Kardiologe warnt vor Süßungsmittel Xylit Konsumenten sollten sich dieser Risiken bewusst sein

Düsseldorf · Das Süßungsmittel Xylit gilt allgemein als unbedenklich. Eine große aktuelle Studie weist aber auf ein Risiko für massive Herz-Kreislauf-Erkrankungen hin. Es ist nicht der erste Fall dieser Art.

Offenbar erhöhen Zuckerersatzstoff wie Xylit das Risiko für Schlaganfälle. (Illustration)

Offenbar erhöhen Zuckerersatzstoff wie Xylit das Risiko für Schlaganfälle. (Illustration)

Foto: istock

Rückrufaktionen sind immer unschön, aber unvermeidlich. Wenn bei der Herstellung von Lebensmitteln oder Medikamenten eine Dosierung versehentlich verwechselt wurde oder wenn Sägespäne ins Milchpulver geraten sind, ist schnelles Handeln unvermeidlich. Jetzt ist der Fall eingetreten, dass ein Lebensmittelzusatz, dessen Unbedenklichkeit vielfach unterstrichen worden ist, plötzlich massiv in negative Schlagzeilen gerät: Es geht um den Lebensmittelzusatzstoff Xylit, auch Birkenzucker genannt, das als Zuckerersatz dient.

Xylit ist ein sogenannter Zuckeralkohol, der als kalorienarmer Süßungsmittel geschätzt und in verschiedenen Lebensmitteln und Getränken (etwa manchen Energy- oder Softdrinks) verwendet wird. In der Lebensmittelindustrie wird Xylit gern genutzt, weil es die Textur, Feuchtigkeit und Haltbarkeit von Produkten verbessert, ohne einen Nachgeschmack wie andere Süßstoffe zu hinterlassen. Es wird daher in großen Mengen verkauft und als „natürlicher Süßstoff“ beworben, da es in geringen Mengen auch in Obst oder Gemüse vorkommt und vom Körper produziert werden kann. Häufig wird Xylit für Diät- und Diabetikerprodukte verwendet. Außerdem kann man den Stoff in Schokolade, Kaffee, Keksen, Kuchen, Joghurt und in Früchten wie Trauben, Weinbeeren sowie in Zwiebeln, Knoblauch und Alkohol finden.

Künstliche Süßungsmittel wie Xylit werden von Gesundheitsbehörden der USA und der Europäischen Union als sicher eingestuft. Ihr Einsatz wurde von mehreren Leitlinienorganisationen für Personen empfohlen, die an Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden. Außerdem soll Xylit einigen Untersuchungen zufolge eine karieshemmende Wirkung haben. Daher wird der Süßstoff nicht nur als Ersatz für Zucker, sondern auch als zusätzliches Mittel gegen Karies vermarktet, etwa als Zusatz von Zahncremes, Lutschtabletten oder Kaugummis.

Nun kommt allerdings Gegenwind ausgerechnet aus der Fraktion der Herzmedizin. Marco Witkowski, Kardiologe an der Berliner Charité, hat während eines mehrjährigen Forschungsaufenthalts an der Cleveland Clinic in Ohio (USA) untersucht, ob der Konsum von Xylit das Risiko für schwerwiegende Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt und für Schlaganfälle erhöht.

Dazu wurden zunächst Blutproben von mehr als 3300 Herz-Kreislauf-Patientinnen und -Patienten analysiert. Diese Patienten wurden daraufhin über drei Jahre beobachtet. In diesem Zeitraum kam es bei Menschen mit hohen Xylit-Konzentrationen im Blut signifikant häufiger zu Schlaganfällen, zu sogenannten „kardialen Ereignissen“ wie einem Herzinfarkt oder zu einem Todesfall.

Dieser beunruhigende Zusammenhang konnte in der Folge weiter erhärtet werden: In Laborversuchen wie auch bei Tests mit gesunden Probanden zeigte sich, dass Xylit die Reaktivität von Blutplättchen erhöht, was die Bildung von Blutgerinnseln fördert und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigern kann. Bei erhöhten Xylit-Werten im Blut ist es um 57 Prozent erhöht. Die Studie ist jetzt im Fachmagazin „European Heart Journal“ erschienen.

Bereits 2023 hatte Marco Witkowski in einer von der Cleveland Clinic geleiteten Studie in Zusammenarbeit mit der Charité im Magazin „Nature Medicine“ gezeigt, dass der Süßstoff Erythrit ebenfalls mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall verbunden ist. Der Kardiologe sagt jetzt zusammenfassend: „Unsere Forschung weist auf mögliche Risiken von Xylit hin und zeigt, dass Süßstoffe nicht unbedingt die harmlose Zuckeralternative sind, für die sie oft gehalten werden. Besonders bei Menschen mit bestehenden Herz-Kreislauf-Risiken könnte der Konsum von Xylit zusätzliche Gesundheitsgefahren bergen“, sagt Witkowski. „Es ist wichtig, dass Verbraucher sich dieser Risiken bewusst sind und ihren Konsum dieser Süßstoffe überdenken. Bei Unsicherheiten sollten sie sich an ihren Arzt oder Ernährungsberater wenden.“

Angesichts der weit verbreiteten Verwendung von Xylit in Lebensmitteln und Zahnpflegeprodukten halten es die Autorinnen und Autoren der Studie für wichtig, die potenziellen Gesundheitsrisiken weiter zu untersuchen.

Unter den Süßungsmitteln unterscheidet man zwei Gruppen: Süßstoffe und Zuckeraustauschstoffe. Süßstoffe haben eine extrem hohe Süßkraft – die Verbraucherzentrale gibt sie mit 30.000- bis 37.000-fach höher an als bei herkömmlichem Haushaltszucker. Außerdem sind Süßstoffe nur in bestimmten Lebensmitteln und bis zu einer gewissen Höchstmenge erlaubt. Bekannte Beispiele sind etwa Aspartam (E 951), Advantam (E 969), Cyclamat (E 952) oder Saccharin (E 954). In der EU sind nach Angaben der Verbraucherzentrale aktuell zwölf Süßstoffe als Zusatzstoffe zugelassen. Weitere häufig genutzte Zuckeralkohole in Lebensmitteln sind etwa Sorbit (E 420), Erythrit (E 968) oder Lactit (E 966). Bei Erythrit hat eine Kostenpflichtiger Inhalt Studie ähnliche Ergebnisse wie die Xylit-Studie erbracht.