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Shades of Grey: Eine Sexualtherapeutin gibt Antworten

Sexualtherapeutin im Interview : Sind wir nicht alle ein bisschen "50 Shades of Grey"?

"50 Shades of Grey" zeigt: Das Interesse an ungewöhnlichen Erfahrungen beim Sex ist riesig. Die Sexualtherapeutin Bettina Kirchmann erklärt, was in den Köpfen der Leser und Zuschauer vorgeht - und wie man mit dem Film wieder Aufregung ins eigene Schlazimmer bringt.

Das Soft-SM-Buch "Shades of Grey" ist ein Weltbestseller geworden und auch hier in Deutschland wird in den Kinos ein massiver Andrang zum Filmstart erwartet. Wie erklären Sie sich die große Faszination an diesem Thema?

Kirchmann: Ich habe dazu zwei Theorien. Zum einen geht es um dieses Klischee, dass da ein Mädchen einen erfolgreichen Mann trifft und dahinschmilzt. Zum anderen wird dabei aber auch die Sehnsucht vieler Frauen angesprochen, sich in etwas fallen zu lassen. Also einen Mann zu haben, der sagt wo es lang geht. Und drittens wird dabei etwas angesprochen, was vielen Frauen in ihrer Sexualität sehr wichtig ist: nämlich das totale Begehrtwerden. Denn das tut er ja extrem.

Das klingt jetzt aber sehr nach dieser Unterstellung, dass Frauen eigentlich übermannt werden wollen, und ein "Nein" in Wahrheit "Ja" bedeutet. Das finden Sie nicht gefährlich?

Kirchmann: Doch. Es ist ein gefährlicher Balanceakt. Zu dem man aber ganz klar sagen muss, dass es ein großer Unterschied ist, ob jemand eine Fantasie hat, oder etwas in der Realität passiert. Harsch gesagt, nur weil jemand eine Vergewaltigungsfantasie hat, heißt das nicht, dass er will, dass ihm das auch wirklich passiert.

Aber eine Phantasie vom starken Mann haben dann eben doch viele Frauen?

Kirchmann: Ja. Eben von einem Mann der das Ruder übernimmt und einfach sagt "Baby, wir machen das jetzt so" und dabei darf auch Dominanz eine Rolle spielen. Das Problem ist, dass viele über solche Wünsche nicht mit ihren Partnern sprechen und sie dadurch im Bett sehr unzufrieden sind. Ich muss sagen, ich fände es ja großartig, wenn der Film da ein Wende bringen würde, nur das glaube ich nicht.

Aber das Interesse an dem Film oder dem Buch lässt sich ja nur schwer verbergen, warum sollte das nicht auch etwas verändern?

Kirchmann: Das Problem ist, dass die meisten planen mit ihren Freundinnen reinzugehen und nicht mit ihren Partnern. Und ich halte es für unwahrscheinlich, dass viele Frauen danach über ihre Eindrücke sprechen. Das wäre aber das Wichtigste. Die eigenen Fantasien zu erzählen und dadurch auch die Sexualität voran zu bringen, vor allem in langen Beziehungen.

Heißt das, Frauen haben genauso viel Lust an ausgefallener Sexualität wie Männer?

Kirchmann: Absolut. Es ist so eine gesellschaftliche Idee, dass Frauen nicht auf Pornos stehen und keine fordernden sexuellen Fantasien haben. Das stimmt aber nicht. Die müssen sie nur äußern, ich sage immer, sie müssen sich mit ihren Wünschen dem anderen zumuten.

Kann man denn von dem großen Interesse an dem Film ableiten, dass es in den deutschen Betten langweilig zugeht?

Kirchmann: So würde ich das nicht sagen. Aber viele Menschen geben der Sexualität einfach keinen Platz. Sie leben nach einem strikten Plan, und das auch am Wochenende. Und da kommt eben nur wenig Lust auf. Ich sage dann immer, wenn die Sexualität bei Ihnen einziehen sollte, würde sie sagen "Das ist mir zu stressig hier". Lust kommt dann auf, wenn Platz für Müßiggang da ist. Wenn Ruhe ist und vielleicht sogar mal Langeweile aufkommt. Das lassen aber die wenigsten zu.

Aber irgendwie gibt es doch eine große Lust an der Angst und auf ungewöhnliche Erfahrungen, sonst wäre das Buch ja kein solcher Welterfolg geworden.

Kirchmann: Natürlich. Die Fantasie sich irgendwie ausgeliefert zu fühlen, spornt viele an. Und eine mehr oder weniger gefährliche Situation lässt im Körper jede Menge Hormone hochschießen, die auch für ein gewisses High sorgen. Aber man muss da auch Grenzen ziehen. Ein echter S-und-M-Fan würde über Buch und Film nur lachen.

Können Sie ein paar Tipps geben, was Paare tun können, um ihr Sexualleben wieder spannend zu gestalten?

Kirchmann: Also eine klassiche Hausaufgabe aus der Sexualtherapie ist folgende: "Gehen Sie nach hause und haben Sie schlechten Sex". Denn was dann passiert ist, dass sich das Paar darüber unterhält, was es eigentlich als schlechten Sex empfindet. Es kommt ins Reden und dann passieren so Momente wie "...und ich dachte immer das findest du gut". Man lernt also viel übereinander und darüber was der andere mag.

Aber nimmt dieses "darüber reden" nicht die Lust und die Spannung aus der Sache?

Kirchmann: Ganz und gar nicht. Gerade viele Frauen meinen ja, dass der Partner einfach wissen sollte, was ihnen gefällt. Aber das kann er gar nicht. Und das gilt nach zwei Monaten ebenso wie nach zwei oder 20 Jahren. Und vor allem kommen häufiger Missverständnisse auf als man denkt. Darüber reden hilft, dass man am Ende im Bett auch wirklich das erleben kann, was man spannend, erotisch und eben befriedigend empfindet.

Angenommen ein Paar geht in den Film, und will die Szenen aus "Shades of Grey" zuhause nachspielen. Was ist dann wichtig zu beachten?

Kirchmann: Auch hier ist die Kommunikation unheimlich wichtig. Das heißt, bevor man loslegt, sollte man die Grenzen ganz klar abstecken. Wie weit darf das Ganze gehen? Was will man ausprobieren? Und es sollte ein Codewort geben, dass eben wirklich deutlich macht, dass jetzt sofort abgebrochen werden muss.

Ich muss sagen, als Sexualtherapeutin wäre ich sehr froh, wenn das oft passieren würde. Denn ich kann nur raten: Traut euch auch sexuell in einer Beziehung die zu sein, die ihr wirklich seid. Wünsche sollte man immer aussprechen. Das heißt nicht, dass der andere sie immer erfüllen muss. Aber sie nicht auszusprechen führt nur zu Frust. Und das gilt auch für den Sex.

Lesen Sie hier ein Interview vom Lokal Anzeiger Erkrath mit dem Diplom-Psychologen Rolf Schmiel zum Thema "Wie viel Experimentierfreude ist gesund?".

(ham )