbällen und Kleidung auf. Dahinter stecken weltweite Standards zu denen sich die Firmen verpflichten, die das Siegel wollen. Festgelegt werden sie von der Initiative Fairtrade International. Die beiden wohl wichtigsten Leitlinien:

  1. Alle Inhaltsstoffe, die aus fairem Handel bezogen werden können, müssen auch genutzt werden, wenn ein Produkt das Siegel tragen soll. In einem Schokoriegel muss dann etwa auch der Zucker aus fairem Handel stammen.
  2. Es gibt einen Mindestpreis für das Produkt. So bekommt etwa ein kolumbianischer Kakao-Kleinbauer einen Mindestpreis von 2000 US-Dollar pro Tonne Kakao und ist somit vor einem Kurseinbruch geschützt.
  3. Zudem zahlt die Organisation eine fixe Sozialprämie von 200 US-Dollar pro Tonne.

Drei große Siegelorganisationen konkurrieren dabei um die Gunst der Unternehmen: Fairtrade, UTZ und Rainforest Alliance. Fairtrade arbeitet ausschließlich mit Genossenschaften zusammen und stärkt damit die Verhandlungsmacht der Bauern. Rainforest Alliance setzt sich vor allem für ökologische Standards wie den Schutz vor Erosion und saubere Gewässer ein. UTZ organisiert Schulungsprogramme für Kleinbauern. Mindestpreise gibt es bei beiden Organisationen nicht, Prämien müssen individuell verhandelt werden. Wobei UTZ und Rainforest Alliance kürzlich bekanntgegeben haben, dass sie sich im Laufe des Jahres zusammenschließen wollen.

  • Siegel : Die wichtigsten Bio-Siegel Deutschlands

Klingt gut, hat aber auch einen Haken: „Der Mindestpreis von Fairtrade ist so gering, dass er keine Existenzsicherung für die Bauern bietet“, sagt Johannes Schorling, von Inkota. Das liegt wohl daran, dass der Mindestpreis seit Jahren unter dem Weltmarktpreis für Kakao liegt. „Außerdem wissen immer noch zu wenig Verbraucher von den Produkten oder lassen sich von dem Preis abschrecken.“ Um dem entgegen zu wirken, gibt es im Kakaobereich ein spezielles Programm, das Herstellern erlaubt, nur die Schokolade im Riegel aus fairem Handel zu benutzen nicht auch den Zucker und andere Inhaltsstoffe, die fair produziert werden können. „Seitdem taucht das Siegel auch im Discounter auf und wird bekannter“. Ähnlich wie im Kakao-Sektor steht es etwa auch beim Kaffee- und Zuckerrübenanbau. Trotz der Mängel halten Schorling und auch die Verbraucherzentrale NRW (VZ NRW) den Kauf von Fairtrade-Produkten für wichtig: „Für einen Menschen in extremer Armut, macht auch etwas mehr Geld einen großen Unterschied“, sagt Monika Vogelpohl von der VZ NRW. „So können sie ihre Familien besser ernähren und die Kinder in Schulen schicken.“ Hinzukommt, dass Hersteller, die das Siegel wollen, den Handelsweg des Produkts darlegen müssen. „Bei anderen Produkten weiß man überhaupt nicht, wo sie herkommen“, sagt Vogelpohl.

Wie soziale Produkte helfen

In immer mehr Supermärkten und Drogeriegeschäften finden Verbraucher zudem soziale Produkte von Marken wie Share, Lemonaid oder Charitea, bei denen die Hilfe für Menschen in Entwicklungsländern sozusagen fester Bestandteil des Produkts ist. Ein Rewe-Sprecher sieht die Marken durchaus auf Erfolgskurs. „Es sind natürlich Nischenprodukte. Aber für Nischenprodukte laufen sie sehr gut - auch durch den sozialen Aspekt im Hintergrund.“

