Glücksspielmarkt Deutschland (Teil 2): Das schnelle Geld am Spielautomaten

Glücksspielmarkt Deutschland (Teil 2): Das schnelle Geld am Spielautomaten

Vorbei die Zeiten, als Glücksspiel nur in strahlenden Casinos oder düsteren Hinterzimmern stattfand. Heute ist Glücksspiel an jeder Straßenecke und auf jedem PC präsent. Es ist ein Massenphänomen. Die Zahl der Spieler geht in die Millionen, das Umsatzvolumen in die Milliarden.

Kein Wunder, dass ein heißer Kampf um die Marktanteile entbrannt ist. Es herrscht knallharter Wettbewerb im Glücksspielmarkt — mit Gewinnern und Verlierern. Die zweite Folge unserer Artikelreihe beschäftigt sich mit den Geldspielgeräten, den Spielbanken und dem Totalisator.

235.000 Geldgewinnspielgeräte (GGSG)

Die Automatenindustrie mit ihren modernen Geldspielgeräten ist der eindeutige Gewinner im Glücksspielmarkt. Sie verdankt den Aufschwung der vergangenen Jahre nicht zuletzt der zum 1. Januar 2006 neu gefassten Spielverordnung. Ob vom Gesetzgeber gewollt oder nicht, seitdem sind die Geldspielautomaten auf dem Vormarsch. Seit 2005 ist ihre Zahl von 183.000 auf 235.000 (+ 28 Prozent) gestiegen. Der Euro rollt. Das Spielcasino vor Ort ist die Spielhalle oder die Stammkneipe.

Der Verband der deutschen Automatenindustrie (VDAI) meldete für 2010 einen Gesamtumsatz für alle Branchenstufen von 5,14 Milliarden Euro. Allein an den Geldgewinnspielgeräten wurden 3,94 Milliarden Euro umgesetzt. Umsatz heißt hier Kasseninhalt (eingezahlte minus ausgezahlte Beträge). Bei einer Auszahlungsquote von 75 Prozent (Verbandsangabe) betrug der tatsächliche Umsatz demnach rund 16 Milliarden Euro. Das ist fast das Zweieinhalbfache des Umsatzes, den der Deutsche Lotto- und Totoblock mit seinen Glücksspiel-Produkten erzielt.

Auch sonst enthält der Jahresbericht des Verbandes erstaunliche Zahlen. Dort ist die Rede von 8000 Spielstättenstandorten (Volksmund: Spielhölle) mit 165.000 GGSG und 70.000 Geräten, die in Gaststätten stehen. Die Zahl der Spielgäste, die mehr oder weniger regelmäßig an bargeldbetätigten GGSG agieren, wird mit fünf Millionen beziffert. Für viele Gaststätten sind die Glücksspiel-Einnahmen lebenswichtig. Ein gut frequentierter Automat bedeutet für den Wirt rund 500 Euro netto im Monat. Bei drei Geräten kann er davon meistens die Pacht bezahlen.

Casino im Kleinformat

Die heute üblichen Geldspielgeräte der 4. Generation üben auf bestimmte Menschen zweifellos eine starke Faszination aus. Es sind nicht mehr die lahmen elektromechanischen Walzengeräte von einst, bei denen ein Spiel zwölf Sekunden dauerte und die Gewinne "hochgedrückt" werden mussten. Heute handelt es sich um superschnelle Multi Game Stations mit Bildschirmoberfläche und variablen Einsätzen.

Sie haben verheißungsvolle Namen wie Action Star oder Magie Super Multi und bieten zehn verschiedene Spiele zur Auswahl. Man kann zum Beispiel wählen zwischen Extra Wild, Triple Change, Cash Fruits, Blazing Star, Jumble Liner, Jokers Cap und ähnlich exotisch klingende Programme. Ein Casino im Kleinformat. Beim Zusehen verblüfft die Schnelligkeit des Spiels, wie versierte Spieler mit artistischer Fingerfertigkeit mitunter zwei Geräte parallel bedienen.

Wer den entsprechenden § 13.1.1 der Spielverordnung kennt, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Dort heißt es: "Die Mindestspieldauer beträgt fünf Sekunden; dabei darf der Einsatz 0,20 Euro nicht übersteigen und der Gewinn höchstens 2 Euro betragen." In Wirklichkeit dauert ein Spiel zwei bis drei Sekunden, der Einsatz kann bis auf zwei Euro gesteigert werden und der Gewinn pro Spiel locker 50 Euro betragen.

Durch einen raffinierten Schachzug hat die Automatenindustrie die entsprechende Vorschrift der Spielverordnung ausgehebelt. In der Praxis fließt das eingeworfene Geld an den Automaten nicht direkt ins Spiel, sondern wird in vorgeschriebener Geschwindigkeit zunächst auf ein Zwischenkonto gebucht. Ist das Konto ordentlich gefüllt, kann der Spieler loslegen, auch mit hohen Einsätzen.

Die Geschwindigkeitsbegrenzung wird ebenfalls bereits durch die Zeitverzögerung beim Einzahlen umgangen. Bei vielen Geräten können durch Hintergrund-Technik während des Spiels Gewinne aus dem Zwischenspeicher abgezogen oder neues Geld nachgeschossen werden. Die Spieler haben sich an dieses umständliche Procedere gewöhnt. Für sie ist offenbar wichtiger, den Kitzel des schnellen Spiels mit den hohen Einsätzen zu spüren. Gewinne von mehreren hundert Euro sind keine Seltenheit mehr. Verluste aber auch nicht.

