Schwangere im Kreißsaal weggeschickt: Probleme mit Geburtskliniken in NRW

Geburtshilfe in NRW: Wenn Schwangere von Kliniken weggeschickt werden

Es ist ein Alptraum für jede werdende Mutter: Immer wieder weisen Geburtskliniken Frauen unter Wehen ab, weil sie gerade keine Kapazitäten frei haben. Auch in NRW wachsen die Probleme durch Einsparungen und Personalmangel.

Selbst dann, wenn sie sich für den errechneten Geburtstermin dort angemeldet hatten. Einer der Gründe ist steigender Kostendruck. Er zwingt Kliniken dazu, unrentable Bereiche zu schließen oder Personalkosten einzusparen. Beides trifft die Geburtsstationen. Daten des Statistischen Bundesamts zeigen, dass es 1991 noch 1186 Kreißsäle gab, Ende 2015 waren es nur noch 709. Das ist ein Rückgang um 40 Prozent, in NRW um 41 Prozent. Die Zahl der Geburten hingegen ging lediglich um 12,5 Prozent zurück.

Barbara Blomeier, Vorsitzende des Hebammen-Verbandes Nordrhein-Westfalen, kennt das aus vielen Klein- und Großstädten. Unter anderem aus Köln. "Dort haben im Oktober vorübergehend drei Kliniken ihre Geburtsstationen geschlossen. Auch in Düsseldorf hat es schon mehrere Notstände gegeben." In Köln sei eine Schwangere nach einem Blasensprung von drei Kliniken nacheinander abgewiesen worden und schließlich nach Bonn gebracht worden, sagt Katharina Desery von der Elternorganisation Mother-Hood, die sich für den Schutz von Mutter und Kind während der Schwangerschaft bis zum ersten Lebensjahr stark macht.

Geburten in Autos und Krankenwagen häufen sich

Kliniken melden sich tageweise bei Rettungsleitstellen ab, weil sie keine Schwangeren mehr aufnehmen können. Das heißt im Klartext: Ruft eine Schwangere aufgrund einer fortgeschrittenen Geburt den Rettungswagen, ist es möglich, dass dieser die geplante Klinik gar nicht anfahren kann. "Es häufen sich Geburten in Autos oder Krankenwagen. Viele Frauen haben Angst, dass sie nicht richtig versorgt werden können", sagt Mirja Fondermann, Vorstandsmitglied Mother-Hood und für NRW zuständig.

"Kommen Frauen mit Wehen, werden sie im besten Fall erst begutachtet und nur weitergeschickt, wenn der Geburtsvorgang noch nicht zu weit fortgeschritten ist", sagt Blomeier. Allerdings nicht immer, wie ein Fall in Berlin zeigt. Dort entband eine Frau ihr Kind im Auto auf dem Parkplatz, nachdem man sie in ihrer Wunschklinik abgewiesen hatte. Bis zum 20 Minuten entfernten Krankenhaus, an das man sie verwiesen hatte, kam sie nicht. Ob Hebamme, Ärztin oder Elternvertreterin — sie alle können solche Fälle erzählen.

Immer weniger Geburtskliniken in NRW

Alleine die Tatsache, mit Wehen weggeschickt zu werden, sei ein Schock, sagt Fondermann. "Die Frauen kommen zur Klinik, weil sie Hilfe brauchen. Die wird ihnen in ihrer Notlage verwehrt. Das ist ein schwer traumatisierendes Erlebnis." In Panik hätten Frauen sogar versucht, ihre Wehen zurückzuhalten.

