Viele Menschen hadern mit ihrem Stuhlgang

Auf der Toilette : Das große Geschäft

Viele Menschen hadern mit ihrem Stuhlgang und wissen Veränderungen in Häufigkeit, Form und Farbe nicht zu deuten. Das Thema hat aber auch heitere Aspekte.

Aa gibt es nicht nur in Aalen. Es steht am Anfang unseres Vokabulars und am Ende unserer Nahrungskette. Das beginnt schon am Tag nach der Geburt. Alsbald wird Aa zu Kacka und von Mama oder Papa mit hochgezogener Nase weggemacht und entsorgt. Das verändert sich glücklicherweise mit wachsender Stubenreinheit. Ein 80-Jähriger schließlich hat in seinem Leben alles etwa 30.000 Mal hinter sich gebracht.

Doch beschäftigt uns die unschöne Materie über die Toilettenräume hinaus öfter, als viele glauben. Später im Leben wird die Kacke bekanntlich immer mal wieder am Dampfen sein, sie wird zur Losung vieler Flüche, oft derb zur Scheiße, wenn etwas misslingt. Vom Stuhlgang spricht der Mensch, wenn er vorm Arzt sitzt; Faeces oder Exkrement nennt der Mediziner das Produkt. In der Alltagssprache heißt es aber auch großer Brauner, Fladen, Schiss, Haufen, Wurst – oder Kot, bekannt aus dem Autokarosseriebau, obwohl der „Kotflügel“ zu einer Zeit entstand, da noch Kutschen unterwegs waren und durch Abdeckungen geschützt wurden. In Österreich bezeichnet man mit Kot noch heute aufgeweichte Erde oder Schlamm auf der Straße. Auf Finnisch heißt das Geschäft Paska, auf Griechisch Skata, auf Rumänisch Rahat, auf Baskisch Kaka, auf Ungarisch Szar. Das A ist oft dabei. Alles anal.

Für manche ist es völlig normal,

für andere eine Quälerei

Die letzte Aktion unserer Verdauung ist nicht für jeden eine Kleinigkeit im Sinne einer flüchtigen Erledigung. Mancher macht einen rituellen Vorgang daraus, liest dabei 15 Minuten lang die Zeitung und inspiziert anschließend sorgfältig das Ergebnis. Andere dagegen quälen sich ab und ahnen, dass ihre Seele mit auf dem Topf sitzt, weil wieder mal nichts so kommt, wie es soll. Wieder andere Leute werden von plötzlichem Drang überfallen und fürchten, die nächste Toilette nicht mehr zu erreichen; dabei haben sie vor zehn Minuten doch bereits ordentlich abgeseilt. Was ist da los?

Der menschliche Verdauungstrakt ist eine sehr lange Pipeline, und damit alles ordnungsgemäß von oben nach unten rutscht, braucht es ein Fördersystem und Energie. Die zeigt sich in der sogenannten Peristaltik, dem Schnürmechanismus der Muskulatur im Magen-Darm-Trakt. Die Peristaltik arbeitet autonom, ist aber dem Nervensystem unterworfen: Der Parasympathikus regt sie an, der Sympathikus hemmt sie. Ein Dirigent wird, selbst wenn er bisweilen unter Durchfällen leidet, im elend langen ersten Akt von Wagners „Götterdämmerung“ niemals auf die Toilette müssen. Doch in der Pause, wenn sich sein Nervenkostüm entspannt, sollte man ihm unverzüglich den Weg freimachen.

Selbstverständlich ist alles ein Fall für die Wissenschaft. Die Disziplinen heißen Koprologie (eher labormedizinisch orientiert; Suche nach Bakterien, Parasiten und verstecktem Blut) und Skatologie (kulturelle und psychologische Untersuchung aller Dinge rund ums Exkrement). Die Literatur hat sich das Thema in ihrer Geschichte natürlich nicht entgehen lassen. Die römischen Satiriker Catull und Juvenal übertrafen einander mit anrüchigen Anspielungen, und der „Till Eulenspiegel“ ist ein Fest für Fäkalhumoristen.

Dass Wolfgang Amadeus Mozart ein Spottgemüt besaß, zeigt sich in manchem seiner wundervollen Kanons: „Leck mich im Arsch“ heißt einer. Allerdings war diese Neigung zur Derbheit damals nicht unüblich. Seine Mutter Anna Maria Mozart schrieb ihrem Gatten Leopold am 26. September 1777 aus Paris folgende Zeilen: „Adio ben mio leb gsund, reck den arsch zum mund. Ich winsch ein guete nacht, scheiss ins beth das Kracht.“ Damals meinte die Formel „scheiß ins Bett“ übrigens das Furzen. Wer gut furzte, dem ging es gut.

Natürlich gibt es rund um den Stuhlgang, der vor allem unverdaute Nahrung, Wasser, abgestoßene Zellen der Darmschleimhaut, Schleime und Sekrete aus dem Körper befördert, zahlreiche Klassifizierungen. Die Häufigkeit etwa: Mancher muss drei Mal am Tag, mancher nur drei Mal die Woche. Innerhalb dieser Rahmenintervalle ist alles normal; Abweichungen sollte man, vor allem wenn sie anhalten, dem Arzt mitteilen, denn sie könnten auf eine Krankheit hinweisen.

