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Wie uns Deo, Zahnpasta und Make-up vergiften

Deo, Zahnpasta und Make-up : Wie uns Hygieneprodukte vergiften

Waschlotionen, Deos und Zahnpasta sind Alltagsprodukte. In ihnen steckt jedoch das Desinfektionsmittel Triclosan. Das steht nicht nur im Verdacht, Hautreizungen und Tumore auszulösen – Rückstände finden sich auch in Urin und Muttermilch von Verbrauchern.

Waschlotionen, Deos und Zahnpasta sind Alltagsprodukte. In ihnen steckt jedoch das Desinfektionsmittel Triclosan. Das steht nicht nur im Verdacht, Hautreizungen und Tumore auszulösen — Rückstände finden sich auch in Urin und Muttermilch von Verbrauchern.

Auf Klobrillen und in Kühlschränken oder auf Badezimmerfliesen dulden wir bakterielle Sauberkeit. Aber Desinfektionsmittel, die in Muttermilch oder unserem eigenen Blut nachgewiesen würden, bereiten alles andere als Wohlbehagen. Bei Triclosan aber ist das so.

Als Reinemacher und Inhaltsstoff in Handdesinfektionsmitteln für Krankenhauspersonal erobert Triclosan im Jahr 1972 den Markt. Lange Jahre unbeschwert eingesetzt, mehren sich dann aber seit 1998 die Hinweise auf bedenkliche Risiken beim Einsatz. Was die Wissenschaft und Verbraucherschützer nachdenklich stimmt: Der antibakterielle Stoff findet sich nicht nur in vielen Alltagsprodukten wie Küchenutensilien, Sportbekleidung, Kosmetika und Haushaltreinigern, er ist auch da nachweisbar, wo er eigentlich nichts verloren hätte.

Desinfektionsmittel in Muttermilch, Blut und Urin

 In Zahnpasta kann sich — wie man in den Inhaltsstoffen sehen kann — das umstrittene Desinfektionsmittel Triclosan befinden.
In Zahnpasta kann sich — wie man in den Inhaltsstoffen sehen kann — das umstrittene Desinfektionsmittel Triclosan befinden. Foto: Tanja Walter

Sorge bereitet den Wissenschaftlern nach Informationen des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung nicht nur die Tatsache, dass Triclosan in menschlichem Plasma, und Muttermilch nachgewiesen wurde und das in einer erschreckend hohen Anzahl an Fällen. Die Universität of California bezieht sich auf Studien, die in 97 Prozent der Proben von Muttermilch stillender Frauen das Desinfektionsmittel nachwies und ebenso in 75 Prozent im Urin getesteter Personen.

Triclosan und Triclocarban seien zwei der am häufigsten verwendeten Keimkiller in Seifen und anderen Produkten des täglichen Lebens, sagt Benny Pycke, Forscher an der Arizona State University. In einer Untersuchung fand er in allen Urinproben schwangerer Frauen den auch hierzulande kritisch beäugten Stoff und ebenso in der Hälfte von untersuchten Nabelschnurproben.

Angst vor Auswirkungen auf Hormonsystem

Die Experten gehen darum davon aus, dass schon Föten im Mutterleib damit belastet werden. Bei einem Treffen der American Chemical Society im August 2014 berichteten verschiedene Forscher von einer wachsenden Zahl von Beweisen, die eine Verbindung zwischen Entwicklungs- und Reproduktionsproblemen bei Tieren und möglicherweise auch Menschen führen. Diskutiert sind auch seit einiger Zeit mögliche Störeffekte auf das Hormonsystem und eine hautreizende Wirkung.

Doch nicht nur im menschlichen Körper findet sich der Bakterienhemmer wieder. Ebenso im Abwasser lebende Organismen tragen ihn in sich. Im Elbe-Einzugsgebiet wurde die desinfizierende Chlorverbindung beispielweise an 75 Prozent aller Messstellen gefunden. Problematisch wird es dadurch, dass dieses Biozid im Abwasser zu Methyltriclosan abgebaut werden kann, welches noch länger in der Umwelt verweilt.

Auch die EU beäugt das seit langer Zeit und gab darum im Jahr 2009 einen Bericht in Auftrag, der den Einsatz von Bioziden — also Schadorganismen abtötenden Stoffen — feststellt. 400.000 Tonnen sind es in der EU, die nicht nur in Bodenreinigern und Waschmitteln landen, sondern auch auf selbstdesinfizierenden Schneidbrettchen oder Handseifen, denn Desinfektionsmittel nehmen dabei den größten Anteil ein.

Neue Studie gibt Hinweis auf krebsfördernde Wirkung

Neue Unruhe bringen Forschungsergebnisse, die bescheinigen, dass im Tierversuch Triclosan bei langfristigem Kontakt die Leber schädigt und das Wachstum von Lebertumoren fördert. Zu diesen Erkenntnissen kamen Wissenschaftler der University of California, nachdem sie Mäuse über acht Monate hinweg mit triclosan-haltigem Futter versorgt hatten. Eine Kontrollgruppe erhielt Futter ohne das Desinfektionsmittel. Würde man dieses Experiment auf den Menschen übertragen, entspräche es in etwa der Menge, die ein Gramm Zahnpasta mit 0,3 Prozent Triclosan enthalte.

