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Zwischen Freizeit und Gesundheit: Slackline — vom Randsport zum Therapiemittel

Zwischen Freizeit und Gesundheit : Slackline — vom Randsport zum Therapiemittel

Düsseldorf (RPO). Den Blick konzentriert auf einen Punkt gerichtet, die Arme erhoben und dann vorwärts gehen. Auf einem straff gespanntem Gurt. Schritt für Schritt die Balance halten und dabei sein Gleichgewicht finden. Slacken hat den Weg in die heimischen Gärten gefunden und mittlerweile sogar in die Medizin.

Begonnen hat es bei den Kletteren. Bei denen, die täglich in ihrem Sport mit der Herausforderung eines guten Gleichgewichts konfrontiert sind. Irgendwann in den 80er-Jahren, im Yosemite-Nationalpark. Schon seit den 60er-Jahren vertrieben sich die Kletterer in den Camps die Wartezeiten damit, auf Absperrketten zu balancieren um ihren Gleichgewichtssinn zu schulen. Aus dem Zeitvertreib entstand eine eigene Sportart.

Während es zu Beginn vor allem darum ging, überhaupt ohne abszusteigen über den Gurt zu balancieren, entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Szene, die mit gewagten Saltos und halsbrecherisch aussehenden Kunststücken die Aufmerksamkeit auf sich zog. Plötzlich sah man in Parkanlagen Jugendliche, die anstatt mit dem Skateboard über Rampen zu springen, auf der Line die verrücktesten Sprünge übten. Das Slacken hatte in die Städte Einzug gehalten.

Einsatz in der Physiotherapie

Slackline setzt sich aus den Begriffen "slack" oder "to slack" (im Deutschen etwa "nachlassen", "locker lassen") und line (in dem Zusammenhang "Gurt") zusammen. Eine direkte deutsche Übersetzung gibt es nicht. Schlappseil trifft es am ehesten. Und hier zeigt sich die Besonderheit des Slackens. Im Gegensatz zum klassischen Seiltanz, mit dem es häufig verglichen wird, wird auf Gurten trainiert. Diese weisen eine geringere Spannkraft auf, als es bei den Drahtseilen der Zirkusartisten der Fall ist. Die Schwierigkeit, die sich daraus ergibt, ist, dass der Gurt weniger statisch und damit schwerer kontrollierbar ist.

Dieser labile Zustand der Line hat allerdings durchaus Vorteile. Slacklines kommen mittlerweile in der Physiotherapie zum Einsatz. Die Vielseitigkeit überzeugt: An den Geräten können sowohl die Koordination, als auch die Kraft und der Gleichgewichtssinn geübt werden. Caroline Wood, Physio-Therapeutin der Praxis Eich in Stuttgart, erklärt den Vorteil des Slackens als zusätzliches Therapiemittel: "Das Besondere ist der Spaß an der Sache."

Bei den klassischen Therapieansätzen gab es früher oft Misserfolge. "Häufig zeigen wir den Patienten Übungen, die sie zu Hause eigenständig weiter machen sollten und die sie dann leider oft nicht konsequent genug weiter führen", sagt Wood.

Die Slackline bringe hingegen mehr Spaß. Ein Patient mit Kreuzbandriss könne sie zu Hause gut zur Reha einsetzen, so die Physiotherapeutin. Er könne sie zum Beispiel im Garten spannen und gleichzeitig trainieren und mit den Kindern Spaß haben. Caroline Wood und ihre Kollegin Maria Bartke geben daher inzwischen in ganz Deutschland Kurse für die Arbeit mit Slacklines in der Physiotherapie.

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Sportart mit vielen Facetten

Genauso schnell wie sich der Sport selbst entwickelt hat, haben sich auch die verschiedensten Ausrichtungen innerhalb des Slackens entwickelt. Und gerade deshalb ist es so schwierig das Slacken zuzuordnen. Patrick Riffel, seit fünf Jahren aktiver Slackliner und Betreiber der Foto-Website www.urbanslackline.de erklärt warum: "Typischerweise wird Slacklinen mit dem Sportklettern assoziiert. Dann gibt es aber auch all die anderen Sportler, die ihren ganz persönlichen Stil mit einbringen: Skateboarder, Surfer, Kunstturner, Kampfsportler, Tänzer. Jeder leistet seinen Beitrag und viele der heute im Slacklinen etablierten Tricks wären ohne diese bunte Mischung überhaupt nicht denkbar."

Diese Tricks sind es, die dem Slacken den Eindruck von Artistik verleihen. Und dann die Highlines, also Slacklines die über Berg- oder Straßenschluchten in unglaublicher Höhe gespannt werden. Was von unten spektakulär und gefährlich aussieht, ist allerdings entsprechend abgesichert. Trotzdem haben diese Ausprägungen dem Slacken den Eindruck verliehen, es handele sich um eine Risikosportart. Für die Sportler zählt aber etwas anderes, als das vermeintliche Risiko. "Für viele Slackliner spielt der mentale Aspekt eine große Rolle. Die einen gehen slacklinen, um den Kopf frei zu bekommen, für andere wiederum ist es wichtig, dass sie nur mit einem freien Kopf überhaupt slacklinen können" erklärt Patrick Riffel.

Training für Körper und Geist

Dieser mentale Aspekt hat die Sache populärer gemacht. Heute sind es nicht mehr bloß Extremsportler, die sich auf ihre Herausforderungen vorbereiten, oder Jugendliche die den artistischen Kick suchen. Immer öfter sind es die "Denker", die Menschen, die in ihrem Beruf einer hohen geistigen Belastung ausgesetzt sind und die eine mentale Entlastung suchen, die sich an den Balance-Akt auf dem Gurt wagen. Denn Slacken wirft einen auf sich selbst zurück.

Im Rahmen des Gibbon World Cup 2011 wird in Bregenz am Bodensee vom 1. bis zum 4. September ein komplettes Slackline-Wochenende veranstaltet.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Impressionen aus der Welt des Slackens

(pst)