Ernährung: Für Babys Fingerfood statt Möhrenbrei?

Ernährung : Für Babys Fingerfood statt Möhrenbrei?

Erst stillen, dann Fingerfood - das sieht ein Ernährungskonzept vor, das sich "Baby-led weaning" nennt und Babys zu selbstbestimmten Essern machen will. Auf Breimahlzeiten wird dabei zugunsten stückiger Kost verzichtet. Experten warnen.

Irgendwann ist es so weit: die Still- oder Fläschchenzeit geht vorüber und die erste Beikost kommt in den Babymund. Die meisten folgen in diesem Moment der Empfehlung, schrittweise Milchmahlzeiten durch Breimahlzeiten zu ersetzen. Das raten die meisten Kinderärzte, das Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund oder die Deutsche Gesellschaft für Ernährung in Berufung auf das Expertennetzwerk "Junge Familie".

Doch es gibt auch eine andere Möglichkeit. Die nennt sich "Baby-led weaning", was übersetzt in etwa "Baby-gesteuertes Entwöhnen" heißt. Wenn das Kind Interesse an anderen Nahrungsmitteln außer der Mutter- oder Fläschchenmilch zeigt, geht es los mit Fingerfood.

Kürbislasagne statt Möhrenbrei

"Also haben wir unserem Kleinen, als er fast sechs Monate alt war, zum ersten Mal eine babygerechte Kürbislasagne vorgesetzt: Lasagneplatten und Kürbis im Ofen geschmort", schreibt Hanna Bose, eine Mutter, die "Baby-led weaning" selbst mit ihrem Baby ausprobiert hat, in ihrem Blog. Das Kind griff beherzt zu. "Einen Teil des Essens verschmierte es überall — auch auf seinem Papa, der ihn auf dem Schoß hielt und dasaß wie paralysiert — nahm dann den Teller und wirbelte ihn samt restlicher Lasagne durch die Luft." Im Magen hingegen landete nichts.

Wer sich für diesen Weg entscheidet, der sollte also die nötige Gelassenheit und ein Nervenkostüm aus Stahl mitbringen. Babys, die experimentieren, essen nicht zwangsläufig. Dennoch halten Verfechter des "Abstillens 2.0" das für die beste Lösung. Der Grund: Es geht im Tempo des Babys voran. "Sie probieren aus, was sie möchten", sagt Nora Imlau. Sie ist Autorin für Eltern-Kind-Themen und ernährt ihren inzwischen 15 Monate alten Sohn selbst per "Baby-led weaning". Weil sie davon überzeugt ist, dass Kinder in ihren Fähigkeiten unterschätzt werden.

Mehr Selbstautonomie für Babys?

"Babys können viel Verantwortung für ihre Ernährung übernehmen", sagt sie. Mit sechs Monaten hat ihr Sohn begonnen am Familientisch zu essen. Aus einer Beikostmatte mit verschiedenen Ausbuchtungen. Aus denen konnte er sich neugierig das herausangeln, was ihn interessierte: Kohlrabi, Pellkartoffel, Brokkoliröschen oder anderes gedünstetes Gemüse, weiches Obst wie halbierte Weintrauben oder ein Schnitz Apfel. Ebenso bot sie Milchprodukte wie Joghurt oder Käsewürfel an. Auch bei ihren beiden Töchtern hat Imlau es ähnlich gemacht. Sie sind heute acht und zehn Jahre alt.

Das Ziel nämlich ist zunächst nicht die Sättigung über feste Nahrung, sondern Babys für Nahrungsmittel zu begeistern und ihnen viele verschiedene Geschmackserlebnisse zu ermöglichen, sagt die Autorin und Mutter. Darum wird nebenher nach Bedarf des Kindes weiter gestillt oder mit dem Fläschchen gefüttert. So vergehen manchmal zwei bis drei Monate, bis das Baby selbst nennenswerte Mengen stückiger Nahrung in den Magen bekommt.

Entwickelt und ins Gespräch gebracht hat diese Art des Abstillens im Jahr 2004 die britische Stillberaterin Gill Rapley. Inzwischen sind darüber zahlreiche Bücher erschienen und verschiedene Anschauungen gewachsen. Geblieben ist das Grundkonzept, das einen flexiblen Übergang von der Stillmahlzeit zum festen Essen vorsieht, den das Kind in der Geschwindigkeit bestimmt und dem Baby selbst überlässt, was es wann probieren möchte. Das strenge Konzept nach Rapley sieht nicht vor, dass dem Kind etwas in den Mund gesteckt wird. Es soll alles selber greifen und auch essen. Grundlage dessen ist die Überzeugung, dass das Baby schon weiß, was und in welcher Menge sein Körper zum gesunden Gedeihen benötigt.