Spielbanken auf der Verliererstraße

Von den einschneidenden Veränderungen auf dem Glücksspielmarkt sind vor allem die staatlichen Spielbanken betroffen. Die klassischen Casinos mit ihren prächtigen Fassaden - die meisten außerhalb der großen Städte - befinden sich auf der Verliererstraße. Seit Jahren beklagen sie den Rückgang an Besuchern und Spieleinsätzen.

Manfred Mahlmann, Geschäftsführer von "Westspiel", dem größten Spielbankbetreiber in Deutschland mit sieben Standorten: "Die Branche leidet unter Konsumzurückhaltung, Werberestriktionen und vor allem unter dem massiven Angebot von illegalen Spielangeboten im Internet sowie der kontinuierlichen Ausweitung des gewerblichen Automatenspiels." Die drei Spielbanken in Sachsen-Anhalt (Halle, Magdeburg, Wernigerode) mussten, nachdem sie privatisiert worden waren, Insolvenz anmelden und sind derzeit geschlossen. In Bayern schreiben kleinere Spielbanken rote Zahlen und werden nur noch durch staatliche Zuschüsse am Leben erhalten.

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Früher waren die wenigen Spielbanken in Deutschland trotz ihrer entlegenen Standorte alternativlos. Die "Zocker" hatten keine andere Wahl. In Hohensyburg (Ruhrgebiet), Bad Aachen (Rheinland), Wiesbaden (Frankfurt) und Bad Wiessee (München), um nur einige zu nennen, herrschte Hochbetrieb bis in den frühen Morgen. Und jetzt die Flaute. Das traditionelle Geschäftsmodell der Spielbanken funktioniert nicht mehr. Das Casino des 21. Jahrhunderts ist digital.

Slot machines sind der Renner

Ein Spielbankbesuch ist ein Erlebnis. Der Gast darf nicht einfach herein spazieren, er muss sich ausweisen. Seine Personalien werden daraufhin geprüft, ob sie in der Sperrkartei verzeichnet sind. Wird dem Besucher Einlass gewährt, hat er die Wahl, sich erstmal ins Restaurant zu setzen oder direkt sein Glück beim "Großen" oder "Kleinen Spiel" zu versuchen.

Zu den "Großen Spielen" zählen Roulette, Black Jack, Baccarat und Poker (sie werden unter Aufsicht an Tischen gespielt), bei den "Kleinen Spielen" handelt es um Geldspielgeräte, die so genannten "slot machines" (Schlitzapparate). So klein, wie der Name vermuten lässt, ist das "Kleine Spiel" in Wirklichkeit nicht.

Es bringt den Spielbanken rund 75 Prozent des Umsatzes. Im Gegensatz zu den Geldspielgeräten in Gaststätten und Spielhallen, die letztlich doch eine eingebaute Bremswirkung haben, können die "slot machines" volle Fahrt aufnehmen. Bei Einsätzen bis zu 50 Euro im Drei-Sekunden-Takt geht es um viel Geld. Gewinne von 50.000 Euro am Abend sind genauso dokumentiert wie Verluste in ähnlicher Größenordnung.

Totalisator in Schwierigkeiten

Auf dem absteigenden Ast ist auch der Wettbetrieb auf den Pferderennbahnen (Galopprennen und Trabrennen). Zwar wird auch für Pferdewetten noch viel Geld ausgegeben, aber bei den Rennvereinen kommt davon zurzeit zu wenig an. Ohne großzügige Sponsoren ließe sich der Rennbetrieb nicht mehr finanzieren. Bei den Galoppern reicht die Wett-Tradition zurück bis ins 19. Jahrhundert, und lange Zeit waren Pferdewetten die einzige erlaubte Glücksspielmöglichkeit.

Renntage auf den herrlichen Anlagen in Baden-Baden, Hamburg, Berlin, München, Düsseldorf, Krefeld oder Neuss waren gesellschaftliche Ereignisse mit großen Umsätzen am Totalisator. Den gibt es auch heute noch. Es ist ein Wettsystem, bei dem die Teilnehmer untereinander wetten. Am einfachsten lässt sich das Verfahren an einem einfachen Beispiel erklären:

Für ein Rennen haben die Wetter am Totalisator insgesamt 66.000 Euro eingezahlt, von denen nach Abzug von Steuern und Abgaben 56.000 Euro als Gewinn ausgeschüttet werden. Auf das Siegpferd wurden 16.000 Euro gewettet. Die Gewinnquote errechnet sich aus 56.000:16.000 = 3,50. Wer 30 Euro auf Sieg gewettet hat, bekommt also 105 Euro zurück (30 x 3,50). Wer 30 Euro auf einen Verlierer gesetzt hat, geht leer aus. Nach diesem System lassen sich für alle möglichen Wetten die Gewinnquoten ermitteln.

Wetten beim Buchmacher

Daneben existieren im Wettbetrieb noch die Wettbüros der Buchmacher. Sie sind auch heute noch Treffpunkt der wahren Kenner, meistens älteren Herren, die stundenlang die Rennvorhersagen studieren, via Livestream im Internet (früher Radio) die Rennen von vielen europäischen Bahnen verfolgen und ab und zu auch Wetten abschließen. Sie wetten gegen den Buchmacher, der vorher auf Sieg oder Platz für jedes beteiligte Pferd feste Quoten anbietet.

Der Buchmacher kann aber auch als Totalisateur agieren, als Wettvermittler für Rennveranstalter. Das hört sich alles etwas altmodisch an, und ist es wohl auch. Die Zukunft der Pferdewetten liegt im Internet.

Die nächste Folge unserer Artikelserie über den Glücksspielmarkt Deutschland beschäftigt mit Online-Glücksspiele, dem neuen Universum.

(chk)