Aber auch Menge, Konsistenz und Farbe sind von Interesse. Normal sind bis zu 200 Gramm am Tag. Wer sich ballaststoffarm ernährt oder weniger isst, bekommt weniger zusammen. Vegetarier, die viele Ballaststoffe zu sich nehmen, kommen auch schon mal auf ein Kilo Stuhlgewicht. Wer jedoch viel ausscheidet, sich aber normal ernährt, sollte mal seine Bauchspeicheldrüse untersuchen lassen. Immer ein optisches oder olfaktorisches Warnzeichen ist es, wenn der Stuhl auffällig stinkt und zugleich fettig glänzt.

Das Aussehen ist ein weiterer Faktor. Alles, was in Brauntönen  erscheint, ist tadellos. Wer dunkle Schokolade isst oder Kohletabletten zu sich nimmt, erlebt eine Schwarzfärbung. Grünkohl, Salat und Spinat sind chlorophyllhaltig und lassen den Stuhl ins Grünliche changieren. Karotten, Kürbisse oder Eier können einen Gelbstich besorgen.

Doch kann jede Färbung auch eine pathologische Dimension haben. Dauerhafter Teerstuhl gehört immer untersucht. Ist er Stuhl gräulich oder lehmfarben, können Leber oder Gallenwege erkrankt sein. Blut im Stuhl wird in der Medizin zuweilen dramatisiert, denn meist sind Hämorrhoiden, Analfissuren oder leicht entzündete Divertikel schuld. Wer sowieso an einer Darminfektion leidet (etwa durch Keime wie Shigellen oder Salmonellen), muss sich über Blut im Stuhl nicht zusätzlich sorgen, es ist eine unvermeidliche Begleiterscheinung, ebenso bei chronischen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Heftige Putzer, die Bremsspuren in der Unterwäsche hassen, verletzen die Schleimhaut des Afters leichter, als sie glauben.

Stuhl nach Art einer Schafherde

lässt an Verstopfung denken

Selbstverständlich gibt es für alles Skalen, Tabellen, Normwerte, Richtlinien, Standardabweichungen. Manche diese Klassifikationen sind schon ewig in Umlauf, etwa die sogenannte Bristol-Stuhlformen-Skala. Wer sich da im Mittelfeld aufhält, hat Stuhl der Spitzenklasse. Bei wem es aber nach den Hinterlassenschaften einer Schafherde aussieht, leidet ganz sicher an Verstopfung. Viele Verstopfte müssten deutlich mehr trinken. Ist der Stuhl stiftförmig oder bandnudelartig geformt, kann das auf Verengungen im Darm hinweisen: durch Verwachsungen, Polypen und in seltenen Fällen auch durch Darmkrebs.

Der Mensch und seine Hinterlassenschaften – den großen Sigmund Freud haben sie stark beschäftigt. Die anale Phase sei bereits das zweite Stadium der psychosexuellen Entwicklung, Freud siedelt sie im Alter von zwei bis drei Jahren an. Pipi und Kacka seien mit Stolz und Lust verbunden, beides könne das Kind als eigene Leistung vorzeigen. Freud glaubt, dass die Reinlichkeitserziehung für den Menschen wegweisend sei: Kinder unterscheiden nach seiner Theorie nicht zwischen Ausscheidungsvorgang, -organ und -produkt, weshalb eine negative Belegung von Urin und Stuhl zu Scham und Ekel vor dem eigenen Körper führen könne.

Freud war kein Klugscheißer, er ahnte, dass Mensch, Seele und Stuhl unlösbar vermischt sind. Zu seiner Zeit gab es ja auch schon Menschen mit einem Reizdarm-Syndrom, von denen er ahnte, dass sie auf einer Couch vielleicht am besten aufgehoben seien. Heutzutage hülfe manchem von ihnen eine gut dosierte Psychotherapie, denn die Ängste sind vielfältig: die Angst, zu wollen und zu dürfen, aber nicht zu müssen. Die Angst, zu müssen und zu wollen, aber nicht zu dürfen. Und natürlich die Angst vor der Angst. Für solche Menschen wurde die App „Toilet Finder“ erfunden.

Andererseits ist der Reizdarm, der entweder mit Verstopfung oder Durchfall einhergeht, eben doch kein reines Psychokino, denn Wissenschaftler haben herausgefunden, dass der Darm von Patienten tatsächlich anders besiedelt ist als bei Menschen ohne Probleme. Auch scheinen sie auf gewisse Aromastoffe anders zu reagieren.

Glücklich der Mensch, der all dies getrost überlesen kann, weil bei ihm alles nach Plan läuft. Und glücklich wir alle, dass das mehrlagige Toilettenpapier erfunden wurde. Von einer Alternative in früheren Jahren erzählt eine hübsche Anekdote um den Komponisten Max Reger. Ein Münchner Musikkritiker hatte eines von Regers Werken in Grund und Boden verrissen. Daraufhin schrieb ihm der Komponist einen denkbar kurzen Brief: „Sehr geehrter Herr! Ich sitze hier im kleinsten Raum meines Hauses und lese gerade Ihre Kritik. Noch habe ich sie vor mir. Hochachtungsvoll: Max Reger.“

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