Expertenrat: Was gefährlich für Eichhörnchen ist

Expertenrat : Was gefährlich für Eichhörnchen ist

Eichhörnchen werden nicht allein durch die ihnen eigentlich eng verwandten Grauhörnchen gefährdet. VIele Menschen vergessen, dass sie Wildtiere sind.

"Soooo süß": Kaum ein Eichhörnchen-Foto bleibt ohne diesen Kommentar. Die Begeisterung für die Nager mit dem buschigen Schwanz ist hierzulande groß. Jetzt fürchten manche um den Bestand der heimischen Tiere - derzeit aber zu Unrecht.

Die Ohrpuscheln machen den Unterschied. Sie nämlich unterscheiden das heimische Eichhörnchen von seinem Ohrpuschel-freien Verwandten aus Nordamerika, dem Grauhörnchen. Und das sorgt auf den britischen Inseln seit längerem für Probleme: Etwas größer, robuster und von wenig Fressfeinden bedroht, verdrängt es dort das Eichhörnchen (Sciurus vulgaris). Und indirekt rückt es ihm nun sogar in Deutschland auf den Pelz: Denn manche Eichhörnchenfreunde oder Gartenbesitzer verjagen und bekämpfen heimische Hörnchen grauer oder dunklerer Färbung - weil sie sie mit den forschen Grauhörnchen (Sciurus carolinensis) verwechseln.

"Dabei können beide Arten in einem funktionierenden, ausreichend großen Biotop durchaus nebeneinander existieren", sagt Anja Sorges vom Nabu Berlin. Ganz anders als in England und Norditalien sind Grauhörnchen in Deutschland bisher offiziell nicht nachgewiesen worden. Die hiesigen Wälder sind also reine Eichhörnchen-Zonen und auch in den Städten haben sich die possierlichen Nager längst eingerichtet. Akute Gefahr für die kleinen Nagetiere besteht nicht - auch, weil sie geschützt sind , und in Kontinentaleuropa eine stabile Population haben.

In den nächsten Jahrzehnten könnte sich dies aber ändern. "Es ist zu erwarten, dass Grauhörnchen, die in Norditalien ausgesetzt wurden, mittelfristig die Alpengrenze überschreiten", sagt Eichhörnchenexperte und Sachbuchautor Stefan Bosch. Er schätzt, dass Grauhörnchen wegen ihrer größeren Robustheit und etwas anderen Lebensweise die ihnen eigentlich eng verwandten Eichhörnchen dann in die Nadelwälder verdrängen. "Es könnte sein, dass wir dann irgendwann in den Bayrischen Wald oder den Schwarzwald fahren müssen, um Eichhörnchen zu sehen", sagt Bosch.

Auf der Skala der beliebten Tiere stehen sie zumindest ganz weit oben. Kein Wunder:Sie sehen putzig aus, verfügen über beeindruckende Kletterkünste, machen Männchen und bedienen auch als ausgewachsene Tiere das Kindchenschema.

"Doch was viele Menschen vergessen: Sie sind Wildtiere", betont Anja Sorges. Weil vor allem Städter die Tierchen gerne "vermenschlichten", könne es auch zu skurrilen Szenen kommen. So wie vor geraumer Zeit geschehen, als eine Frau die Polizei rief, weil sie sich von einem Eichhörnchen verfolgt fühlte, das ihr partout nicht mehr von der Seite weicht. "Es ist gut möglich, dass dieses Eichhörnchen von einem Menschen aufgezogen wurde", schätzt Sorges. Auch das Foto eines Eichhörnchens, das in einem Gullydeckel feststeckte und von der Feuerwehr aus der misslichen Lage befreit wurde, rührte Zeitungsleser und Netzgemeinde.

In vielen Bundesländern und Großstädten gibt es Eichhörnchen-Notrufe und -Hilfsvereine. Dort kann man anrufen, wenn man ein verletztes oder aus dem Kobel gefallenes Jungtier findet und nicht weiter weiß. In Eckernförde etwa, wo ein Eichhörnchen das Stadtwappen ziert, werden im Eichhörnchen-Zentrum verletzte, verwaiste und kranke Tiere in einem Großgehege aufgepäppelt und dann wieder freigelassen.

In Berlin steht die Aktion Tier-Eichhörnchenhilfe mit Infos zur Ersthilfe bereit - und initiierte unter anderem auch den Bau einer Eichhörnchen-Seilbrücke, die in neun Metern Höhe über eine vielbefahrene Straße führt.

"Das hat sich bewährt", sagt Tanya Lenn, die in den vergangenen 17 Jahren mehr als 1200 Eichhörnchen versorgte. "Es ist ein Riesenbedarf da", ist sie überzeugt. Aber auch sie räumt ein, dass es manchen Findern schwer fällt, die Hörnchen wieder in Freiheit zu entlassen. "Grundsätzlich ist das aber gut möglich."

Experte Bosch sieht solche Aktionen mit sehr gemischten Gefühlen. "Hilfestellungen wie Eichhörnchen-Brücken über befahrene Straßen mögen durchaus Sinn machen. Verletzte Jungtiere aufzupäppeln, hilft den Eichhörnchen aber weniger - vor allem, weil sie doch oft schwer wieder auszuwildern sind und ihnen für das Überleben in der freien Wildbahn wertvolle Fähigkeiten fehlen", erläutert Stefan Bosch. Ein Wildtier ist eben kein Stofftier, auch wenn es so aussieht.

(RP)