Falschbehauptungen im Faktencheck 12 Mythen über Sex und den Intimbereich

Düsseldorf · Kann die Sitzheizung im Auto Männer unfruchtbar machen? Sind Intimhaare unhygienisch und gibt es das „Jungfernhäutchen“ überhaupt? Wir klären, welche Mythen stimmen und welche nicht.

 Sex sollte Spaß machen. Doch allzu oft verderben Mythen und Falschbehauptungen die Freude.

Sex sollte Spaß machen. Doch allzu oft verderben Mythen und Falschbehauptungen die Freude.

Foto: dpa-tmn/Christophe Gateau

Sexualkunde ist für Schülerinnen und Schüler in Deutschland ein Pflichtfach. Dennoch halten sich manche Falschbehauptungen und Mythen hartnäckig. Ein Faktencheck zu zwölf Behauptungen rund um Sex und den Intimbereich.

1. „Intimbehaarung ist unhygienisch.“

Nein. Tatsächlich trifft das Gegenteil zu. Intimhaare haben „eine Schutzfunktion für die empfindliche Haut darunter“, wie Gynäkologin Anna Stamm erklärt. Außerdem schützen die Haare beim Sex vor zu viel Reibung. „Die Entfernung bringt oft eher Probleme wie Hautverletzungen, eingewachsene Haare und Pickelchen mit sich“, sagt Stamm und fügt hinzu: „Es ist letztlich aber eine reine Geschmackssache, wie die Intimfrisur aussieht.“

2. „Ein beschnittener Penis ist hygienischer.“

Nein. Bei normaler Hygiene ist ein unbeschnittener Penis nicht hygienischer als ein beschnittener. Voraussetzung ist laut Urologe Wolfgang Bühmann, dass sich Männer mit fließendem Wasser waschen. „Auch einen beschnittenen Penis muss man waschen“, sagt Bühmann. Zudem sei es ein Märchen, dass die Beschneidung der Infektionsprophylaxe diene, so der Urologe.

3. „Männer mit beschnittenem Penis halten beim Sex länger durch.“

Nein. Durch die Beschneidung ist die Eichel weniger empfindlich. Auch wenn es laut Bühmann sein könne, dass Männer so den Orgasmus „einen Ticken länger herauszögern“ können, rät er nicht dazu, die Vorhaut entfernen zu lassen. „Das ist fachlicher Unsinn. Die Empfindlichkeit der Eichel trägt zum Orgasmus bei und das ist ja das Schöne“, sagt Bühmann.

4. „Das Jungfernhäutchen gibt es gar nicht.“

Jein. Ein Häutchen, das den Vaginaleingang verschließt, gibt es nicht. Das Hymen ist vielmehr ein Schleimhautkranz, der sich rund um die Vaginalöffnung befindet und diesen etwas verdeckt. „Dieses Schleimhäutchen ist von Frau zu Frau sehr verschieden. Es kann auch nur sehr schmal sein und sich ebenfalls sehr stark dehnen“, sagt Gynäkologin Anna Stamm, die auch auf ihrem Instagram-Kanal „Frau Gyn“ Fragen beantwortet. „Der erste Sex muss also weder weh tun, noch erfolgt immer eine Blutung“, so Stamm. Und ob bereits eine Penetration stattgefunden hat oder nicht, lässt sich auch nicht am Hymen erkennen. „Blutige Laken zum Zeichen der ‚Jungfräulichkeit‘ nach der Hochzeitsnacht, Untersuchungen, um das intakte Jungfernhäutchen zu beweisen, oder gar Wiederherstellungsoperationen sind jedoch völliger Unsinn und Auswüchse des Patriarchats“, sagt Stamm.

5. „Das erste Mal tut immer weh.“

Jein. „Das kleine Häutchen, das den Vaginaleingang schützt, ist sehr unterschiedlich ausgeprägt und kann sich auch sehr dehnen. Die erste vaginale Penetration muss also nicht unbedingt wehtun und es muss auch nicht immer bluten“, erklärt Stamm. Neben dem Hymen spiele aber auch die Feuchtigkeit der Vagina eine Rolle, die durch sexuelle Erregung verstärkt wird. „Bei Erregung dehnt sich die Vagina etwas aus und wird länger, was das Eindringen erleichtert. Für eine ausreichende Feuchtigkeit kann leicht mit Gleitmitteln nachgeholfen werden“, sagt Stamm. Wer zudem Vertrauen in sein Gegenüber hat, sich Zeit lässt und ganz ohne Druck das erste Mal Sex hat, hat womöglich weniger Schmerzen. Außerdem der generelle Hinweis: Das erste Mal Sex umfasst nicht nur die Penetration mit dem Penis.

