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Asexualität: Begriff, Vorkommen und Hilfe für Betroffene

Asexualität : Vom Tabu, einfach gar keine Lust zu haben

Sie wollen einfach nicht – oder haben zumindest kein großes Bedürfnis danach. Für Asexuelle Menschen ist Sex uninteressant. Wir erklären, was es mit der seltenen Orientierung auf sich hat.

Sex ist überall. Filme, Bücher und Werbung scheinen ohne Sex oder die Anspielung darauf kaum noch auszukommen. Jeder scheint „das Eine“ ganz selbstverständlich und oft zu tun.

Dabei spielt Sexualität für viele Menschen gar keine so große Rolle. Einigen fehlt das Interesse an sexueller Interaktion und sexuelle Anziehung sogar gänzlich. Asexualität heißt dieses Phänomen.

Was ist Asexualität?

Das Wort Asexualität beschreibt nach der strengen Definition das Fehlen jeglichen sexuellen Verlangens. Damit sind nicht die Situationen gemeint, in denen man mal keine Lust hat. Asexualität ist ein dauerhafter Zustand. Asexuelle verspüren keine körperliche Anziehung zu anderen Menschen. Rund um den Begriff der Asexualität, der noch recht neu ist, ranken sich viele Missverständnisse, berichtet Irina Brüning, Sprecherin des Vereins Aktivista, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, das asexuelle Spektrum sichtbar zu machen. „Asexualität ist nicht gleichbedeutend mit Enthaltsamkeit. Es handelt sich um eine Orientierung, nicht um eine Entscheidung. Und nicht alle asexuellen Menschen verbringen ihr gesamtes Leben ohne Sex.“ Asexualität existiere auf einem breiten Spektrum. So gibt es diejenigen, die sexuelle Handlungen ganz und gar ablehnen und diejenigen, die Geschlechtsverkehr durchaus angenehm finden, aber kein dringendes Bedürfnis danach haben.

Das Gegenteil von Asexualität ist Hypersexualität. Hier bestimmt das Verlangen nach Sex einen großen Teil des Alltags. Hypersexuelle haben häufig Geschlechtsverkehr oder befriedigen sich selbst. Asexualität und Hypersexualität beschreiben als Begriffe jeweils die Stärke des sexuellen Interesses.

Woran erkennt man, dass man asexuell ist?

Aktivista, ein Verein zur Sichtbarmachung des asexuellen Spektrums, in dem sich Gleichgesinnte austauschen, fasst den Begriff der Asexualität bewusst allgemein und weit. Asexuelle Menschen seien sehr verschieden und daher nicht in eine Kategorie zu zwängen. Gemein sei den Betroffenen, dass sie keinen Wunsch nach sexueller Interaktion verspüren. Damit unterscheiden sie sich von allosexuellen Personen, also denjenigen, die sich von anderen körperlich angezogen fühlen. Bei manchen Asexuellen fängt die sexuelle Interaktion schon bei einem Kuss oder einer Berührung an, bei anderen erst der Geschlechtsakt als solches. Einige Asexuelle mögen Erotik oder haben Fetische. Einige empfinden durchaus Erregung oder romantische Gefühle für andere Menschen.

Was alle Asexuelle gemeinsam haben, ist, dass sie kein Interesse haben, mit anderen zu schlafen. Eine glückliche Beziehung, die viele von ihnen durchaus suchen, hat für sie nicht zwangsläufig etwas mit Sexualität zu tun. Asexuelle Menschen suchen die Nähe zu anderen auf anderen Ebenen, während bei Allosexuellen die Anziehung zu einem anderen Menschen in der Regel das Verlangen nach Sex miteinschließt.

Wann tritt Asexualität erstmals auf?

„Menschen im asexuellen Spektrum merken häufig in der Jugend, dass sie anders als Gleichaltrige empfinden“, sagt Irina Brüning. „Ein mögliches Anzeichen ist: Man findet andere Menschen nicht heiß, sondern einfach hübsch oder sympathisch, und man möchte selbst nicht als heiß wahrgenommen werden.“ Asexuelle Menschen können oftmals nicht nachvollziehen, weshalb anderen Sex wichtig ist. Geraten sie selbst in sexuell aufgeladene Situationen, finden viele von ihnen das unangenehm und fremd. Da der Begriff noch nicht lange bekannt ist, finden manche Asexuelle nun erst im höheren Alter ein Wort für ihre Empfindungen.

Ist Asexualität heilbar?

Asexualität ist keine Krankheit, sondern eine Ausdrucksform der Sexualität. Organische oder hormonelle Probleme sind nicht die Ursache. Rein körperlich sind asexuelle Personen durchaus zu Sex fähig. Bei Asexualität von einem Fehlen der Libido zu sprechen, ist daher falsch. Asexuelle können erregt werden und alleine oder gemeinsam mit einem Partner zum Höhepunkt kommen. Sie haben aber nicht das Bedürfnis, sexuelle Handlungen auszuleben.

Wie häufig ist Asexualität in Deutschland?

Bei Asexualität handelt es sich nicht um einen wissenschaftlich streng definierten Begriff, sondern vielmehr um eine Selbstbeschreibung von Menschen, die sich als asexuell wahrnehmen. Die Forschung hat sich diesem Phänomen bislang nicht mit großem Interesse gewidmet. Daher gibt es auch keine belastbaren Zahlen dazu, wie verbreitet Asexualität in Deutschland wirklich ist.

