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Verordnung von Psychopillen steigt: In jeder Klasse sitzt ein Kind mit ADHS

Verordnung von Psychopillen steigt : In jeder Klasse sitzt ein Kind mit ADHS

Hamburg/Düsseldorf (RPO). Sie sitzen keine Minute still, unterbrechen den Schulunterricht, sie sind aufbrausend und haben Konzentrationsstörungen: Verhaltensauffällige Kinder sind der Alptraum jeder Klassenlehrerin oder jedes Klassenlehrers. Doch die Kinder leiden und mit ihnen zusammen ihre ganze Familie. Was Kindern und Familien bei ADHS hilft.

Wenn Kinder schwer zu bändigen sind, denkt man heute schnell an ADHS, das so genannte Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. Nach Daten aus dem Kinder- und Jugendsurvey des Robert-Koch-Instituts sind etwa vier Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland davon betroffen. Im Schnitt sitzt rein rechnerisch mindestens ein ADHS-Kind in jeder Schulklasse. Kinderneurologen und speziell qualifizierte Kinder- und Jugendärzte versuchen den Kindern und auch den Familien zu helfen.

Durch Belohnungspläne oder verhaltenstherapeutische Maßnahmen versucht man, das Verhalten der leidtragenden Kinder zu verbessern und ihnen ein positives Feedback zu geben. Schwarzes Schaf und Sündenbock sind sie oft genug. Das ist eine Situation, die Eltern und auch die Kinder nur allzu gut kennen. "Den Kindern fehlt es oft an positiver Rückmeldung", erklärt Kinderneurologin Dr. Kirsten Stollhoff. Hier finden Sie alle Fakten zu ADHS im Überblick.

Eltern am Rande der Verzweiflung

Immer wieder stoßen die Kinder an ihre Grenzen: Sie können kaum ruhig sitzen, da wo in der Schule still sitzen gefordert wird. Sie haben oft Probleme Freunde zu finden, denn andere Kinder kommen mit der aufbrausenden Art oder dem dauernden Über-die-Strenge-schlagen nicht zurecht und distanzieren sich. Auch die Eltern tun am Rande der Verzweiflung nicht immer das, was die Situation entspannt.

Neurofeedback - also die Rückmeldung von Körpersignalen über Töne oder Geräusche und Bilder - Ansätze, die auf ein besseres Sozialverhalten abzielen, verhaltenstherapeutische Maßnahmen, Elternberatung und –trainings, Gespräche mit den Lehrern, Hausaufgabenkontrollen - all das sind nach Ausführung der Kinder- und Jugendmedizinerin aus Hamburg Ansätze, die helfen. "Wenn diese Maßnahmen nicht greifen, dann folgt erst die Medikation", erklärt Kirsten Stollhoff. Man versucht den Kindern mit dem Wirkstoff Methylphenidat zu helfen. Ritalin und Medikinet sind die bekanntesten Präparate, die in Zusammenhang mit ADHS genannt wird.

Es werden mehr Psychopillen verschrieben

Die Krankenkassen klagen: Seit einigen Jahren boome die Verordnung von Ritalin. Die Techniker Krankenkasse (TK) liefert Daten, die belegen, dass die Anzahl der Kinder und Jugendlichen zwischen sechs und 18 Jahren, die mit diesem unter das Betäubungsmittelgesetz fallenden Präparats behandelt werden, in den letzten Jahren um ein Drittel gestiegen sei.

25.000 Kinder und Jugendliche bekamen den Wirkstoff 2009 verschrieben. Nicht nur die Anzahl der betroffenen Kinder in dieser Altersgruppe aber habe sich erhöht, sondern gleichzeitig haben sie nach Informationen der TK auch mehr Medikamente bekommen. Auch Zahlen der Barmer Gesundheitskasse belegen den Anstieg der Verordnungen bei elf- bis 18-jährigen Kindern in den letzten Jahren.

Zahlen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte weisen in die gleich eRichtung: Von 2006 bis 2009 ist die Menge des Wirkstoffs, die an die Apotheken ausgeliefert wurde, um 42 Prozent auf 1.735 Kilogramm gestiegen. Das entspricht dem Gewicht eines kleinen Geländewagens. 2006 waren es noch 1.221 Kilogramm.

"Nur rund ein Drittel der rund 500.000 ADHS-kranken Kinder in Deutschland bekommt Methylphenidat verordnet", sagt Dr. Kirsten Stollhoff. Sie ist Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft ADHS ist, in der sich Kinder- und Jugendärzte vor zehn Jahren zusammengeschlossen haben, um über das Thema besser aufzuklären und Ärzte intensiv zu schulen. Auch sie spricht von einem deutlichen Verordnungs-Anstieg in den letzten Jahren, den sie auf "den Nachholbedarf nach vorausgegangener extremer medikamentöser Unterversorgung zurückführt". In den letzten zwei Jahren aber flache die Kurve deutlich ab.

