Erbe statt Altersvorsorge?: Deutsche erben so viel wie noch nie

Erbe statt Altersvorsorge? : Deutsche erben so viel wie noch nie

Erstmals übersteigt der Gesamtwert der Erbschaften im laufenden Jahr die Marke von 250 Milliarden Euro. In zwei von drei Nachlässen sind Immobilien enthalten. Jüngere verzichten in Erwartung des Erbes auf eine private Altersvorsorge.

Noch nie hat es in Deutschland so hohe und so viele Erbschaften gegeben wie im vergangenen Jahr: Das Erbschaftsvolumen erreichte nach einer Expertenprognose, die die Postbank auf der Basis von Bundesbank-Daten und repräsentativen Umfrageergebnissen des Instituts für Demoskopie Allensbach erstellen ließ, den Rekordwert von 243 Milliarden Euro. Im laufenden Jahr übersteigt der Wert der Erbschaften demnach erstmals in der Nachkriegsgeschichte die Marke von 250 Milliarden Euro.

Im Jahr 2020 werde der Wert des Erbschaftsvolumens bereits 330 Milliarden Euro betragen, so die Prognose. "Das Erbvolumen wird drastisch und auf ein historisches Niveau ansteigen", bestätigte Susanne Klöß, Generalbevollmächtigte Produkte im Postbank-Vorstand, unserer Zeitung. Entsprechend nehmen nach der Postbank-Prognose auch die jährlichen Einnahmen der Bundesländer aus der Erbschaftsteuer von derzeit etwa 4,2 Milliarden Euro um mindestens 200 Millionen Euro pro Jahr zu.

12 Millionen Deutsche erwarten eine Erbschaft

Immer mehr Deutsche profitieren als Erben davon, dass ihre Eltern und Großeltern in den vergangenen Jahrzehnten Vermögenswerte aufbauen konnten. Die Zahl derer, die in der Allensbach-Umfrage angaben, schon mindestens einmal geerbt zu haben, liegt bei 32 Prozent. Mehr als 20 Millionen Deutsche über 16 Jahren hätten demnach bereits geerbt, so die Postbank. Weitere 24 Prozent oder 14 Millionen Bundesbürger erwarten in den kommenden zehn bis 20 Jahren eine Erbschaft. Eine Mehrheit der Deutschen wird demnach künftig zur Erbengeneration gehören.

Da sich die Ersparnisse und Vermögenswerte infolge steigender Immobilienpreise und höherer Kapitalerträge Jahr für Jahr und von Erbe zu Erbe steigern, nimmt auch der Wert jeder einzelnen Erbschaft im Durchschnitt zu: Künftig werde bereits jede fünfte Erbschaft einen Wert von mindestens 100.000 Euro haben, prognostizieren die Postbank-Experten. Bisher habe erst jede sechste Erbschaft einen Wert von über 100.000 Euro. "Die Erbschaften, die einen Wert von 100.000 Euro und mehr haben, werden deutlich steigen", sagte Postbank-Vorstandsfrau Klöß. Kleinere Erbschaften von unter 25.000 Euro seien aber immer noch die meisten.

Für hohe Wertzuwächse bei Erbschaften sorgen vor allem Immobilien: Nach den Erhebungen der Postbank werden Häuser, Grundstücke und Wohnungen künftig in zwei von drei Nachlässen enthalten sein. Die Wahrscheinlichkeit, ein Eigenheim zu erben, werde sich in den kommenden Jahren verdoppeln, meinen die Experten.

Netto-Immobilienvermögen soll auf 3,2 Billionen steigen

Nicht nur die Anzahl, auch die Werte der einzelnen Immobilien-Erbfälle nehmen weiter drastisch zu. Seit Beginn der Niedrigzinsphase infolge der Finanzkrise gehen die Immobilienpreise auch in Deutschland in einigen Regionen steil nach oben. Seit 2010 ist das Netto-Immobilienvermögen nur in der Gruppe der über 65-Jährigen in Deutschland nach den Berechnungen der Postbank-Experten von 1,4 auf 1,6 Billionen Euro gestiegen. Bis zum Jahr 2030 werde sich allein dieser Wert auf 3,2 Billionen Euro verdoppeln, prognostiziert die Postbank.

Die Erbschaftswelle scheint das Problem drohender Altersarmut für viele Bundesbürger deutlich zu entschärfen. Denn immer weniger Berufstätige legen Wert auf eine staatlich geförderte private Altersvorsorge ("Riester-Rente") und immer mehr setzen stattdessen auf ein erwartetes Erbe. Erbschaften seien eine "ideale Form der Altersvorsorge", meinten auch nach den jüngsten Umfrage-Ergebnissen von Allensbach für die Postbank bereits 25 Prozent der Deutschen. Vor zehn Jahren waren es erst 19 Prozent.

Durch den Erbschaftsboom dürfte sich allerdings das Problem der Ungleichverteilung von Vermögen in der Tendenz verschärfen: Wer erbt oder bereits geerbt hat, kann sein persönliches Vermögen über Kapitalerträge weiter stetig erhöhen. Wer dagegen keine Aussicht auf eine Erbschaft hat, hat es deutlich schwerer, zu Reichtum zu kommen.

Hier geht es zur Infostrecke: Neun Fragen zum Thema Vererben

(mar)