Geburtshilfe: Wie würde Maria heute entbinden?

Geburtshilfe: Wie würde Maria heute entbinden?

Moderne Geburtshilfe muss vieles leisten: Natürlichkeit der Umgebung, perfekte medizinische Versorgung, geschultes Krisenmanagement. Die Schwangere hat die Qual der Wahl.

Aus gynäkologischer Sicht war die Geburt des Gottessohns vor über 2000 Jahren offenbar nicht erwähnenswert: Beim Evangelisten Lukas war sie kein Thema. Mutter Maria, laut Bibel die "ewige Jungfrau", überstand die Entbindung prächtig; der Stall zu Bethlehem war aus hygienischer Sicht unbedenklich, der Knabe trug keine Infektionen davon und konnte nach acht Tagen ordnungsgemäß beschnitten werden - und sieht man von den ebenso unerwarteten wie wunderlichen Gästen der Kleinfamilie ab (Hirten, Engel, Weise), die bald nach der Entbindung eintrudelten, war das damals in der Krippe eine Angelegenheit von angenehmer Schlichtheit. Und die Muttergottes hatte noch ein paar Jährchen Zeit, um dem Kind in aller Ruhe zu erklären, wer sein richtiger Vater war.

Die Theologie verweist gern auf die Überzeitlichkeit dieses spektakulären Geburtsvorgangs: Jesu Ankunft ereigne sich gleichsam täglich überall auf der Welt, unter uns - und beileibe nicht nur an den feinsten Adressen, sondern gerade im Ortlosen, Unwirtlichen, Heiklen. Wo aber würde Maria heute entbinden? Würde sie sich ein Geburtshaus suchen oder lieber in die Universitätsklinik gehen? Würde sie eine Narkose wünschen? Hätte sie schon früh weitreichende Pränataldiagnostik betreiben lassen? Würde heute eine Mutter den Messias und künftigen "Retter der Menschheit" ohne gebührenden ärztlichen Beistand gebären wollen? Wäre Maria einem Kaiserschnitt abgeneigt? Oder würde sie es sehr weich und natürlich wünschen, vielleicht als Wassergeburt? Diese Fragen sind nicht so banal, wie sie scheinen. Für jede Frau, auch für die Muttergottes, war und ist die Geburt eines Kindes ein einzigartiger Vorgang, auch wenn manche Mehrfachmutter vor der vierten Entbindung so resolut und krisensicher scheint, dass sie vor dem Kreißsaal beinahe noch bei Aldi vorbeigehen könnte, um H-Milch zu kaufen.

Theologen glauben felsenfest, dass eine moderne Maria das Wagnis des Unbehausten, Kargen und Hilfsbedürftigen nicht scheuen würde - Maria, die ihr Kind in einem Flüchtlingsboot zur Welt bringt? Oder im Gaza-Streifen? So oder so, die Geburt des Gottessohns ist immer eine Risikoschwangerschaft, bei der allerdings ganz sicher von höchster Stelle die Hand über allem gehalten wird. Darf man fragen, ob Maria das Kind damals allein zur Welt gebracht hat? Ob Josef ihr geholfen hat? Oder ob sie fremde Hilfe angeboten und auch gewährt bekommen hat? Wenn das der Fall war, dann von weiblicher Seite. Der Beruf der Hebamme ist einer der ältesten, seriösesten und schönsten der Menschheit, auch in Bethlehem (oder Nazareth, wie die Historiker glauben). Männer waren bei einer Geburt selten anwesend.

Selbst wenn eine moderne Maria sich heute vermutlich auf ihre Bestimmung, auf ihren theologischen Auftrag und auf die Gewissheit besönne, dass sich ihre Schwangerschaft auch am Ende wunderbar von selbst austrägt, so wüsste sie vermutlich doch, welche Möglichkeiten die aktuelle Geburtsmedizin bietet. Sie ist, wie man so sagt, breit aufgestellt. Sie bedient die Sehnsucht nach größter Ursprünglichkeit, gern im heimischen Umfeld und nur mit Hebamme, weil sich manche Schwangere nicht automatisch als Patientin eines Arztes fühlen will, nur weil sie schwanger ist. Solche Frauen besitzen ein gesundes Urvertrauen in die Entspanntheit der Dinge und die Regulationskräfte der Natur. Auf der anderen Seite steht der ebenso verständliche Wunsch einer Schwangeren nach höchster medizinischer Sicherheit, die die Anwesenheit rettender Weißkittel und einer Kinderklinik mit vielfältigen neonatologischen Kompetenzen im Fall von Komplikationen vorhält. Kinderklinik im Haus: Das ist ein starker Faktor.

Solche Situationen, dass der Arzt bei der Geburt nicht nur Assistent, sondern Lebensretter ist, gibt es immer wieder - und je raffinierter und leistungsfähiger sich die moderne Apparate-Medizin aufstellt, desto präziser kann sie auf Situationen reagieren, die früher nicht selten gefährlich für das Leben von Mutter und Kind waren: die vorzeitige Lösung des Mutterkuchens mit drohendem Sauerstoffmangel des Kindes, der kritische Abfall der kindlichen Herztöne, die sogenannte Eklampsie mit Krämpfen und Blutdruckanstieg als intensivmedizinischer Notfall bei der Mutter. In solchen Lagen hatte die Geburtsmedizin über Jahrhunderte nur ein begrenztes Repertoire - und oft nur diese Alternativen: Retten wir die Mutter, oder retten wir das Kind?

