Was Tierfreunde über Lemminge wissen müssen

Lemminge — wuselige Pelznasen, die ungern kuscheln

Sie passen bequem in eine Handfläche, sind aber alles andere als Kuscheltiere. Lemminge sind einfach zu halten, beachten ihre Besitzer jedoch nur bedingt.

<p>Sie passen bequem in eine Handfläche, sind aber alles andere als Kuscheltiere. Lemminge sind einfach zu halten, beachten ihre Besitzer jedoch nur bedingt.

Das Gesicht erinnert auf den ersten Blick an Hamster – wenn da nicht der schwarze Strich von der Stirn bis zum Schwanz wäre. Steppenlemminge gehören zu den Wühlmäusen, auch wenn ihr Name anderes vermuten lässt. Seit ein paar Jahren haben sie bei Züchtern und in Zoohandlungen Konjunktur. Doch man darf sich nicht vom Aussehen täuschen lassen: Die Nager sind nicht so niedlich, wie sie aussehen. Hochnehmen und streicheln lassen sie sich nur ungern. Am meisten Spaß haben Halter, die einfach nur gerne beobachten.

Wer sich darauf einstellt, bekommt eine Menge geboten. Die Lemminge bauen sich ein faszinierendes Geflecht von Gängen und Labyrinthen. Sie sind stundenlang unterwegs, suchen nach Futter, ergreifen aber beim kleinsten Geräusch die Flucht. Das Gehege sollte für zwei Tiere mindestens 100 Zentimeter lang und jeweils 40 Zentimeter hoch und breit sein. „Am einfachsten ist es, das Gehege selbst zu bauen“, sagt Christine Wilde. Sie hat selbst über Jahre Lemminge gehalten und ein Buch über die Tiere geschrieben.

Eine gemütliche Behausung lässt sich zum Beispiel aus Spanplatten oder Rück- und Seitenwänden eines Schranks zimmern. Regalböden dienen als Etagen. Um Einstreu hoch einfüllen zu können, sollte vorne eine etwa 30 Zentimeter hohe Plexiglasscheibe angebracht werden. Wichtig ist, dass das Gehege nicht eindimensional ist. „Etagen sorgen für Abwechslung. Sie sind nur sinnvoll, wenn die Lemminge Löcher nach unten zum Verschwinden haben“, sagt Wilde. Sonst gerieten die etwa elf Zentimeter langen Tiere leicht in Stress.

So entsteht ein Lemming-Spielplatz

Bei der Einrichtung ist es wichtig, viel Einstreu zum Buddeln einzuplanen. Sie sollte mindestens 20 bis 25 Zentimeter hoch eingefüllt werden. Gut geeignet ist handelsübliche Kleintierstreu. Damit die Gänge nicht gleich zusammenkrachen, werden am besten Heu und Strohhäcksel untergemischt. Auch ein geräumiges Häuschen ist wichtig: Im Handel sind sie für Hamster erhältlich oder als Nistkästen für Wellensittiche. Durchlöcherte Baumstümpfe, Holzbrücken oder Papprollen sorgen für willkommene Abwechslung im Lemmingbau.

Mit sorgfältigem Aufräumen halten sich Besitzer aber besser zurück: Die akribisch angelegte Gängestruktur sollte beim Saubermachen nicht zerstört werden. „Es reicht, wenn einmal in der Woche etwa ein Drittel Einstreu ausgetauscht wird“, sagt Jürgen Hirt, Mitglied in der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT). Der Bereich, in dem frisches Futter liegt, könne dafür etwas öfter gereinigt werden. Zu fressen bekommen Lemminge am besten eine Mischung aus kleinen, fettarmen Sämereien wie Hirse, Fenchel- und Grassamen. Davon reicht pro Tier etwa ein gestrichener Esslöffel täglich. Außerdem brauchen sie Grünfutter wie Löwenzahn, Schafgarbe, Karottengrün und Chinakohl. Davon dürfen sie so viel fressen, wie sie wollen. Zurückhalten müssen sich Besitzer dagegen bei Obst: „Lemminge neigen stark zu Diabetes“, erläutert James Brückner vom Deutschen Tierschutzbund. Wenn überhaupt, liegen Äpfel, Birnen und Beeren nur sehr selten und in sehr kleinen Mengen im Napf. Da Lemminge das Futter gerne mit vollem Körpereinsatz genießen und im Napf sitzen, sollte dieser nicht zu groß sein. Wilde rät zum Beispiel zu Tonschalen, die eigentlich als Blumenuntersetzer verwendet werden. Denn auch, wenn es entzückend aussieht: Sitzen die Tiere ständig im Futter, ist das unhygienisch. Da die Lemminge nachtaktiv und viel in ihrem unterirdischen Tunnelsystem unterwegs sind, ist oft nicht auf den ersten Blick erkennbar, ob ein Tier krank ist. „Als erste Anhaltspunkte gelten: Frisst es, hat es ein gepflegtes Fell, bewegt es sich normal?“, zählt Hirt auf. Ein Problem sei es, einen passenden Tierarzt zu finden. Nur wenige Veterinäre sind auf Steppenlemminge spezialisiert. „Am besten fragt man beim Zoohändler nach oder erkundigt sich bei anderen Lemminghaltern.“

Zwar ist noch nicht ganz geklärt, in welcher Gruppengröße sich die Tiere am wohlsten fühlen, jedoch wird empfohlen, sie mindestens zu zweit zu halten. Am leichtesten sind Weibchen zu halten. „Männchen sind kleine Machos und gehen gerne aufeinander los“, warnt Wilde. Und bei gemischten Paaren ergibt sich das Problem, dass sich Lemminge rasant vermehren: „Wenn man nicht züchten will, sollte man sich das gut überlegen. Ansonsten muss ich eben wissen, wo ich den Nachwuchs dann unterbringen kann“, sagt Brückner. Ungeeignet ist es seiner Meinung nach, die Lemminge mit anderen Nagern wie Hamstern zusammenzuhalten: „Das gibt nur Beißereien.“

Ein Wermutstropfen bleibt: Halter müssen sich darauf einstellen, dass Lemminge eine eher kurze Lebensdauer von 1,5 bis 2,5 Jahren haben. Dass sich die Tiere allerdings in Selbstmordabsicht eine Klippe herunterstürzen, ist Legende.

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