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Pille danach: Was wissen Jugendliche über Kondome & so?

Über 8000 Geburten bei Minderjährigen : Was bei Jugendlichen in Sachen Verhütung schief läuft

Jugendliche in Deutschland sind durchschnittlich 16,3 Jahre alt, wenn sie zum ersten Mal Geschlechtsverkehr haben. Das ist im Vergleich zu anderen europäischen Staaten sehr früh. 396.000 Mal haben Ärzte im vergangenen Jahr die Pille danach verschrieben. Das legt die Frage nahe, wie fit Jugendliche eigentlich in Sachen Verhütung sind.

Die nackten Tatsachen versetzen viele Eltern in Sorge: Immer früher werden Kinder heutzutage geschlechtsreif. Mädchen bekommen hierzulande mit zwölfeinhalb Jahren ihre erste Monatsblutung und können spätestens dann auch schwanger werden — ungewollt. Die Hormone stellen sich um und sorgen nicht zuletzt dafür, dass das andere Geschlecht in den Fokus rückt: freundschaftlich, partnerschaftlich oder sexuell.

Erstes Mal — 12 Prozent verhüten nicht

Ein schöner Nachmittag oder eine durchtanzte Nacht enden erstmals im Bett. An mögliche Konsequenzen des Liebesspiels mag nicht jeder denken. 12 Prozent der Mädchen und 15 Prozent der Jungen verhüten beim ersten Mal nicht, so zeigt eine Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Je jünger sie sind, desto häufiger erleben sie den ersten Geschlechtsverkehr quasi schicksalhaft und ohne jede Vorbereitung.

Zwar sinkt nach Angaben des Statistischen Bundesamtes die Zahl der Geburten bei Minderjährigen in den letzten Jahren. Doch sind es 2012 immer noch 8.250 Babys, die von Jugendlichen unter 18 Jahren geboren werden — im Vergleich dazu waren es im Jahr 2009 noch 9.670. Mehr als jedes fünfte Mädchen ist auch heute noch 16 Jahre und jünger und das, obwohl schon in der Grundschule die Aufklärung beginnt. Im vierten Schuljahr machen Zehnjährige noch rein theoretisch Bekanntschaft mit dem anderen Geschlecht. An den weiterführenden Schulen setzt sich das Thema inhaltlich fort. Dort geht es konkret um das Thema Verhütung und Geschlechtskrankheiten.

Was trotz Verhütung oft schief läuft

Beratungsstellen wie "pro familia" arbeiten eng mit den Lehranstalten zusammen, um die Kinder früh zu erreichen, sagt Erica Papke, die seit vier Jahren die Schwangerschaftskonfliktberatung dort macht. Sie berichtet, dass die meisten Teenager beim Sex zwar mit Kondom oder Pille verhüten, im Rausch der Gefühle allerdings dann so einiges schief laufen kann. "Jungen benutzen zum Beispiel die falsche Kondomgröße", sagt Papke. Im Konkurrenzkampf um den größten und längsten Penis, werden die nackten Fakten falsch eingeschätzt. In der Beratungsstelle hilft man Pubertierenden mit "Kondometern" aus Papier die richtige Größe zu ermitteln. Sonst ist der Unfall beim Sex vorprogrammiert: Das Gummi rutscht ab und sorgt nicht nur für peinliche Momente, sondern auch Angst vor einer Schwangerschaft im Nachgang.

Häufiger Fehler bei den Mädchen ist, dass sie trotz der Einnahme von Antibiotika oder eines Magen-Darm-Infekts auf die verhütende Eigenschaft der Pille setzten. "Wer Antibiotika einnimmt, der sollte wissen, dass das die Wirkung der Pille dadurch aufgehoben werden kann", sagt Erica Papke. Auch der Blick in verschiedene Beratungsforen gibt tiefe Einblicke in das Sex- und Seelenleben Jugendlicher: Kondome platzen, reißen oder bleiben drin. Mädchen fürchten nach Petting schwanger zu werden oder haben nach ihrem Eisprung Sex.

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Notnagel "Pille danach"

Es ist die Angst schwanger zu werden, die Betroffenen dazu treibt, sich hier zu offenbaren. Allerdings manchmal viel zu spät. Denn helfen könnte vielen die Pille danach, vorausgesetzt sie wird möglichst schnell eingenommen und der Eisprung steht noch bevor. Die Wirkweise solcher Präparate zielt darauf ab, ihn zu verzögern und so eine Schwangerschaft zu verhindern.

"Doch nicht alle aber wissen überhaupt von der Pille danach", weiß die Beraterin von "pro familia". Damit verlieren sie wertvolle Zeit. Denn ihre Erfolgsquote liegt nur bei 95 Prozent, wenn sie zwölf Stunden nach dem Geschlechtsverkehr genommen wird. Nach 72 Stunden ist die Wirkwahrscheinlichkeit nur noch bei 70 Prozent. Wirkungslos bleibt sie jedoch in Fällen, in denen die Frauen nach der Einnahme nochmals ungeschützt mit einem Mann verkehren oder die ihren Eisprung bereits zum Zeitpunkt des Beischlafs hatten.

Das sind die Risiken der späten Verhütung

Anders als in den meisten europäischen Ländern wie Belgien, den Niederlanden, Frankreich oder Österreich ist das Medikament hierzulande nur auf Rezept zu bekommen. Die Mädchen müssen also einen Arzt, ein Krankenhaus oder eine Beratungsstelle mit Ärztin aufsuchen, um es sich verschreiben zu lassen. Dadurch geht wertvolle Zeit verloren, findet "pro familia" und plädiert darum für den freien Zugang zu diesem Mittel. Was Kritiker dagegen halten ist die Tatsache, dass die Wirkung der Pille danach von Einnahme zu Einnahme nachlässt, sie also kein Präparat ist, das dauerhaft zur Verhütung eingesetzt werden kann. Außerdem führen sie Risiken an, die mit der Einnahme einhergehen können. Kopfschmerzen, Zyklusstörungen und Thrombose-Gefahr zählen dazu.

Der Berufsverband der Frauenärzte fürchtet, dass Medikamente mit dem Wirkstoff Levonorgestrel zu sorglos eingenommen würden und zudem die Zahl der ungewollten Schwangerschaften zunehme. Sie betonen: "In den europäischen Ländern, in denen es rezeptfrei erhältlich ist, hat jedenfalls die Zahl der ungewollten Schwangerschaften seit der Rezeptfreiheit nicht abgenommen. Im Gegenteil: die Rate ist in Großbritannien, Frankreich und Schweden fast dreimal so hoch wie in Deutschland."

(wat)