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Polyamorie – was ist das? Liebe ohne Teilnahmebeschränkung

Polyamorie : Liebe ohne Teilnahmebeschränkung

Einige Menschen sind mit einer Beziehung nur einer Person nicht glücklich. Sie sehnen sich nach mehr, nach der Liebe und Anerkennung noch weiterer Partner. Über polyamore Liebesbeziehungen und wieso Polygamie etwas anderes ist.

Auf ihrem Miniatur-Profilbild auf Instagram wird es ganz schön eng. So gerade passen die vier Frauen Elena, Julia, Lara und Viviane auf das Foto. Ihre drei Kinder und die Katzen sind nicht dabei. Die jungen Frauen aus dem baden-württembergischen Rhein-Neckar-Kreis leben polyamor. Auf Instagram zeigen sie unter dem Namen „happypolyfamily“ mehr als 20.000 Followern ihren Alltag: Julia ist mit Viviane verheiratet. Sie führt aber auch eine Beziehung mit Elena und Lara. Lara und Elena sind ebenfalls verheiratet. Die Kinder haben Julia und Viviane mit in die Beziehung gebracht.

Der Österreicher Sozialwissenschaftler Stefan Ossmann definiert Polyamorie als eine einvernehmliche Beziehung zwischen mehr als zwei Personen, basierend auf emotionaler Liebe und intimen Praktiken über einen längeren Zeitraum hinweg. Der Begriff setzt sich zusammen aus poly (mehrere) und amor (Liebe). Entstanden ist er in den 90er-Jahren in den USA im queer-feministischen Umfeld. In Deutschland hat die Piratenpartei 2010 die Forderung nach einer Gleichstellung polyamorer Beziehungen in ihr Grundsatzprogramm aufgenommen.

Polyamorie ist von Polygamie (Vielehe) zu unterscheiden, bei der meist ein Mann eine Ehe oder eheähnliche Beziehung mit mehreren Personen des anderen Geschlechts führt. Auch von einer offenen Beziehung oder Swingern, denen es in der Regel nur um sexuelle Kontakte zu anderen geht, unterscheidet sich das Konzept der Polyamorie, wie Stefan Ossmann betont. Er schreibt an der Universität Wien eine Doktorarbeit über das Thema.

Während Elena, Julia, Lara und Viviane eine feste Vierer-Beziehung in einem Haushalt führen, geht etwa Christopher Gottwald andere Wege. Der 51-Jährige wohnt in Berlin mit einer Frau zusammen. Beide führen aber außerhalb der eigenen vier Wände noch andere „kleine“ Beziehungen, wie der Vorsitzende des 2008 gegründeten Vereins „Das Polyamore Netzwerk“ erklärt.

Der ausgebildete Schauspieler merkte schon als Jugendlicher, dass die traditionelle Mann-Frau-Beziehung nichts für ihn ist: „Ich war damals oft verliebt und immer hat sich die Frau früher oder später neu verliebt und mich verlassen. Da hab ich mir gedacht: Muss das sein!?“ Damals habe ihm eine Plattform gefehlt, auf der er sich mit anderen hätte austauschen können. Nun gibt der Autor selbst Workshops zu dem Thema und organisiert Poly-Treffen. Poly-Menschen vernetzen sich auch über lokale Facebook-Gruppen. Als bekannte Kennenlern-Börse gilt „OkCupid“.

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Eine Herausforderung in Poly-Beziehungen ist der Umgang mit Eifersucht. „Man muss schon sehr gesettelt sein, glücklich mit sich selbst“, ist Christopher Gottwald überzeugt. Auch Elena von „happypolyfamily“ war anfangs eifersüchtig: „Ich hatte Angst, ersetzt zu werden“, schreibt sie unter einen Instagram-Post zum Thema, und weiter: „Heute passiert mir das nur noch selten. Ich spreche dann mit der betroffenen Person drüber. Es gibt mir Sicherheit, dass ich meine Unsicherheit aussprechen kann.“

Polyamore Partnerschaften stellen bekannte Rollenbilder in Frage. Was fehle, seien positive Vorbilder, sagt Sozialwissenschaftler Ossmann. In der Öffentlichkeit seien eher abschreckende Beispiele bekannt wie der ehemalige „Kommune 1“-Bewohner und spätere Dschungelcamp-Kandidat Rainer Langhans, der mit mehreren Frauen zusammenlebte.

Auch Christopher Gottwald erzählt: „Ich weiß von vielen polyamor lebenden Menschen, dass die das zurückhalten, weil sie Angst haben, ihren Job zu verlieren.“ Das Vierergespann Elena, Julia, Lara und Viviane kennt abwertende Kommentare nur aus den sozialen Netzwerken. Im realen Leben reagierten beispielsweise die Eltern anderer Kinder eher locker. Da seien höchstens die Kleinen verwundert und fragten ihre Kinder: „Warum habt ihr so viele Mütter?“

Auf Social Media gewinnt Polyamorie zunehmend an Sichtbarkeit. Neben „happypolyfamily“ geben auch andere polyamore Paare und Familien Einblicke in ihr Leben. Das beobachtet auch der evangelische Pfarrer Jörg Niesner, der sich wissenschaftlich-theologisch mit Polyamorie beschäftigt und das Thema auf seinem Instagram-Kanal aufgegriffen hat.

Die User waren verwundert, dass ein Theologe sich mit der Thematik befasst und nicht per se verurteilt, wie der Gemeindepfarrer aus Laubach bei Gießen erzählt. Er betont: „Die Bibel gibt keine monogame Ehe vor.“ Sie präsentiere vielmehr eine erstaunliche Bandbreite unterschiedlicher Beziehungsmodelle.

„Ich stelle mir eine polyamore Beziehung, in der es klare und faire Absprachen gibt, mitunter eher mit dem christlichen Glauben vereinbar vor als solche monogamen Beziehungen, in denen es große Machtgefälle gibt“, sagt Niesner, ergänzt aber: „Ich glaube nicht, dass wir in der Kirche nun alle anfangen müssen, über Polyamorie zu predigen.“ Wichtiger sei ein selbstverständlicher Umgang mit Menschen in alternativen Beziehungs- und Familienmodellen.

(th/epd)