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Die Störenfriede (8): Herr Sieben denkt bei Ameisen gleich an den Kammerjäger

Die Störenfriede (8) : Herr Sieben denkt bei Ameisen gleich an den Kammerjäger

Herr Goertz entdeckt eine Ameisenstraße im Wohnzimmer und schreitet zur Tat. Herr Sieben zitiert Kafka und ist von der Moskitonetz-Konstruktion seines Kollegen nicht beeindruckt. Und dann ist da noch die Sache mit dem Roomboy.

Einmal in der Woche chatten die Redakteurs-Kollegen Christian Sieben und Wolfram Goertz miteinander, um sich nach dem Befinden des anderen zu erkundigen. Beide verbindet eine satirische Sicht auf die Dinge, ansonsten sind sie streng beim Sie. In ihren Gesprächen geht es oft um Alltägliches, gelegentlich um Grundsätzliches, und manchmal steht am Ende sogar eine Erkenntnis.

Sieben Herr Goertz, wobei störe ich?

Goertz Ich habe eine Straße von Ameisen im Wohnzimmer. Die müssen über den Balkon reingekommen sein. Feuchtigkeitsflüchtlinge.

Sieben Wahrscheinlich haben die armen Viecher Angst vor Ihrem Balkon-Pool. Aber im Ernst: Wie schlimm ist die Lage?

Goertz Überschaubar. Einzelne laufen in der Küche schon die Geschirrspülmaschine hoch. Auf Anrufe und Polizeikellen reagieren sie ja nicht. Ich muss sie erschlagen.

Sieben Als Wolfram Goertz eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sein Wohnzimmer in eine ungeheure Ameisen-Autobahn verwandelt. Entschuldigen Sie bitte. Aber wie kommen Ameisen in den zweiten Stock. Ist das nicht ein Fall für den Kammerjäger?

Goertz Der einzige Text von Kafka, den Sie gelesen haben, verehrter Herr Sieben, hat sich Ihnen offenbar eingebrannt. Nein, die Balkontür war offen, um die schwüle Luft rauszulassen. Das haben sie schlau ausgenutzt. Ich sehe auch, wie diese Straße über die Balkonschwelle in die Wohnung führt.

Sieben Die Unterstellung lasse ich Ihnen ausnahmsweise mal durchgehen. Insekten in der Wohnung würden mich dennoch beunruhigen. Wussten Sie, dass sich Ameisen Sklaven halten? Das habe ich mal im Fernsehen gesehen. Mich stören schon Fruchtfliegen.

Goertz Da bin ich beruhigt, dass ich nicht der einzige Mensch in diesem Chat bin, den Insekten in der Wohnung in hohem Maße irritieren. Aber nicht alle: Spinnen dürfen bleiben, Bienen und Hummeln werden liebevoll durch Zeitungswedeln nach draußen gebeten. Alles andere bekommt die Klatsche oder die Chemie zu spüren. Wie ist Ihr Verhältnis zu Mücken?

Sieben Mücken in der Wohnung habe ich sehr selten. Bienen werden durchs offene Fenster in die Freiheit entlassen. Motten sind fies, denen komme ich ungern nah. Die machen auch einen Heidenkrach. Aber die erledigen sich von selbst. Meistens im Deckenfluter. Hatten Sie mal Silberfische?

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Goertz Nur einmal, eine sehr vorübergehende Erscheinung, die unter meinem Pantoffel beendet wurde. Motten sind fies. Aber Mücken sind Bastarde. Vor allem das Anfluggeräusch an mein Ohr ist die Hölle. Im Urlaub am Meer löse ich das Problem in jedem Hotel der Welt sehr elegant. Wollen Sie wissen?

Sieben Von Ihnen lerne ich immer noch am liebsten! Bitte!

Goertz Ich habe ein Moskitonetz in Kastenform. Maße: 220 x 220 Zentimeter in Länge und Breite. An sechs Schlaufen und Schnüren kann es befestigt werden. Ich führe im Urlaub stets sechs Tesa-Power-Strips mit mir, die klebe ich an die Zimmerdecke (lassen sich hinterher leicht wieder lösen) und befestige die Schnüre daran. Und dann drücke ich dem Zimmermädchen zehn Euro in die Hand, erkläre ihm die Konstruktion – und dann habe ich 14 wonnige und ruhige Tage und Nächte.

Sieben Also vereinfacht ausgedrückt: Sie schlafen unter einem Moskitonetz. Auf diese Idee kam wahrscheinlich noch niemand. Sie sollten endlich Influencer bei Instagram werden. Das wäre jedenfalls ein erster guter Livestream. Aber zurück zu Ameisen. Was ist die Perspektive? Integrieren Sie die Autobahn nun dauerhaft in Ihr Leben?

Goertz In der Zeit, die Sie zum Verfassen Ihrer gehässigen Kommentare benötigen, habe ich die Autobahn kurzerhand vernichtet. Alles abgesprüht. Der Raum ist jetzt für 30 Minuten unzugänglich. Egal. Ich bitte übrigens um Vergebung, dass mir in dem ganzen Nerventheater das Wort „Zimmermädchen“ rausgerutscht ist. Darf man das noch sagen?

Sieben Keine leichte Frage. Ich habe mal gegoogelt, der Breidenbacher Hof sucht derzeit „Aushilfe Zimmermädchen/Roomboy im Spätdienst (m/w/d)". Da hätte ich eher Probleme mit dem Wort Roomboy. Aber Glückwunsch zum Erfolg. Später bitte gut lüften!

Goertz Ich werde heute noch einige Kontrollgänge durchführen. Einige Ameisen sind auch entwischt und praktizieren vielleicht unter dem Sofa bereits Sklavenhaltung. Ich werde unerbittlich einschreiten. Ich habe hier ja weder Zimmermädchen noch Roomboy. Ihnen aber wünsche ich, dass Sie ein Sprichwort beherzigen: „Wer seine Verdienste im Kleide hat, dem fressen sie die Motten."

Sieben Da sind wir einer Meinung. Der wahre Mann von Welt trägt den Nerz stets nach innen. Wir sprechen uns noch!

Goertz So sei es!