Das Versorgungsnetz von Geburtsstationen in erreichbarer Nähe werde immer dünner. Beispiele dafür seien der Kreis Coesfeld oder der Kreis Höxter. Laut Blomeier haben sie jeweils nur noch eine einzige Geburtsklinik. Auch in Krefeld ist das der Fall. Besonders in ländlichen Gebieten kann das Weiterschicken Gebärender schnell kritisch werden: Denn die Kliniken liegen oft weit voneinander entfernt. "Vor allem bei Mehrfachgebärenden kann ein Kind schneller kommen, als man es erwartet", sagt eine Hebamme, die anonym bleiben möchte. 30 Kilometer bis zum nächsten Krankenhaus können zu weit sein. Erst Recht, wenn die Witterung schlecht ist. Besonders im Sauerland oder der Eifel könne sich die Lage im Winter noch weiter zuspitzen, sagt Blomeier.

Wo es in der Region kritisch ist

  • Geburtshilfe : Immer mehr Kreißsäle in NRW schließen

Zudem verschlimmern Schließungen kleiner Geburtsabteilungen das Problem. "Es ist Wunsch der Krankenkassen, alle kleinen Kliniken zu schließen", sagt ein Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Eine Geburtsstation braucht rund 1000 Geburten im Jahr, damit sie sich trägt. Von mehreren Kliniken in NRW hört man, dass man eine Schließung in Erwägung zieht. Inzwischen sei zum Beispiel die Geburtsversorgung zwischen Heinsberg und Geilenkirchen problematisch, ist aus Hebammenkreisen zu hören. Die Folge: Die Auslastung an größeren Krankenhäusern wie dem Elisabeth-Krankenhaus in Rheydt steigt.

Nicht immer seien Kliniken darauf vorbereitet. Das führe zu weiteren Abweisungen, sagt Fondermann. Auch die DGGG, die Bundesarbeitsgemeinschaft Leitender Ärztinnen und Ärzte in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe (BLFG) sowie der Berufsverband der Frauenärzte (BVF) beobachten das mit großer Sorge. Sie bemängeln unter anderem die Schließung kleinerer Geburtsabteilungen ohne vorherige Kapazitätssteigerung der großen Geburtskliniken.

Eine vorübergehende Schließung der Geburtenstation in Sankt Augustin beispielsweise führte zur Weiterleitung von Patientinnen nach Bonn. Dort aber springe man zudem ein, wenn die Kliniken in Köln überlastet seien, sagt Mother-Hood-Sprecherin Desery.

Zwar gibt es sogenannte Sicherstellungszuschläge, durch die wichtige Krankenhausstationen staatlich unterstützt werden, doch ist die Geburtshilfe davon ausgenommen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft setzt sich darum dafür ein, diese einzubeziehen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA), der dafür zuständig ist, berät derzeit darüber.

"Schon seit 1991 verschlechtert sich die Lage in der Geburtshilfe. 42 Prozent der geburtshilflichen Abteilungen haben seit diesem Zeitpunkt geschlossen", sagt Seelbach-Göbel. Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft bestätigt diese Probleme. Sie nennt neben Finanzierungsproblemen Personalmangel als Hauptursache. Selbst wenn die Frauen nicht abgewiesen werden - aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen in den Kliniken und Kreißsälen finden einige Krankenhäuser keine Hebammen mehr. "Chronischer Personalmangel und hohe Krankenstände überlasteter Hebammen wiederum führen dazu, dass oft drei und mehr Frauen gleichzeitig von einer einzigen Hebamme betreut werden müssen", sagt Blomeier.

Statt der Hebamme die Sekretärin im Kreißsaal

Kontinuierliche Begleitung bekommen nur die Frauen mit dem größten Risiko. Gebärende ohne Geburtsrisiko seien in solchen Situationen meist weite Teile der Geburt auf sich selbst gestellt. Das ist besonders dann so, wenn Hebammen gleichzeitig im OP sein müssen. "Ich weiß von Fällen, in denen Krankenschwestern und sogar Sekretärinnen in die Kreißsäle beordert wurden, um den Schein zu wahren, es sei Personal zugegen", sagt Blomeier.

Wonach Sie auf der Suche nach einer Geburtsklinik fragen sollten:

Darum rät sie Frauen dazu, bereits vor der Entscheidung für eine Geburtsklinik nach folgenden Dingen zu fragen:

(wat)