Neben der drohenden Krebsgefahr, sieht Studienleiter Robert H. Tukey, Professor in den Abteilungen für Chemie und Biochemie und Pharmakologie an der University of California auch entzündungsfördernde Reaktionen, die beispielsweise Umbauvorgänge in der Leber anstoßen, bei denen Lebergewebe durch Bindegewebe ersetzt wird und das so zum Vernarben des Entgiftungsorgans führt. Die Leber wuchs übergroß an. Zudem waren Gene aktiv, die die Zellen zur Teilung anregten.

"Aus unseren Dossiers ist von Leberkrebs nicht bekannt", sagt dazu ein Sprecher des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) gegenüber unserer Zeitung. Der krebsfördernde Effekt, der sich bei den Mäusen gezeigt habe, sei in der Bewertung als für den Menschen nicht relevant angesehen worden.

Warum Forscher denken, dass Menschen gefährdet sind

Das sehen die forschenden Wissenschaftler anders. Zwar halten auch sie dazu fest, dass ein Teil des Triclosans aus Zahnpasta im Abfluss lande und somit die unmittelbare Fütterung der Tiere nicht mit der Aufnahme beim Menschen verglichen werden könne. Doch ist die Verwendung des Biozids nach Auffassung der amerikanischen Forscher allgegenwärtig und könne sich so potenzieren. Was Studienleiter Robert Tukey zudem beunruhigt, ist die Tatsache, dass der antibakterielle Stoff in verschiedensten Umweltproben gefunden wird. Darum fordern er und andere Experten die Untersuchung dieser Gefahren in langangelegten Studien.

Auch das BfR weist zusammen mit dem Robert-Koch-Institut, dem Umweltbundesamt und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin darauf hin, dass Methyl-Triclosan eine in der Umwelt eine längere Halbwertszeit hat und "zudem ein sehr hohes Anreicherungspotential in Lebewesen über die Nahrungskette" besitzt, heißt es in dem gemeinsamen Papier.

Ein Test nach dem Gebrauch in Gesichtsreinigern, die Triclosan enthielten, ergaben ein vermehrtes Ansiedeln des Bakteriums Staphylococcus aureus in der Nase. Dieser Erreger ist besonders für immungeschwächte Menschen besonders gefährlich, weil er zu einer lebensbedrohlichen Entzündung und Blutvergiftung führen kann. Problematisch sind vor allem die MRSA-Stämme dieses Bakteriums, weil sie immun gegen Antibiotika sind.

Die kleine Veränderung in Europa

In Folge des wachsenden Drucks entschied sich das Europäische Parlament gemeinsam mit dem Rat für eine Neubewertung des umstrittenen Mittels. Nachdem seit 2010 Triclosan europaweit in Materialien verboten wurde, die direkt mit Lebensmitteln in Kontakt kommen, ist Ende April 2015 nun eine weitere Neuregelung in Kraft getreten. Mit dieser dürfen "handelsübliche Reinigungsmittel mit diesem Zusatz nicht mehr vermarktet oder verwertet werden", erklärt derBfR- Sprecher. In der Küche also kann der Verbraucher damit nicht mehr in Kontakt kommen. Wohl aber im kosmetischen Bereich. Dort unterscheidet der Gesetzgeber zwischen Produkten, die auf der Haut verbleiben und denen, die abgewaschen werden. Für Mundwasser ist ein Triclosananteil von 0,2 Prozent erlaubt, in Handseife, Deo, Make-up oder Nagelprodukten und Zahnpasta einem Gehalt von 0,3 Prozent.

In den USA allerdings geht man allerdings in Anbetracht immer neuer Studien andere Wege. Minnesota hat ein Verbot für die Verwendung antimikrobieller Stoffe in bestimmten Produkten ausgesprochen, das in vollem Umfang am Januar 2017 greifen wird. Die amerikanische Gesundheitsbehörde Food and Drug Administration arbeitet nun darauf hin, dass Firmen, die ihren Seifen solche Inhaltsstoffe zusetzen in Zukunft die Überlegenheit gegenüber Produkten ohne solche Zusätze belegen müssen. Daraufhin haben einige Unternehmen wie zum Beispiel Johnson & Johnson und Procter & Gamble angekündigt, den Stoff aus einigen Produkten zu verbannen.

Krankenhauspersonal hat weiter Kontakt

Auch wenn sich mit der neuen EU-Richtlinie die Situation hierzulande verbessert hat, sind Beschäftigte in einigen Berufen — wie beispielsweise Krankenhauspersonal — über antibakterielle Waschlotionen nach wie vor höheren Belastungen ausgesetzt.

Auf der sicheren Seite ist also in Zukunft auch nur derjenige, der die Liste der Inhaltsstoffe genau liest, bei der Verwendung im Haushalt komplett darauf verzichtet, so wie es das BfR auch in Hinblick auf mögliche Antibiotikaresistenzen rät. Nur eine weitreichendere Entscheidung auf europäischer Ebene würde ein grundsätzliches Verbot hierzulande möglich machen.

(wat)