Hans Onkelbach testet die "Enoteca del Terra" in Mülheim/Ruhr

Restaurant-Test: Vom Rätsel um die roten Johannisbeeren

Die „Enoteca del Terra“ in Mülheim überrascht den Gast gleich mehrfach. Dazu später mehr. Aber die Küche versteht ihr Handwerk.

Gut gelegen? Erste Überraschung – die Lage. Das Restaurant nennt als Adresse die Kölner Straße in Mülheim an der Ruhr. Das dürfte den meisten nichts sagen. Wird aber hinzugefügt „die Caravanmeile“, nicken viele, denn diese Route, die vom Breitscheider Kreuz in die Mülheimer City führt, ist Deutschlands längste Verkaufsstraße für Wohnwagen und -mobile. Das ist nicht zu übersehen.

Die „Enoceta del Terra“ dagegen schon, denn sie liegt mitten in (oder neben) einem Betrieb für feine Gartengestaltung, mit reichlich – wie passend! – Terracotta im Angebot. Also eine ungewöhnliche Lage am Rande eines Gewerbegebietes, aber sie hat ihren Reiz, vor allem wenn man zu wärmeren Zeiten auf der Terrasse sitzt und sich dank des Gartengestalters nebenan mit erdbraunem Ambiente wie in der Toskana fühlt.

Wer allerdings in dieser geschmackvoll durchdachten Optik auf die Idee kam, dort zwei simple Getränkekühlschränke zu platzieren, ist schwer nachzuvollziehen.

Gut geschmeckt? Ein Ja – mit nur kleinen Einschränkungen. Wir entschieden uns für eine Vorspeisenplatte und waren angenehm überrascht vom Aroma der Tomaten, auf denen ein köstlicher Burrata lag. Auch die anderen Antipasti – unter anderem Vitello Tonnato, Thunfischtatar – waren tadellos. Vorab hatte man Brot mit Oliven und hauchdünnen Schinken gereicht, was noch besser angekommen wäre, hätte man frischeres Backwerk genommen.

Die Hauptgerichte: Risotto mit Scampis, Spaghetti Aglio e Olio mit Scampis, eine Variation aus verschiedenen gegrillten Fischsorten. Der Risotto war so, wie er sein sollte, aber bei der Fisch-Variation würden wir (wie in allen Restaurants!) eher abraten – das hat immer was von Resterampe, selbst wenn es, wie hier, nicht wirklich zu beanstanden, aber halt langweilig war. Dass es als Deko zum Fisch wie zum Risotto jeweils eine Rispe mit roten Johannisbeeren gab, sah zwar nett aus, ließ uns aber ratlos zurück – vermutlich liebt der Koch den optischen Effekt. Die Spaghetti, eigentlich gut gewürzt und mit der nötigen angenehmen Schärfe, ließen das Salz vermissen. Das jedoch war per Salzmühle leicht zu beheben.

Den Preis wert? Nun ja – das Terra ist nicht gerade preisgünstig. Dass die normalen Spaghetti Aglio e Olio 7,40 Euro, mit Scampis 16,90 Euro kosten, halten wir für ambitioniert. Auch die Fischvariation mit 29,90 Euro in Rechnung zu stellen, scheint uns zu teuer. Dagegen finden wir die große Antipastiplatte für zwei Personen mit 29,90 Euro okay, auch das Thunfischsteak ist mit 25,90 Euro fair kalkuliert. Preislich in Ordnung war die Flasche Lugana, die der Wirt sich mit 26 Euro bezahlen lässt.

Überraschungen? Oh ja! Es gibt weder Speise- noch Weinkarte. Dafür wird eine Tafel auf Rollen gebracht, auf der in winziger Schrift eine ganze Reihe von Angeboten aufgeschrieben sind. Nicht jedermanns Sache, denn die Lesbarkeit und Klarheit lassen zu wünschen übrig. Zumal es im Internet eine Speisekarte gibt, auf der die italienischen Standards angeboten werden. Die Frage nach der Weinkarte beantwortete man mit einer großen Geste Richtung Weinregal, das eine Wand des Restaurants komplett ausfüllt und in dem vieles von dem steht, was in Italien önologisch Rang, Namen, aber auch seinen Preis hat: Bitte sehr, man möge wählen. Da man den Flaschen (keine Preisschilder) aber leider nicht ansah, was sie kosten sollten, war das Ganze schwierig, um nicht zu sagen: ärgerlich.

Gut bedient? Ja – aber wenn der Service (in diesem Fall männlich, reiferen Alters) seinen eh schon kumpelhaften Charme meinte, mit allerlei Scherzen würzen zu müssen, kann das leicht schiefgehen, weil das nicht jedem schmeckt. Uns war es recht, aber wir raten zu mehr Zurückhaltung.

Fazit Wir grüßen gern eine handwerklich gut arbeitende Küche und raten dem Management dringend zu einer transparenteren Angebotspräsentation. Also: klassische Speisekarte wie Weinkarte – und auf der Tafel wechselnde Alternativen. Ach ja – die roten Johannisbeeren: Sie sind entbehrlich!

Enoteca del Terra, Kölner Straße 160, 45481 Mülheim/Ruhr, 0208 828 7812, info@restaurant-terra.com; geöffnet Montag bis Sonntag, 11 bis 22 Uhr

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