Steinpilz, Pfifferling und Co Was Pilzsammler zum Saisonbeginn wissen sollten

Berlin · Herbstzeit ist Sammelzeit. Nicht wenige Speisepläne werden derzeit mit frischen Pilzen angereichert. Doch Sammler sollten nicht allzu gierig durch Wald und Wiesen streifen: Das kann kostspielig enden.

 Genau prüfen, was man da mit nach Hause trägt: Viele Speisepilze haben giftige Doppelgänger (Archivfoto).

Genau prüfen, was man da mit nach Hause trägt: Viele Speisepilze haben giftige Doppelgänger (Archivfoto).

Foto: dpa-tmn/Zacharie Scheurer

Pilze sind weder Pflanzen noch Tiere, sie bilden ein eigenes Reich. In Deutschland gibt es geschätzt rund 14.000 Arten. Viele Bäume könnten ohne sie kaum wachsen. Pilze sind ein wichtiger Bestandteil des Ökosystems – viele seltene Schnecken, Insekten und andere Tiere ernähren sich von ihnen. Und auch der Mensch.

Ist 2023 ein besonders ergiebiges Sammeljahr?

Der zeitweise regnerische Sommer hat die Pilze vielerorts bereits weit vor dem kalendarischen Herbstanfang am 23. September sprießen lassen. Warm und feucht - das ist immer gut für das Pilzwachstum. Je nach Wetterbedingungen konnten Sammler schon von Juli an durch die Wälder streifen. Denn da zeigten sich der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM) zufolge bereits Sommersteinpilze und Pfifferlinge.

Die Mykologische Arbeitsgemeinschaft Schleswig-Holstein erklärt zum Beispiel schon Anfang August: Bei dem feucht-warmen Wetter, das sonst erst im Frühherbst herrscht, seien alle klassischen Speisepilze bereits vertreten.

Auch in Thüringen waren mitten im Sommer Goldröhrlinge, Steinpilze, Rotfußröhrlinge, Wiesenchampignons und verschiedene Täublinge zu finden. Für Mecklenburg-Vorpommern heißt es von Pilzberater Klaus Warning jüngst: „Wegen der nassen Witterung hat sich die Saison vorverlagert. Dieses Jahr haben wir im August schon viele Pilze, die eigentlich erst später wachsen würden.“ Mancher Experte spricht von einer Steinpilzflut im August.

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Foto: dpa/Uwe Anspach

Was bedeutet der Klimawandel für Pilze in Deutschland?

Extreme Hitze und längere Dürren setzen den Wald insgesamt unter Druck – und damit auch die Pilze. Denn sie gehen unter der Erde eine Symbiose mit Bäumen ein: Die Pilze liefern Wasser und Nährstoffe und erhalten im Gegenzug Kohlenhydrate in Form von Zucker. Stirbt ein Baum, suchen sich die Pilze eigentlich einen neuen Organismus. Doch wenn durch ein rasanteres Waldsterben weniger gesunde Bäume zur Verfügung stehen, gehen Experten zufolge auch die Pilzgründe zurück.

So habe zum Beispiel der dramatische Rückgang der Fichtenwälder in Nordrhein-Westfalen aufgrund von Dürre und Borkenkäferbefall zu einem enormen Verlust von traditionellen Fundstellen geführt, sagt Jan Preller, Leiter des Waldinformationszentrums Hammerhof bei Warburg.

Auch der begehrte Speisepilz Burgundertrüffel wird wegen der Zunahme heißer und trockener Sommer rarer. Eine Langzeit-Studie von Schweizer und deutschen Wissenschaftlern kommt 2022 zu dem Ergebnis, dass eine um ein Grad höhere durchschnittliche Sommertemperatur die Ausbeute um rund ein Viertel senkt, an manchen Standorten sogar um bis zu 70 Prozent.

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Foto: RP/Neanderland Tourismus

Doch es gibt auch Gewinner des Klimawandels: Arten, die eigentlich im Mittelmeerraum wachsen, sind mittlerweile auch nördlich der Alpen zu finden. Dabei halten nicht nur Speisepilze wie der Kaiserling Einzug, sondern auch giftige Arten.

Experten gehen davon aus, dass der Klimawandel langfristig eine Veränderung der Pilz-Vorkommen bewirkt. Kälteliebende Arten werden sich in höhere Lagen zurückziehen und wärmeliebende Arten stärker nordwärts ausbreiten.

Giftig oder essbar: Wie hilfreich sind Pilz-Apps?

Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Mykologie sind hierzulande immerhin mehr als 6000 Großpilze bekannt. Um die Unterschiede etwa zwischen einem essbaren Perlpilz und dem sehr giftigen Pantherpilz zu erkennen, verlassen sich erfahrene Pilzsammler auf ihr Auge.

Handy-Apps locken damit, Pilze schnell und einfach teils anhand eines einzigen Fotos bestimmen zu können. Aber: Das variable Aussehen der Pilze in Deutschland könne keine App in allen Formen wiedergeben, heißt es auf der Homepage der Gesellschaft.

Die Experten und Expertinnen empfehlen deshalb generell keine Apps zur Bestimmung von Speisepilzen. Das Wissen darum, welche Sorte essbar, ungenießbar oder giftig ist, solle besser über Lehrwanderungen, Kurse, Bestimmungsveranstaltungen oder Ausstellungen vertieft werden.

Auch Pilzberater in den Bundesländern halten Apps zur Pilzbestimmung für ungeeignet, wie sie der dpa erklären. Sie lägen bei der Bestimmung der Art häufig daneben. Die Kombination verschiedener Merkmale sei sehr komplex.

Wie viel und wo darf gesammelt werden?

Die Menge richtet sich nach dem Eigenbedarf. Grundsätzlich darf man nur so viele Pilze in den Korb packen, wie man selbst verwerten kann. Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände gibt an, dass das Limit je nach Gegend in Deutschland variiert.

In Nordrhein-Westfalen etwa gehen die Behörden von höchstens zwei Kilogramm pro Sammler und Tag aus, anderswo kann es weniger sein. Wer mehr sammeln will, braucht eine Genehmigung. Pilze aus dem Wald auf Märkten oder an die Gastronomie zu verkaufen, ist verboten.

In Naturschutzgebieten und Nationalparks ist das Sammeln grundsätzlich untersagt. Nach den einzelnen Waldgesetzen in den Bundesländern kann es ebenfalls rechtswidrig sein, eingezäunte Waldstücke, Schonungen oder Flächen mit Holzeinschlag zu betreten.

Auch sind bestimmte Arten aus Schutzgründen tabu, wie zum Beispiel der Sommer-Röhrling oder der Trüffel. Einige beliebte Speisepilzarten wie Steinpilz, Pfifferling, Birkenpilz oder Morchel dürfen nach der Bundesartenschutzverordnung „in geringen Mengen für den eigenen Bedarf der Natur entnommen werden“.

Wer dagegen verstößt, kann sich ein hohes Bußgeld einhandeln. Im September 2018 zum Beispiel mussten in Baden-Württemberg zwei Pilzsammler 1700 Euro Strafe zahlen, weil in ihrem Kofferraum insgesamt 19 Kilogramm Steinpilze gefunden wurden – bei einer erlaubten Menge von einem Kilogramm pro Sammler und Tag.

Wie radioaktiv belastet sind Pilze in Deutschland?

In der Bundesrepublik ist es nicht erlaubt, Lebensmittel mit mehr als 600 Becquerel Cäsium-137 pro Kilogramm in den Handel zu bringen. Doch nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz sind bestimmte Pilzarten in einigen Gegenden stärker mit diesem radioaktiven Stoff belastet. Gründe sind die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl von 1986 und nach einer aktuellen Analyse auch Atomwaffenversuche vor allem in den 1950er Jahren.

Hauptsächlich der Süden Deutschlands – Südbayern, der Bayerische Wald und Teile Oberschwabens - ist betroffen.

In den Jahren 2020 bis 2022 hat das Bundesamt insgesamt 165 Pilzarten untersucht. Messwerte von mehr als 1000 Becquerel Cäsium-137 pro Kilogramm fanden sich zum Beispiel bei Semmelstoppelpilzen, verschiedenen Schnecklingsarten, Gelbstieligen Trompetenpfifferlingen, Gemeinen Rotfußröhrlingen, Maronenröhrlingen, Mohrenkopfmilchlingen, Ockertäublingen, Rotbraunen Scheidenstreiflingen, Violetten Lacktrichterlingen und Ziegenlippen.

Der Genuss von 200 Gramm Pilzen mit 2000 Becquerel Cäsium-137 pro Kilogramm habe eine geringere Strahlendosis zur Folge als etwa ein Flug von Frankfurt am Main nach Gran Canaria, heißt es vom Bundesamt zur Einordnung. Doch Erwachsene, die jede Woche eine solche Menge zu sich nähmen, erführen im Jahr eine Strahlendosis wie bei rund zwanzig solchen Flügen.

(clv/dpa)
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