6. „Sitzheizung kann unfruchtbar machen.“

Nein. Richtig ist, dass Hoden temperaturempfindlich sind. Die Idealtemperatur liegt etwas unter der Körpertemperatur, weshalb die Hoden auch außerhalb des Körpers liegen. „Der normale, nicht dauerhafte Gebrauch einer mitteleuropäischen Sitzheizung, die nicht defekt ist, ist völlig unproblematisch“, sagt Bühmann. Er empfiehlt sogar Sitzheizungen. So könne das Becken erwärmt und besser durchblutet werden, was Infektionen vorbeugen könne.

7. „Die Klitoris ist so groß wie eine Erbse.“

Nein. Obwohl die Klitoris viel größer ist, hat sich diese Behauptung lange gehalten. „Tatsächlich hat man das lange so geglaubt und selbst in medizinischen Lehrbüchern waren die Darstellungen lange Zeit falsch oder ungenau“, sagt Stamm. Die Frauenärztin erklärt, dass sich die Schwellkörper der Klitoris von außen unsichtbar rechts und links unter den Vulvalippen befinden und den Vaginaleingang umschließen. „Die Klitoris ist so etwas wie das weibliche Gegenstück zum Penis und entspricht diesem auch in ihrer Größe. Der kleine sichtbare Anteil, quasi die Erbse, ist lediglich die Eichel der Klitoris mit der Klitorisvorhaut“, sagt Stamm.

8. „Den G-Punkt gibt es nicht.“

Mit dem G-Punkt ist ein Areal in der Scheidenvorderwand gemeint, das sich einige Zentimeter hinter dem Vaginaleingang befindet. „Bis heute ist nicht wirklich geklärt, ob es den sogenannten G-Punkt wirklich gibt beziehungsweise ob jede Frau ihn hat“, sagt Stamm. Einige Frauen empfinden eine Stimulation an dieser Stelle jedoch als besonders lustvoll, wie Stamm erzählt. Generell ist sie der Meinung: „Es ist sicher nicht verkehrt, sich spielerisch auf die Suche zu machen, welche Punkte rund um Vagina und Vulva besonders viel Lust bereiten, auch wenn das von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ist.“

9. „Ohne Sex bekommen Männer einen Samenstau.“

Nein. „Das ist auch so ein Märchen“, sagt Bühmann. Auch wenn die Samen dauernd erneuert werden, komme es nicht zum Anstau von Spermien. „Wenn man länger keinen Verkehr hat, bekommt man keinen Samenstau und die Potenz lässt auch nicht nach“, sagt Bühmann. Zudem gebe es immer noch den nächtlichen Samenerguss als „Überdruckventil“, so der Urologe.

10. „Männer haben ein größeres Verlangen nach Sex.“

Jein. Jedenfalls belegt eine Studie im Fachblatt „Psychological Bulletin“ aus dem Jahr 2022 diese Annahme. Sozialpsychologen der Universität des Saarlandes haben mehr als 200 Studien seit dem Jahr 1996 mit insgesamt mehr als 620.000 Teilnehmern ab 14 Jahren ausgewertet. Bei der Analyse der Daten kamen die Forschenden zu dem Ergebnis, dass Männer durchschnittlich häufiger an Sex denken und ein größeres Bedürfnis nach Sex haben. Allerdings schätzen die Wissenschaftler auch, dass 24 bis 29 Prozent der Frauen stärker sexuell motiviert seien als der durchschnittliche Mann. Die Autoren der Studie weisen jedoch auch darauf hin, dass die Ergebnisse nicht repräsentativ für die gesamte Weltbevölkerung sind. Zudem wurden Menschen befragt, die sich als Mann oder Frau identifizieren. Nichtbinäre und Transpersonen wurden nicht separat befragt.

11. „Bei viel Sex leiert die Vagina aus.“

Nein. Die Vagina ist ein Muskelschlauch, der sich dehnen und auch wieder zusammenziehen kann, wie Stamm erklärt. „Die Vagina ist quasi für diese Aufgabe gemacht und leiert daher auch nicht aus durch viel Sex“, sagt Stamm. Immer gilt aber: Bei Schmerzen sollte der Sex unterbrochen werden.

12. „Frauen müssen erst zum Frauenarzt gehen, wenn sie Sex haben wollen.“

Nein. Stamm erzählt, dass Frauen und Mädchen oft bereits ohne Wunsch nach Sex zu einer Beratung kommen. Eine Untersuchung findet dabei nicht unbedingt statt, viel mehr beantwortet sie Fragen zum Zyklus, zur Frauengesundheit und zur Verhütung. „Letztlich darf das aber natürlich jede Frau nach ihren Bedürfnissen selbst entscheiden. Ab dem 21. Lebensjahr oder wenn frau sexuell aktiv ist, sollte eine jährliche Untersuchung stattfinden. Bei dieser Untersuchung geht es unter anderem um die Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs, der auch schon junge Frauen betreffen kann“, erklärt Stamm.