Diese Not konnte durch den Kaiserschnitt früher nie gewendet werden - er war zwar allgemein bekannt; doch um das Kind zu retten, bedurfte es des Todes der Mutter als Voraussetzung; leider warteten die Ärzte oft sehr lange, bis sie sich ihres Totenscheins sicher waren (bis zu sechs Stunden, also bis zum klaren Erweis der Leichenstarre) - und da war dann auch das Baby, das es zu retten galt, meistens gestorben.

Vor genau 100 Jahren, im Jahr 1914, starb der Mann, der die Geburtsmedizin revolutionierte: Ferdinand Kehrer. Er machte den Kaiserschnitt zum planbaren und chirurgisch sehr sicheren Manöver, indem er den Bauchschnitt quer und nicht mehr von oben nach unten durchführte. Der Heidelberger Gynäkologie-Professor führte auch die dreischichtige Uterus-Naht ein, eine Technik, an die sich noch heute viele Geburtshelfer halten. Kehrers Erfindungen modifizierte später ein Kollege, der nicht minder renommierte Hermann Johannes Pfannenstiel. Beide bekamen natürlich Rückenwind von immer moderneren und sicheren Anästhesien.

Der Kaiserschnitt war und blieb seit Kehrer über Jahrzehnte ein segensreiches Vademecum der Medizin. Die Müttersterblichkeit konnte auf unter ein Prozent gesenkt werden. Über viele Jahrzehnte blieb er im Rang der Ultima ratio, des letzten Auswegs, wenn der Weg über den natürlichen Geburtskanal zu eng oder sonstwie unpassierbar war - etwa wenn sich der Säugling partout nicht aus der Querlage drehen ließ. Noch heute gibt es medizinisch eine eindeutige Trennung zwischen dem primären und dem sekundären Kaiserschnitt. Der Unterschied: Bei jenem hat der Geburtsvorgang noch nicht begonnen, bei diesem schon. Der Unterschied liegt in der Komplikationsdichte, die zu erwarten ist, und derjenigen, die akut eintritt.

Heutzutage befindet sich die Geburtsmedizin in Deutschland in einem Dilemma. Sie erlebt einen beängstigenden Spagat zwischen den Vorgaben der medizinischen Fachgesellschaften und den Wünschen der werdenden Mütter. Die deutschen Gynäkologen bekundeten vor einiger Zeit in einem neuerlichen Positionspapier, "dass ein Kaiserschnitt auch bedeutsamen Einfluss auf das weitere Leben des Neugeborenen und insbesondere auf immunitätsbedingte Erkrankungen hat. Kinder nach Kaiserschnitt scheinen signifikant häufiger an Asthma, Allergien oder Diabetes mellitus zu erkranken." Das heißt auf Deutsch sehr präzise: Eine Sectio caesarea, die nicht medizinisch indiziert ist (also durchgeführt werden muss, weil sonst das Leben von Mutter und/oder Kind bedroht ist), sollten Ärzte ablehnen.

Trotzdem gewinnt der Kaiserschnitt mehr und mehr an Raum, und zwar im Westen stärker als im Osten. Der "Wunschkaiserschnitt", den viele Ärzte auf Wunsch von Schwangeren terminieren, ist das Trojanische Pferd, das sich die Frauenheilkunde ins Haus geholt hat und jetzt nicht mehr loswird. Jede werdende Mutter, die sich vor unsagbaren Schmerzen fürchtet, muss mit aller Kompetenz begleitet werden, und für ihre Beratung, welche Möglichkeiten der Schmerzlinderung und -ausschaltung es gibt, muss auch eine gewisse Zeit aufgewendet werden. Einfacher, aber ethisch nicht sinnvoller ist die geplante, die "elektive" Sectio. Selbstverständlichkeit werden die Kliniken von Konkurrenz und Fallpauschalen beherrscht.

Von Marias Glück damals im Stall wissen wir nichts. Wir können aber ahnen, dass sie die Last mit freudiger Angst getragen hat, weil sie als Erstgebärende noch keinen irdischen oder göttlichen Schimmer hatte, wie das alles ablaufen würde. In jedem Fall wusste sie um die Dimension eines Geschenks und eines Auftrags - und dies sind auch jene Worte, die einem bei der Lektüre von Berichten junger Mütter über die Geburt ihres Kinder auffallen. Wer ein Kind bekommt, entscheidet sich für einen Verzicht um des Gewinns willen. Maria tat, in göttlicher Mission, damals das Richtige - sie besuchte eine Vertraute, die in der gleichen Lage war: Elisabeth. Danach war sie vollends und unter Schmerzen bereit für die Annahme des größten Geschenks, das Gott den Menschen, die er liebte, machen konnte.

(wg)
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