Die wenigen Studien, die es gibt, deuten darauf hin, dass Asexualität nach der strengen Definition sehr selten ist und maximal ein Prozent der Bevölkerung betrifft. 2004 wertete der kanadische Wissenschaftler Anthony Bogaert eine britische Studie von 1994 aus, in der Verschiedenes zum Thema Sexualverhalten abgefragt wurde. In dieser Studie gab ein Prozent der Befragten an, sich noch nie zu einer Person sexuell angezogen gefühlt zu haben. Neuere Zahlen gibt es bisher nicht.

„Sprechen wir mal von einem Prozent, solange wir nichts anderes in der Hand haben“, sagt Irina Brüning. „Wir können jedoch davon ausgehen, dass die Mehrzahl der asexuellen Personen ihre eigene Orientierung nicht benennen kann, da sie bisher keine Informationen darüber hat.“ Darüber hinaus kann man durchaus vermuten, dass viele Männer und Frauen, die so empfinden, nicht offen über ihre sexuelle Orientierung sprechen. „Menschen, die sich als asexuell outen, wird vielfach nicht geglaubt oder es wird nach einer Ursache wie Krankheit, Trauma und Ähnlichem gesucht“, berichtet Irina Brüning. „Dass man sich von keinem Geschlecht angezogen fühlt, können sich viele Leute überhaupt nicht vorstellen.“

Wie fühlt sich Asexualität an?

Asexualität kann sehr unterschiedliche Ausprägungen haben und ist vor allem eine Frage des individuellen Empfindens. So sind asexuelle Menschen durchaus auch in der Lage, sich zu verlieben. Viele, aber nicht alle, haben das Bedürfnis nach einer romantischen Beziehung und Partnerschaft. Sie haben intensive Gefühle für Menschen, die ihnen viel bedeuten. Für sie ist Liebe aber nicht gleichbedeutend mit Sex.

Genauso wie allosexuelle Menschen in einer Beziehung ohne Sex leben können, können Asexuelle Teil einer sexuellen Beziehung sein, betont der Verein zur Sichtbarmachung des asexuellen Spektrums. Gründe für sexuelle Handlungen können ein Kinderwunsch, Neugierde oder der Wunsch sein, dem Partner in einer Liebesbeziehung sexuelles Vergnügen zu bereiten, ohne selbst Befriedigung zu suchen. Aber, so berichtet der Verein weiter, sei vielen Asexuellen Geschlechtsverkehr gleichgültig. Andere empfinden ihn sogar als abstoßend.

Wie lebt es sich mit Asexualität?

„Da Asexualität bisher noch wenig bekannt ist, haben viele Menschen kein Wort, um ihre Empfindungen zu beschreiben“, sagt Irina Brüning vom Verein Aktivista. „Sie glauben, dass sie die einzigen sind, die so empfinden, oder sogar, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Dies kann sehr belastend sein.“ Irina Brüning rät den Betroffenen, stets offen über ihre Gefühle zu sprechen - vor allem mit dem Partner. Einander ernst zu nehmen ist die Grundvoraussetzung für eine glückliche Beziehung. Lösungen können zum Thema Sex dann gefunden werden, wenn man offen zu einander ist.

Für manche asexuelle Menschen sei es, so die Aktivista-Sprecherin, kein Problem, in einer Beziehung gelegentlich Sex zu haben, obwohl sie selbst kein Verlangen danach haben. Eine Alternative wäre, dass der Partner auf Körperlichkeiten verzichtet. Für manche Paare kann es eine Lösung sein, wenn die Person, die sich Sex wünscht, fremdgeht. „Jedes Paar muss seinen Weg gehen. Es gibt kein Patentrezept“, erläutert Brüning. „In einigen Fällen klappt eine gemischte Beziehung nicht. So etwas ist schade und traurig, aber niemand ist daran schuld. Weder der asexuelle Part ist verklemmt oder krank, noch der allosexuelle triebgesteuert und nur auf das Eine aus.“

Was kann man bei Asexualität tun?

Den Betroffenen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, in der Öffentlichkeit über Asexualität zu informieren, ist es wichtig zu betonen, dass Asexualität kein Defekt und auch keine Krankheit ist. Wer so empfindet, ist nicht falsch. Es ist nichts Verwerfliches daran, kein oder nur geringes sexuelles Verlangen zu haben. Seit 2001 informiert AVEN (Asexual Visibility and Education Network), ein Netzwerk für Aufklärungsarbeit, über Asexualität und fördert auch Online-Foren, in denen sich Betroffene austauschen können. Seit 2005 gibt es ein deutschsprachiges Unterforum, in dem sich Asexuelle vernetzen.

Der Verein Aktivista wurde 2012 in Deutschland gegründet und hat heute 27 aktive Mitglieder. Dazu kommen noch einige Frauen und Männer, die sich im Forum regelmäßig über ihre Erfahrungen und Empfindungen austauschen. Das erklärte Ziel von Aktivista ist, die wenig bekannte sexuelle Orientierung öffentlich zu machen und Informationen dazu zu streuen. „Wir sind jedes Jahr auf mehreren CSDs mit Infoständen und Fußgruppen vertreten. Wir organisieren jedes Jahr eine Konferenz für Menschen aus dem asexuellen Spektrum in Stuttgart“, zählt Irina Brüning die Vereinsaktivitäten auf. Darüber hinaus erstellt der Verein Flyer und Broschüren zum Thema, die kostenfrei bestellt werden können. Einige Mitglieder halten auf Anfrage auch Vorträge über Asexualität und berichten ihre eigenen Erfahrungen.

Hier geht es zur Infostrecke: Die 10 wichtigsten Fakten über Asexualität