  • Beispiel ChariTea: Sie setzen bei der Produktion ausschließlich auf Bio-Rohstoffe von Fairtrade-Plantagen. Pro verkaufter Flasche gehen außerdem 5 Cent an einen gemeinnützigen Verein, der damit Entwicklungshilfeprojekte fördert. Bislang seien damit mehr als drei Millionen Euro für Sozialprojekte in den Anbauregionen gesammelt worden, berichtet Lemonaid.
  • Beispiel Share: Seit etwa einem halben Jahr verkauft das Berliner Start-up bei Rewe und dm Mineralwasser, Flüssigseife und Nussriegel. Fast fünf Millionen Produkte wurden seitdem nach Angaben von Gründer Sebastian Stricker abgesetzt. „Das Prinzip ist einfach: Für jedes verkaufte Produkt der Marke Share wird einem Menschen in Not mit einem gleichwertigen Produkt oder Service geholfen“, sagt Stricker. Ein Code an jedem einzelnen Artikel soll genau zeigen, wo die Hilfe ankommt. Denn um das eingenommene Geld sinnvoll für konkrete Projekte auszugeben, arbeitet Share mit Organisationen wie dem World Food Programme der Vereinten Nationen, der Berliner Tafel und der Aktion gegen den Hunger zusammen. Sie erhalten für jedes verkaufte Produkt einen bestimmten Centbetrag, der einer Mahlzeit, einer Tagesration Wasser oder einem Stück Seife entsprechen soll. Der Erlös aus dem Nussriegel beispielsweise fließt laut Webseite unter anderem nach Bangladesch, wo die Vereinten Nationen Nahrung an geflüchtete Rohingya verteilten. Die Zusammenarbeit mit den bekannten Organisationen soll Verbraucher und Unternehmen Sicherheit geben, „weil diese Organisationen dann üblicherweise ihre Programme sehr streng kontrollieren, um ihren guten Ruf nicht zu verlieren“, sagt Stricker. Aber geht es am Ende nicht doch um Profit? „Der Unterschied zwischen einem herkömmlichen und einem sozialen Unternehmen ist, dass wir erst dann Gewinn machen, wenn gleichzeitig eine große soziale Wirkung erzielt wurde, weil der Verkauf jedes einzelnen Produktes zwingend an eine Hilfefleistung gekoppelt ist“, sagt Stricker. Und was ist der größte Unterschied zu Fairtrade? „Wir haben den Anspruch, die gesamte Wertschöpfungskette zu verbessern. Es geht also nicht nur um faire Preise, sondern beispielsweise auch um ökologische Verpackungen, die Logistik und eine faire Bezahlung für alle Mitarbeiter“, sagt Stricker.

Allerdings räumt er auch ein, dass viele Konsumenten noch nicht wissen, was hinter dem Namen „Share“ steht. „Wir haben den Sinn der Produkte bei der Markteinführung nicht deutlich genug gemacht, das müssen wir in Zukunft ändern.“ Bei Share mag das so sein. Siegel kommen beim Verbraucher grundsätzlich nicht gut an. „Wir wissen aus Studien, dass die Wirkung von Siegeln gering ist, weil sich der Verbraucher zu schlecht informiert fühlt“, sagt Peter Kenning, Professor für BWL und Marketing an der Universität Düsseldorf. „Auf der anderen Seite können Unternehmen mit sozialen Produkten durchaus sehr erfolgreich sein.“ Zweckbezogenes Markteing nennt Kenning das. „Wir wissen, dass das etwa bei Krombacher mit dem Stück Regenwald pro Kasten gut funktioniert hat“. Einzelne Unternehmen können damit also durchaus gute Umsätze erzielen. Nur der Marktanteil wird im Verhältnis gering bleiben.

Einen Strukturwandel in der Wirtschaft können die sozialen Unternehmen deshalb laut Kenning nicht hervorrufen. Share-Gründer Stricker sieht das anders: „Wenn Sie mich fragen, ob man im Supermarkt die Welt retten kann, würde ich sagen: nicht nur, aber durchaus. Denn der Konsument unterschätzt immer noch seine Marktmacht.“ Was er damit meint: Zum einen zählt jede Hilfe, die bei Menschen in Not ankommt und zum anderen, „wenn der Verbraucher vor allem fair und sozial produzierte Produkte kaufen will, hat das eine Signalwirkung, auch auf andere Unternehmen.“

Mit Material der dpa.