Tele-Notärzte werden künftig in ganz Nordrhein-Westfalen eingesetzt

Neue Diagnose-Technik: Wie Tele-Notärzte in NRW Leben retten können

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann will künftig flächendeckend den Einsatz von sogenannten Tele-Notärzten einführen. Durch moderne Technik können diese auch eine Diagnose aus der Ferne treffen.

Ein Rettungswagen rast über das Kopfsteinpflaster der Innenstadt und macht eine Vollbremsung. Wenige Sekunden später sind die zwei Sanitäter schon bei dem verletzten Mann und heben ihn mit einer Trage in den Rettungswagen. Von diesem Zeitpunkt an kann Ferdinand Hubmann auf seinem Bildschirm alles mitansehen. Er ist Tele-Notarzt und ist am heutigen Tag digital in 27 Rettungswägen in Aachen und in den Kreisen Heinsberg und Euskirchen bei Bedarf zugeschaltet. Entwickelt hat das Tele-Notarzt-Konzept eine Forschergruppe aus Medizinern und Ingenieuren der RWTH Aachen. Sie haben vor zehn Jahren mit der Forschung begonnen und den Einsatz von Tele-Notärzten nun bereits seit fünf Jahren in Aachen etabliert. Inzwischen arbeiten 35 Tele-Notärzte im Team und haben über 12.000 Einsätze begleitet.

„Wir haben immer steigende Einsatzzahlen und einen steigenden Bedarf an Personal. Und es ist ein Problem, dass Notärzte nicht immer dann verfügbar sind, wenn ein Notfall passiert“, erklärt Frederik Hirsch. Er ist Mediziner und Qualitätsmanager der Firma „P3 Telehealthcare“, die das Tele-Notarztsystem an Kommunen und kreisfreie Städte verkauft und das System technisch betreibt. Hirsch glaubt daran, dass die Tele-Medizin eine wichtige Errungenschaft für das Rettungssystems ist. Und langfristig auch eine kostengünstigere: „Im Gegensatz zu einem regulären Einsatz kostet der Tele-Arzt rund 40 Prozent weniger“, sagt Hirsch. Theoretisch also lediglich bis zu 230 statt 400 Euro Kosten, die für einen Notarzteinsatz entstehen.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann will die Tele-Notärzte künftig zusätzlich zu den regulären Notärzten in ganz NRW einführen. Die Kosteneinsparungen und das schnellere Eingreifen der Notärzte durch die Sanitäter waren dabei ausschlaggebend. Dennoch ist die Installation des Systems nicht günstig: Ein digitales Monitoring-System kostet pro Rettungswagen um die 20.000 Euro. Hochgerechnet auf die Anzahl der Einsätze der vergangenen viereinhalb Jahre, konnten allerdings in Aachen über zwei Millionen Euro für die Bezahlung von Notärzten eingespart werden.

Im Gegensatz zu einem gewöhnlichen Notarzt verlässt der Tele-Notarzt sein Büro nicht. Hubmann (34), der zum Studium aus Graz nach Deutschland gezogen ist, sitzt deshalb nicht im Kittel, sondern in T-Shirt, Jeans und Gummischuhen am Schreibtisch in der Aachener Feuerwehrwache. Vor ihm vier Bildschirme, die eine Diagnose aus der Ferne ermöglichen. Sie zeigen die Lebensdaten der Patienten – wie Blutdruck-, Herzfrequenz- und Sauerstoffsättigungswerte –, eine Maske mit dem Behandlungsprotokoll und einen Stadtplan, auf dem jeder Rettungswagen als kleines Autosymbol eingezeichnet ist. Hubmann kann den Weg mitverfolgen und staufreie Wege empfehlen.

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Auf einem weiteren Bildschirm sieht er bei Zustimmung des Patienten eine Live-Übertragungsbild aus dem Rettungswagen. Diese zeigt ihm jetzt, wie die Rettungssanitäter das Hemd des Patienten aufschneiden, um sich seine Verletzungen näher anzusehen. Ein rot geschwollener Arm kommt zum Vorschein. „Offensichtlich hat der Patient eine Fraktur am Oberarm“, sagt Hubmann und weist die Sanitäter an, Schmerzmittel zu verabreichen. „Am Anfang war es natürlich eine Umgewöhnung, einen Notarzt direkt über Headset am Ohr zu haben“, erzählt Guido Kühler (48), der bereits seit 26 Jahren als Rettungsdienstsanitäter arbeitet. „Mit dem Tele-Notarzt an der Seite sind wir in der Lage, schnell zu reagieren“, erklärt Kühler. Denn sobald der Tele-Notarzt zugeschaltet ist, trägt dieser die gesamte Verantwortung für die Behandlung. „Wir können dann auch Therapien ausführen, die wir ohne seine Anweisungen nicht entscheiden dürften.“ Beispielsweise bei der Verabreichung von besonders starken Medikamenten oder bei der Behandlung bei einem Herzinfarkt.

Ob ein Notarzt benötigt wird, entscheidet zumeist die Leitstelle, in der der Notruf eingeht. Bisher ist in NRW das sogenannte Rendezvous-System etabliert, bei dem neben einem Rettungswagen mit notfallmedizinisch ausgebildetem Personal auch ein eigenständiger Notarzt zur Einsatzstelle fährt. Wenn die Leitstelle die Lage jedoch falsch einschätzt oder ein Notarzt länger bis zur Einsatzstelle braucht als die Sanitäter, kann es für die Patienten lebensgefährlich werden. Dem Gesetz zufolge muss ein Rettungswagen in spätestens acht, auf dem Land in zwölf Minuten am Einsatzort sein.

In der Tele-Notarzt-Zentrale läutet der Signalton. „Mehrere Einsätze gleichzeitig zu koordinieren, ist natürlich eine Herausforderung“, sagt er und dennoch kommt es öfter vor. Insbesondere an den Wochenenden und Nachtstunden. Dann muss Hubmann zwischen mehreren Rettungswägen hin- und herwechseln. Doch dieses Mal es ist kein Notfall, sondern eine „Krankenfahrt“, bei der ein Patient in ein anderes Klinikum verlegt wird. Bisher mussten diese Transportfahrten immer mit einem eigenen Notarzt besetzt werden. „Dass das jetzt wegfällt und wir das Ganze digital begleiten können, ist für uns ein großer Vorteil“, erklärt der Tele-Notarzt. Er wechselt die Bildschirmdaten und kehrt zurück zum Unfallpatienten, der inzwischen vorsorglich eine Halskrause trägt und damit bereit für den Transport ins Krankenhaus ist. Hubmann wird für die Sanitäter nun den „Papierkram“ übernehmen; trägt verabreichte Medikamente sowie Patientendaten ein und schickt das Übergabeprotokoll direkt an das Aufnahmeteam im Krankenhaus. Dort kann der Patient mit dem gebrochenen Arm fachgerecht in Empfang genommen werden, denn alle wissen schon Bescheid.

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