Pille-Nebenwirkungen: Frauen verunsichert, Risiken nicht alle erforscht

Zu wenig bekannt : Die Nebenwirkungen der Pille

Die Antibabypille ist in Deutschland das beliebteste Verhütungsmittel. Doch immer mehr Frauen sind über die Auswirkungen der oft langen Hormoneinnahme verunsichert. Sicher ist, sie birgt Risiken - nur nicht alle sind ausreichend erforscht.

Wenn der Arzt ein Antibiotikum verordnet, gehen die meisten kritisch damit um und erkundigen sich genau danach, ob es notwendig ist. „Bei der Pille tun Frauen das oft nicht“, sagt Neurowissenschaftlerin Birgt Derntl. Sie forscht an der Uniklinik Tübingen unter anderem daran, wie sich Hormone auf Hirnfunktionen und Emotionsregulation auswirken.

„Die Pille hat weltweit vieles zum Positiven verändert. Millionen Frauen nehmen sie zur Verhütung ein“, sagt Derntl. Auch komme sie therapeutisch bei Erkrankungen wie Endometriose oder Menstruationsstörungen zum Einsatz. Das Problem in Sachen Verhütung jedoch: „Wie jedes andere Medikament birgt sie Risiken und Nebenwirkungen - nur darüber redet kaum jemand“, sagt Derntl.

Bereits seit den 70er Jahren weiß man, dass die Pille beispielsweise Stimmungsschwankungen auslösen kann. Jüngst erst entschied das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), dass Depressionen sowie Suizidgedanken als mögliche Nebenwirkung mit auf den Beipackzettel hormoneller Verhütungsmittel zu schreiben sind. Insgesamt seien laut Derntl körperliche Nebenwirkungen besser erforscht als sozial-emotionale.

So geben Beipackzettel Auskunft über Risiken wie Kopfschmerzen, Spannungsgefühl in der Brust, Zwischenblutungen oder das am häufigsten mit der Pilleneinnahme assoziierten Risiko: der Entstehung von Blutgerinnseln. Durch diese kann es zu lebensgefährlichen Thrombosen und Embolien kommen.

Besonders neue Pillen der dritten und vierten Generation bergen diese Gefahr, sagt Gerd Glaeske, Gesundheitsökonom und Versorgungsforscher an der Universität Bremen. Der Grund: Eine Pille besteht meistens aus den zwei Komponenten Gestagene und Östrogene. Beide Stoffe kommen im weiblichen Körper vor, werden jedoch für die Pille chemisch produziert. In den Pillen der neueren - also dritten und vierten Generation - werden Gestagene in geringerer Dosis verwendet, damit sie weniger Nebenwirkungen verursachen. Dafür ist laut Glaeske das Risiko für Thrombosen jedoch doppelt so hoch.

Zum Vergleich: Bei der Einnahme von Pillen der ersten und zweiten Generation mit den Gestagenen Levonorgestrel, Norethisteron oder Norgestimat erlitten statistisch betrachtet im Jahr von 10.000 Frauen sieben eine Thrombose. Antibabypillen der dritten und vierten Generation, die die Gestagene Gestoden, Desogestrel, Dienogest, Drospirenon,Chlormadinon oder Nomegestrol enthalten, führten bei 12 bis 14 Frauen dazu.

Nicht immer werden diese Pillen zur Schwangerschaftsverhütung verschrieben, sondern auch zur Verbesserung des Hautbildes, für gesunde Haare und Nägel und für Gewichtsverlust, sagt der Pharmakologe.

Laut Pillenreport der Techniker Krankenkasse (TK) zählen mehr als die Hälfte der 40 meistverordneten Antibabypillen-Präparate zur dritten und vierten Generation. Bei den Frauen unter 20 Jahren nehmen laut Glaeske sogar zwei Drittel eine der risikoreicheren Pillen ein. Auch diese Risiken seien – ähnlich den diskutierten Depressions- und Suizidrisiken damals zunächst verschwiegen worden, sagt Glaeske.

Solch neue und kritische Forschungsergebnisse rücken die möglichen Nebenwirkungen von Verhütungsmitteln ins Bewusstsein der Bevölkerung. Nicht nur Birgit Derntl und Gerd Glaeske stellen fest, dass die Nebenwirkungen der Pille immer mehr Aufmerksamkeit bekommen. Der Verkauf der Pillen der neueren Generation ist laut Glaeske in Folge dessen um 20 bis 30 Prozent zurückgegangen.

Auch Kai Bühling, Leiter der Hormonsprechstunde der Klinik für Gynäkologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf stellt fest, dass die Menschen bewusster mit Hormonpräparaten wie der Pille umgehen. Auch das Interesse an hormonfreien Verhütungsmöglichkeiten wie zum Beispiel durch die Kupferspirale, steige.

Es gebe viele Faktoren, die noch nicht bekannt seien. Die Wirkung des in den Pillen vorhandenen Ethinylestradiols sei mit den natürlichen nicht unbedingt gleichzusetzen. Dadurch ließe sich beispielsweise bei manchen Frauen die Abnahme des Lustempfindens erklären.

Für einen bewussten Umgang mit hormonellen Verhütungsmitteln sprechen aus Sicht der Experten auch weitere Gründe: Rund fünf bis zehn Prozent der Mädchen ab dem zwölften Lebensjahr bekommen bereits die Pille verordnet, sagt Glaeske. Zwischen dem 18. und 20 Lebensjahr, nehmen rund 80 Prozent der Frauen das Verhütungsmittel ein. Doch gebe es laut Derntl noch keine Studien, die die Wirkung dieser Medikamente auf das sich entwickelnde Gehirn untersuchen.

Bereits jetzt aber lässt sich nicht mehr von der Hand weisen, dass die Einnahme der Pille Körper und Psyche verändert. In diesem Zusammenhang sei es wichtig vor der Verschreibung verhütender Medikamente durch den Gynäkologen zu erfragen, inwiefern Frauen bereits vor der Einnahme unter Stimmungsproblemen leiden, um eine Verschlechterung der Stimmungslage zu vermeiden.

Aus der aktuellen Forschung wisse man zudem, dass manche Frauen unter Einnahme der Pille weniger stark auf Stimmungsauslöser wie Kindergesichter oder sexuelle Stimuli reagieren. Eine weitere neuere Untersuchung zeige, dass Frauen unter der Wirkung der Pille eine schlechtere Emotionserkennung haben. Sie erkennen Gefühle wie Wut, Ekel oder Trauer bei anderen schlechter. Auch verändere das Hormonpräparat die Sexualität und sogar die Partnersuche. Das Problem vieler dieser Studien: Derzeit ist die Datenlage dazu zu dünn. Es müsste weiter geforscht werden, sagt Derntl: „Die Frauen sollten wissen, was die Pille mit ihnen machen kann.“

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