Social Freezing: Das Kind, das aus der Kälte kommt

Social Freezing : Das Kind, das aus der Kälte kommt

Erst Karriere, dann Baby. Immer mehr junge Frauen lassen sich ihre Eizellen einfrieren, um Jahre später noch ihren Kinderwunsch realisieren zu können. Dieses sogenannte "Social Freezing" ist aus ethischer Sicht umstritten.

Diskussionen gibt es vor allem seitdem die Firmen Facebook und Apple bekannt gaben, ihren Mitarbeiterinnen das Procedere kostenlos zur Verfügung stellen zu wollen. Medizinisch ist diese Methode freilich nicht neu, und sie ist daher relativ sicher. Aber es gibt auch Risiken, die bis jetzt nicht wirklich absehbar sind. Wir beantworten die zehn wichtigsten Fragen zum "Kind aus dem Eisfach".

Wie funktioniert das Einfrieren und spätere Befruchten der Eizellen?

Die Frauen werden bis zu 14 Tage lang mit Hormonen stimuliert, damit sich möglichst viele Eizellen bilden. Diese werden dann über die Scheide abgesaugt, eingefroren und können schließlich Jahre später mit Spermien befruchtet und als Embryo in die Gebärmutter verpflanzt werden.

Seit wann kann man mit dieser Methode schwanger werden?

Der erste Bericht zu einer erfolgreichen Schwangerschaft stammt aus dem Jahre 1986. Das Gelingen war schon ein ziemlicher Glücksfall, weil man die Eizelle damals nur recht langsam herunterkühlen konnte, so dass sich in ihrem Gewebe mit seinem hohen Wassergehalt oft Kristalle bildeten und die Zellstrukturen zerstörten.

Wie werden Eizellen heute konserviert?

Durch sogenannte Vitrifikation, bei dem die Zelle in flüssigem Stickstoff (minus 196 Grad) eingetaucht wird. Das Ei wird dabei schockgefroren, seine Strukturen bleiben meistens intakt: Die Überlebensquote liegt zwischen 80 und 90 Prozent.

Zu welchem Zweck wurde diese Methode ursprünglich eingeführt?

Es sollte vor allem krebskranken Frauen mit bevorstehender Chemo- oder Strahlentherapie die Chance bewahren, später, wenn sie wieder gesund sind, noch ein Kind zu bekommen. In den USA wird sie seit 2000, in Deutschland seit 2009 als "Social Freezing" auch für gesunde Frauen angeboten.

Wie teuer ist ein Eingriff?

Um die empfohlene Menge von 20 bis 30 Eizellen gewinnen zu können, muss sich die Frau mindestens zwei oder - abhängig vom Alter - sogar vier Behandlungszyklen (Hormonbehandlungen und Eizell-Entnahme) unterziehen, die jeweils über 3000 Euro kosten. Für das Lagern der Eizellen kommen noch 200 Euro jährlich hinzu, das Befruchten und Einsetzen kosten zusammen rund 2000 Euro. Die Krankenkassen steuern bisher kein Geld bei, jede Frau muss die Prozedur selbst zahlen.

Wie groß sind die Aussichten auf eine Schwangerschaft?

Von zehn eingefrorenen Eizellen schaffen es vier bis zu einem Embryo, den man der Frau einpflanzen kann. Die Chancen, dass daraus dann ein Kind wird, liegen bei 25 bis 60 Prozent, je nach Alter der Frau. "Die Natur ist immer noch besser als jedes reproduktionstechnische Labor", betont Michael von Wolff von der Universitäts-Frauenklinik in Bern.

Wie groß sind die Risiken für die Frau?

Ausgesprochen niedrig. Hormonbehandlungen und Entnahmen der Eizellen gehören mittlerweile zu den risikoarmen Routineeingriffen der Medizin.

Wie groß sind die Risiken für das Kind, das später zur Welt kommen wird?

"Das Risiko seitens des Kindes können wir bisher nur schwer einschätzen", warnt Reproduktionsmediziner von Wolff. Aktuelle Studien geben Hinweise darauf, dass es beim Entwickeln des Embryos in der Kulturschale zu epigenetischen Störungen, also zu Störungen beim Ein- und Ausschalten von Genen kommen kann. Mögliche Folgen wären beispielsweise Schäden an den Blutgefäßen. Andererseits werden Kinder aus "Social Freezing" seltener mit Erbgutdefekten wie etwa dem Down-Syndrom geboren, sofern sich die Frauen schon früh zum Einfrieren ihrer Eizellen entschließen.

Wie alt sollte die Frau bei der Eizell-Entnahme sein?

"Je jünger die Frauen sind, desto einfacher ist es, den Eierstock mit Hormonen zu stimulieren und genügend Eier in einem einzigen Zyklus zu gewinnen", erklärt der Münchner Reproduktionsmediziner Jörg Puchta. Ideal wäre ein Alter von Mitte Zwanzig. Tatsache ist, dass sich gerade ältere Frauen zum Social Freezing entschließen - allein schon deshalb, weil sie es sich finanziell eher erlauben können als etwa eine junge Studentin.

(RP)