Frühzeitig absichern Welche Versicherungen und Vollmachten junge Familien brauchen

Düsseldorf · Unfall, Tod und existenzielle Notlage – das sind alles andere als Lieblingsthemen. Vor allem für junge Familien ist jedoch Vorsorge wichtig, um im Ernstfall abgesichert zu sein. Fragt sich nur: Welche Versicherungen sind wirklich nötig? Welche Vollmachten brauche ich, und wo bekomme ich gute Beratung?

Kinder erkennen oft drohende Gefahren nicht.

Kinder erkennen oft drohende Gefahren nicht.

Foto: Shutterstock/Prostock-studio

Das Leben ist ein einziges Risiko. Umso unerlässlicher ist es, sich abzusichern, erst recht, wenn man eine junge Familie ist und Verantwortung für ein Kind trägt. Wir geben einen Überblick, was sinnvoll ist.

Privathaftpflicht

17 Prozent der deutschen Privathaushalte haben beispielsweise keine private Haftpflichtversicherung. Das zeigt eine Auswertung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft aus dem Jahr 2019. Unter den Singles sind es gar 27 Prozent. Der Abschluss einer Privathaftpflicht ist zwar nicht Pflicht. Dennoch sei diese Versicherung ein Must-have, sagt Philipp Opfermann aus dem Bereich „Finanzen und Versicherungen“ der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Besonders jungen Familien rät er dazu, sie in ausreichender Höhe zu versichern und darauf zu achten, dass die Assekuranz auch in Schadensfällen einspringt, die durch kleine Kinder verursacht sind. Denn das ist nicht automatisch der Fall.

Schrappt der Nachwuchs beispielsweise mit dem Dreirad an Nachbars Benz vorbei, bleibt der Nachbar mitunter auf dem Schaden sitzen, wenn die Versicherung nicht explizit auch Kinder bis zum siebten Lebensjahr mit einschließt. Gesetzlich sind sie als sogenannte „deliktunfähige Personen“ nicht für Schäden verantwortlich, die sie verursachen. Im Straßenverkehr gelten Kinder erst ab zehn Jahren als deliktsfähig.

Wichtig außerdem: „Die Aussage „Eltern haften für ihre Kinder“ ist nicht immer richtig. Sie haften nämlich nur dann, wenn sie ihre Aufsichtspflicht verletzen“, sagt Opfermann. Schießt der Spross beim Spielen unbeabsichtigt dem Nachbarn mit dem Fußball eine Beule ins Garagentor, ist das nur dann ein unversicherter Schadensfall, wenn die Eltern – je nach Alter des Kindes und der Situation – zum Beispiel nur einmal in der Stunde nach dem Nachwuchs schauen, statt alle 15 bis 30 Minuten.

Bezüglich der versicherten Schadenshöhe empfiehlt der Verbraucherberater eine Summe ab zehn Millionen Euro aufwärts. Die auf den ersten Blick astronomische Deckungshöhe sei vor allem bei Personenschäden, bei denen lebenslange monatliche Pflegekosten oder Renten anfallen, oder auch bei Brandschäden schnell erreicht. In der Versicherungssumme mache eine ausreichende Absicherung im Ernstfall einen entscheidenden Unterschied, schlage sich jedoch im jährlichen Versicherungstarif nur in ein paar Euro mehr nieder.

Wohngebäudeversicherung

Ganz gleich, ob Wohnung oder Haus: Eigentum ist für die meisten die größte Anschaffung im Leben. Die Wohngebäudeversicherung ist nach Einschätzung der Verbraucherzentrale darum für Eigentümer auch ein Muss. Denn sollte das Wohneigentum durch Brand oder sonstige Unglücksfälle vollständig zerstört werden, kann fehlender oder nicht ausreichender Versicherungsschutz den finanziellen Ruin bedeuten. Die Wohngebäudeversicherung springt ein bei Feuer – hierzu gehört zum Beispiel auch Blitzschlag – Leitungswasser, Sturm und Hagel. Baut man den Schutz um den vor Elementarschäden aus, ist man je nach vereinbarten Bedingungen auch im bei Schadensfällen durch Überschwemmung, Rückstau, Erdbeben, Lawinen, Erdrutsche oder Erdsenkungen abgesichert. Außerdem wichtig: „Die Wohnraumberechnung sollte nicht zu niedrig angesetzt sein“, sagt Opfermann. Er rät zudem dazu, grobe Fahrlässigkeit mit einzuschließen. Dann nämlich zahlt die Versicherung auch, wenn der Adventskranz kurz unbeaufsichtigt war und einen Brand verursacht hat  oder wenn man vergessen hat, den Herd auszustellen.

Berufsunfähigkeitsversicherung

Spätestens mit der Berufstätigkeit, besser jedoch zuvor, sollten junge Menschen über den Abschluss einer Arbeitskraftabsicherung, idealerweise eine Berufsunfähigkeitsversicherung, nachdenken. Diese schützt dann, wenn man aus gesundheitlichen Gründen seinen Beruf auf Dauer nicht mehr ausüben kann – gleich ob durch psychische Erkrankungen, wie einen Burn-out, oder körperliche Leiden, wie durch einen kaputten Rücken oder Krebs. „Fällt in Familien ein Einkommen weg, kann das schnell zu finanziellen Problemen führen“, sagt Opfermann. Denn springt zwar die gesetzliche Erwerbsminderungsrente ein, wenn man aus gesundheitlichen Gründen ab einem gewissen Grad nicht mehr arbeitsfähig ist. Doch reicht diese kaum aus, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Aus diesem Grund raten die Verbraucherzentralen zum Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung.