Kinder spüren Unverträglichkeiten

"Ein Kind verweigerte beispielsweise stets Brötchen und Nudeln, aß aber ansonsten alles", sagt Imlau. Vor einem Monat habe die Mutter des Kindes die Diagnose Zöliakie bekommen. Kann ein Kind spüren, dass es eine Unverträglichkeit oder Intoleranz hat und es darum bewusst meiden?

Josef Kahl vom Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte hält es für möglich, dass Kinder instinktiv richtig wählen. Für unterstützenswert hält er grundsätzlich, Kinder dabei zu begleiten, Lebensmittel eigenständig in den Mund zu führen und einen Becher zu halten. Ab dem zehnten Monat könnten Eltern dazu übergehen, das Kind an den Familienmahlzeiten teilhaben zu lassen und ihm abwechslungsreiche Mahlzeiten anzubieten. Wenn es allerdings noch die Hilfe der Eltern brauche, solle man es füttern.

Das kritisieren Experten an "Baby-led weaning"

Dennoch sind die Experten wenig begeistert von den Vorstellungen, die dem "Baby-led weaning" zugrunde liegen. Kritisch sehen die Kinderärzte, dass Kinder einzig und allein von der "Hand in den Mund" leben sollen. "Mit einem Jahr können Kinder feste Nahrung essen und vom Familientisch mitessen", sagt Kahl. Vorher empfiehlt der Berufsverband sich an die Ernährungsempfehlungen des FKE zu halten. Der sieht vor, Still- und Fläschchenmahlzeiten ab Beginn des fünften Lebensmonats nach und nach durch Brei zu ersetzen. Natürlich dürften sich Kinder auch mit den Fingern füttern. Brei jedoch gelte der Ernährungssicherung, sagt Mathilde Kersting vom Forschungsinstitut für Kinderernährung Dortmund (FKE).

Das Füttern von Breimahlzeiten ist beim "Baby-led weaning" hingegen nicht vorgesehen. Doch in diesen Fragen gehen die Meinungen selbst bei den Befürwortern dieser Ernährungsweise auseinander. Manche Eltern helfen beim Essen, wenn die Müdigkeit die Kinder übermannt, andere geben beispielsweise Joghurt vom Löffel, wenn das Kind zu verstehen gibt, dass es davon probieren möchte. So handhabt es auch es auch Nora Imlau. Sie hält manche Sichtweisen für zu dogmatisch.

"Rehbraten und Klöße - das ist pervers"

In Blogs und Foren berichten hingegen manche Mütter stolz von Mahlzeiten wie Rehbraten mit Rotkohl und Klößen oder Bohnen- und Chiligerichten, die neun Monate alte Kinder gegessen hätten. Was wie eine Essolympiade anmutet, lässt Kinder- und Jugendmediziner Kahl erstarren: "Das ist pervers. Selbst, wenn man es ganz klein macht." Auch aus anderem Grund hält er solche Gerichte für dieses Alter für ungeeignet: Kinder sollten während der Umstellung auf Beikost nur leicht gewürztes essen. Vor allem mit Salz sollte sparsam umgegangen werden. Kritisch sieht er zudem die Versorgung mit Eisen, die in der normalen Mischkost überwiegend durch Fleisch gedeckt wird. Zahnlose Babys mit Minibuletten in der Hand — dieser Gedanke versetzt ihn in Sorge.

Würgende Babys beim "Baby-led Weaning" normal

Was die Experten ebenfalls irritiert: Blogs und Bücher zum "Baby-led weaning" beinhalten oftmals Abhandlungen darüber, was man tun soll wenn sich Babys beim Verzehr stückiger Kost verschlucken. Meist passiere dabei nichts, sagt Imlau. "Babys würgen sehr viel, wenn Lebensmittel in den Rachen geraten. Das ist nicht gefährlich. Es ist ein natürlicher Reflex der dem Selbstschutz dient." In der Regel lernten sie recht schnell, den Mund nicht so voll zu machen.

"Ein Kind dazu zu zwingen, dauernd zu würgen, ist Folter", sagt dazu Kahl. Er warnt wegen der Gefahr des Verschluckens dringend vor der Gabe von Erdnüssen oder Trauben die die Luftröhre ganz verschließen könnten und zum Erstickungstod führen können.

Hier lesen Sie, warum und mit welchen Folgen Kinder unter fünf Jahren sich schnell verschlucken.

Trotz aller anfänglichen Begeisterung für das "Baby-led weaning" hat sich auch Bloggerin Hanna Bose nach einiger Zeit gegen das Fingerfood und für den Brei entschieden. Irgendwann kam der Punkt, an dem ihr Kind tagsüber wieder immer öfter an die Brust wollte, teils alle 30 Minuten. "Mir war klar, in den Jungen muss Nahrung rein — und zwar mit möglichst wenig Zeitaufwand", schreibt sie im Beitrag 'Warum "Baby-led weaning' bei uns nicht funktioniert". Des Dauerstillens im zehn Minuten-Akkord überdrüssig, griff sie schließlich doch zum Pastinakenbrei.

(wat)
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