Entwicklungsrückstand und ADHS nicht verwechseln

Unruhe brachte auch in Deutschland vor wenigen Wochen eine Studie aus den USA. 12.000 Kinder waren von Forschern der Michigan State University untersucht worden und die Ergebnisse hochgerechnet worden. Das Ergebnis der Forscher: Fast eine Million Kinder werden in den USA fälschlicherweise als Zappelphillipp behandelt, ohne es zu sein.

Vor allem die Schüler in den Eingangsklassen der Grundschulen gerieten dort in den Fokus. Bei ihnen lag die Wahrscheinlichkeit eine ADHS-Diagnose ausgestellt zu bekommen bei 60 Prozent. Der Grund: Die Wahrscheinlichkeit von den Ärzten ADHS bescheinigt zu bekommen, liegt überproportional hoch bei den Kindern, die quasi verfrüht eingeschult wurden. Der altersbedingte Entwicklungsrückstand und die emotionale und intellektuelle Unreife der Kinder wurde als "Hirnschaden" fehlgedeutet.

Darum empfiehlt die Hamburger Kinderneurologin, bei einem Verdacht ADHS mit einer sehr vielschichtigen Diagnostik aufzudecken, ob es sich tatsächlich um die neurobiologische Störung handelt oder nicht. "Leider ist das nicht wie bei einem Bluttest, bei dem man nachher klar sagen kann, welche Werte abweichen und welche nicht", sagt sie. Anhand eines speziellen Kriterienkatalogs können die Experten die psychische Störung feststellen. Zur Diagnose gehören ausführliche Gespräche mit den Eltern, aber auch Lehrern und Erziehern. Rund fünf Stunden Zeit müssen pro Diagnose in einen Fall investiert werden, bis man dann zum Therapieplan kommt, erklärt Kirsten Stollhoff.

Ursachen für die Erkrankung

Nach Ansicht der Psychologen gibt es die eine Ursache für die Entstehung dieser Krankheit nicht. "Man kann davon ausgehen, dass neurobiologische und psychosoziale Faktoren zusammenwirken", erklärt Psychologe Johannes Klüsener. Bei rund 70 Prozent der darauf untersuchten ADHS-Betroffenen besteht eine genetisch bedingte Anormalität der neuronalen Signalverarbeitung im Gehirn. Es können aber neben den erblichen Faktoren auch andere neurologische Erkrankungen sein, die zu ADHS führen, Frühgeburt, Komplikationen in der Schwangerschaft oder bei der Geburt oder Drogenkonsum der Mutter. Durch Rauchen oder Alkoholkonsum letztlich könne es zu der neuro-biologischen Erkrankung beim Kind kommen, erklärt Stollhoff.

Manchmal bricht die Krankheit erst aus, wenn ein Kind auf bestimmte Lern- und Umweltbedingungen stößt, kann die Erkrankung ausbrechen. Gesellschaftliche Veränderungen, ungünstige familiäre Strukturen, Bewegungsmangel oder Medienkonsum sind nicht die Ursache dieser neurobiologischen Störung, können aber den Verlauf beeinflussen.

Dadurch fallen die Kinder negativ auf

"Häufig fallen Kinder schon im Kleinkindalter durch ihre Zappeligkeit und Ruhelosigkeit auf", weiß Kirsten Stollhoff. Doch bei einem optimalen Umfeld, in dem Kinder sich in sehr strukturierten Abläufen befinden und die elterlichen Ressourcen besonders hoch sind, kann es auch erst mit dem Eintritt in die Schule dazu kommen, das die Probleme nicht mehr zu bewältigen sind. Dann fallen die Kinder plötzlich auf, weil sie den Unterricht stören oder einfach aufstehen. Sie halten sich nicht an Regeln, können sich nicht lange auf eine Sache konzentrieren und lassen sich schnell ablenken. Sie handeln oft unüberlegt, unterbrechen andere und reden dazwischen.

Die positiven Seiten des Zappelphilipps

Das sind die negativen Seiten, die in der Öffentlichkeit dazu führen, dass die Kinder stigmatisiert werden. Doch ADHS-Kinder haben auch eine Reihe an positiven Eigenschaften, die nie genannt werden: "Sie haben ein hohes Gerechtigkeitsempfinden, setzen sich für andere ein. Sie sind sehr tierlieb und kümmern sich um Schwache", erklärt die Neuropädiaterin. Im positiven Sinne können sie durch ihre Energie auffallen, mit der sie Sachen verfolgen und auch durch ihr assoziatives Denken. Doch Kreativität und "Querdenken" sind keine Eigenschaften, die in der Schule in besonderer Weise verlangt oder gefördert werden.

Nach Auskunft von Dr. Christian Rock, Medizinerin bei der AOK liegt eines der Hauptprobleme der Kinder darin, "dass sie durch ihre Hyperaktivität, fehlende Aufmerksamkeit und Impulsivität ihre Fähigkeiten weniger gut nutzen können." Hier finden Sie im Überblick, welche Symptome ADHS mit sich bringt, wie man es therapiert und was Kindern mit ADHS hilft.

Hier geht es zur Infostrecke: Therapie und Hilfe bei ADHS

(wat)