Sparen kann in doppelter Hinsicht derjenige, der schon während der Schulzeit oder dem Studium jung und gesund die Police abschließt. Die Beitragssätze sind dann noch sehr gering und später hinzukommende Gesundheitsrisiken durch die Berufswahl spielen keine Rolle. „Es macht also einen Unterschied, ob ich mich im Januar als Schülerin versichere oder im Herbst als Krankenschwester, die einer körperlich belastenden Tätigkeit nachgeht“, sagt Opfermann.

Risikolebensversicherung

Einen Blick wirft der Versicherungsexperte auch auf den Worst-Case, der in Familien eintreten kann: Ein Elternteil stirbt. Dann muss der andere alleine das Einkommen der Familie sichern. Eine Risikolebensversicherung mit ausreichend hoher Versicherungssumme hilft, die Betreuung und Ausbildung der Kinder sowie eventuelle Kredite für sein Eigentum weiter zu zahlen. Im Gegensatz zur Kapitallebensversicherung beinhaltet die Risikolebensversicherung keinen Vermögensaufbau. Die Versicherungssumme sollte bei Familien mit kleinen Kindern rund das Vierfache des Jahres-Netto-Einkommens betragen, rät die Verbraucherzentrale Brandenburg. Opfermann rät dazu, die Versicherung nicht nur für den Hauptverdiener, sondern beide Partner abzuschließen. Denn gleich ob Geld verdienen oder Betreuungsarbeit zu Hause – beides müsse abgesichert sein.

Verfügungen und Vollmachten

Ebenso wichtig wie die finanzielle Absicherung ist in wachsenden Familien auch die Handlungsabsicherung. Wer darf im medizinischen Notfall entscheiden?  Wie sieht es mit Kontovollmachten aus? Wer soll mein Auto abmelden können, wenn ich es nicht tun kann? Für solche Ernstfälle sollten vorzeitig Vollmachten erteilt werden. Welche medizinischen Maßnahmen in bestimmten Situationen gewünscht oder zu unterlassen sind, kann jeder für sich in der sogenannten Patientenverfügung festhalten. Selbst die Entscheidung darüber zu treffen, entlastet im eintretenden Notfall die Angehörigen. Weder für das Erstellen einer Patientenverfügung noch eines Testaments ist laut Opfermann zwangsläufig notwendig, einen Notar einzubinden. Oft helfen kostenlose Online-Tools bei der Erstellung. Eine Sorgerechtsvollmacht kann im Falle einer Trennung vom Kindsvater oder die Kindsmutter Sinn machen. Sie befähigt den jeweils andern in dringenden Fällen auch alleinige Entscheidungen zu treffen. Diese Vollmacht sollte konkret die Entscheidungsbefugnisse benennen und ebenso festhalten, welche Entscheidungen nicht alleine getroffen werden dürfen. Mit einer sogenannten Sorgerechtsverfügung können Eltern gemeinsam einen Vormund für ihre minderjährigen Kinder festlegen. Diese Vollmacht kommt nur dann zum Tragen, wenn den Eltern etwas zustößt. Sie sollte handgeschrieben sein, mit Vor- und Zunamen unterschrieben und Ort sowie Datum beinhalten.

Absicherung für den Nachwuchs

Viele Familien mit kleinen Kindern schließen eine Unfallversicherung ab. Dabei wäre eine Invaliditätsversicherung die bessere Wahl. „Meist sind nämlich gar nicht Unfälle, sondern viel häufiger Erkrankungen die Ursache für einen bleibenden Schaden“, sagt Opfermann. Darauf weist auch die Stiftung Warentest hin: Bei drei von fünf schwerbehinderten Kindern komme es in Folge einer Krankheit zur Behinderung. Die Invaliditätsversicherung ist zwar teurer als eine Unfallversicherung, sie zahlt dafür aber unabhängig davon, ob ein Kind durch Unfall oder Krankheit schwerbehindert oder invalide wird – und das lebenslang.

Unmittelbar nach der Geburt eines Kindes denken viele Familien über Möglichkeiten nach, den Nachwuchs durch eine kleine monatliche und sofort beginnende Anlage langfristig abzusichern. Jahrzehntelang stand der Bausparvertrag aufgrund ihrer Zinsvorteile in der Gunst der Deutschen ganz vorne. Inzwischen aber haben sich diese Vorteile aufgrund gesunkener Bauzinsen in Luft aufgelöst. „Wenn Oma und Opa etwas für das Kind tun wollen, fahren sie mit einem ETF-Fondssparplan besser als mit einem Bausparvertrag oder einer Lebensversicherung“, sagt Opfermann.

Ein weiterer Tipp: Prüfen Sie regelmäßig, ob sich innerhalb der Lebenssituation Änderungen ergeben haben. Sind Kinder geboren, hat man ein neues Auto gekauft oder hat eine Trennung für Änderungen gesorgt? In jedem Fall sind das Zeitpunkte, zu denen man seinen Versicherungsschutz überprüfen sollte.

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