Bauchwachstum, größere Brüste und Übelkeit: Wenn Männer schwanger werden

Bauchwachstum, größere Brüste und Übelkeit : Wenn Männer schwanger werden

Männer können schwanger werden - das klingt zwar erst einmal skurril, ist jedoch ein wissenschaftlich belegtes Phänomen. Couvade-Syndrom nennen Wissenschaftler es, wenn Männer so mit ihren Partnerinnen mitfühlen, dass sie Morgenübelkeit erleben und einen runden Bauch entwickeln.

Auf manchen wirkt er befremdlich, manchen imponiert er, der Mann, der emotional angerührt offen gesteht: "Wir sind schwanger." Einige der werdenden Väter nimmt die neue Situation sogar derart ein, dass sie nicht nur ihre Liebste mit typischen Schwangerschaftssymptomen wie Verdauungsstörungen, Schmerzen, Übelkeit, Fressattacken und sogar einem sich rundenden Bauch in Erstaunen versetzen.

Junger Brite schildert Schwangerschaftssymptome

Wie sehr ihm die Schwangerschaftsnachricht seiner Partnerin zusetze, beschrieb im Jahr 2014 der 29-jährige Brite Harry Ashby. Nach der freudigen Mittelung seiner Verlobten wachte er morgens mit Übelkeit auf und stellte kurz darauf fest, dass ihm Brüste wuchsen und auch sein Bauch an Umfang zulegte. Wie seine Partnerin fühlte er sich vollkommen erschöpft und hatte Rückenschmerzen sowie ein unwohles Gefühl in der Brust, berichtete das englische Boulevardblatt "The Sun".

Was skurril klingt, ist mittlerweile wissenschaftlich mehrfach bestätigt und auch außerhalb der Boulevard-Presse anerkannt: Tatsächlich können Männer co-schwanger werden und unter handfesten körperlichen Symptomen wie Blähungen, Heißhungerattacken, Müdigkeit oder Reizbarkeit leiden. Forscher aus Indien wiesen das jüngst nach. Die Wissenschaftler führten die verwirrenden Mannsymptome auf die schwierige Zeit des Übergangs zur Vaterschaft zurück, die offenbar auch für harte Kerle nicht ohne ist. "Denn dies ist ein Moment der großen Veränderungen und die Belastungen der Vaterfigur", so die Forscher in der Studie.

Zwischen 36 und 79 Prozent der Männer leiden darunter

Wie weit das Phänomen verbreitet ist, darüber gehen die Zahlen auseinander. Schon vor vielen Jahren — im Jahr 1977 — spürten Erziehungswissenschaftler der Universitäten in Graz und Konstanz dem seltsam anmutenden Couvade-Syndrom nach. Von 104 untersuchten Männern gaben 36 Prozent nach der Entbindung an, parallel zu ihren Frauen Symptome einer Schwangerschaft empfunden zu haben. Andere Schätzzahlen gehen sogar von 79 Prozent Betroffener aus.

Es war der Anthropologe E.B. Tylor, der bereits 1865 in verschiedenen Epochen und bei verschiedenen Völkern Vaterschaftsrituale beschrieb, die ethnologisch mit dem aus dem Französischen stammenden Begriff Couvade — couver heißt brüten — bezeichnet wurden. In einigen Kulturen vermeidet der Mann den Verzehr bestimmter Lebensmittel in der Zeit der Schwangerschaft. In Papua-Neuguinea baut der werdende Vater in einiger Entfernung zum Dorf eine neue Hütte. Kommt die Zeit der Niederkunft, legt er sich dort ins Bett und ahmt die Schmerzen der Geburt nach, bis das Kind geboren ist. Ähnliche Rituale sind auch von den Basken überliefert.

Die Suche nach den Ursachen

Hundert Jahre nach Tylor prägten die britischen Psychiater Michael Conlon und William Terthowan dann in Anlehnung an die ethnologischen Rituale die Bezeichnung "Couvage-Syndrom" für schwangerschaftsähnliche Symptome beim Mann. Es wird vermutet, dass in den westlichen Gesellschaften heute mehr Männer als in den frühen 2000er Jahren unter dem Syndrom leiden. Einige Ärzte sind der festen Auffassung, die heute vollkommen normale Beteiligung der männlichen Spezies rund um die Geburt und die Einbindung im Kreißsaal sei unter anderem ein Grund für die steigende Zahl Betroffener.

Die körperlichen Reaktionen künftiger Väter auf die Schwangerschaft ihrer Frau reichen sogar bis hin zu psychischen Symptomen wie Ruhelosigkeit, Stimmungsschwankungen oder depressiven Verstimmungen. Lange ging man davon aus, dass es sich bei diesen Krankheitszeichen lediglich um psychosomatische Effekte handele.

Warum Bauch und Brüste wachsen

Allerdings wies Toni E. Ziegeler vom Wisconsin National Primate Center und Depertment of Psychology der Universität Wisconsin-Madison vor einigen Jahren nach, dass auch evolutionäre Gründe hinter den Veränderungen stecken könnten und die menschlichen Väter die befremdlichen Symptome mit anderen Spezies teilen. In einer Studie legten auch Krallenaffenmännchen an in einer Gewichtszunahme messbarem Bauchumfang zu, wenn die Affendamen in Umständen waren. Manche brachten dabei vor der Geburt 20 Prozent mehr Gewicht auf die Waage als vor der Schwangerschaft der Weibchen. Da die männlichen Affen in die energieraubende Brutpflege eng eingebunden sind, könnten sie sich damit Energiereserven anfressen, schlossen die Forscher und schließen auch beim Menschen ähnliche genetisch bedingte Ursachen für die männliche Wandlung nicht aus.

Diskutiert wird jedoch auch die Rolle, die die Hormone bei dieser Angelegenheit spielen könnten. Ähnlich wie bei den Schwangeren selbst scheinen auch die männlichen Hormone in Anbetracht sich verändernder Lebensumstände Achterbahn zu fahren. So wies man im Blut der werdenden Väter ebenso wie bei den Schwangeren selbst das Milchbildungshormon Prolaktin nach. In geringer Menge kommt es bei jedem Mann vor. Das Besondere aber ist, dass der Prolaktinspiegel bei einigen Männern im Verlauf der Schwangerschaft ihrer Lebensgefährtin mehr ansteigt, als bei anderen, fanden kanadische Forscher heraus. Neben der Milchproduktion steuert das Hormon unter anderem das Brustwachstum und würde damit erklären, wie es in einigen Fällen beim starken Geschlecht zu spannenden Brüsten kommen kann.

Hormonelles Anti-Aggresionsprogramm

Aber auch das männliche Sexualhormon Testosteron verändert sich bei werdenden Vätern. Sein Wert sinkt und macht die Männer mütterlicher und weniger aggressiv. Besonders ausgeprägt zeigt sich das bei Vätern, die viel Zeit mit dem Nachwuchs verbringen. Über den Grund dafür spekulieren die Gelehrten. Sie nehmen jedoch an, dass es eine evolutionsbiologische Erklärung dafür gibt. Männer mit niedrigem Spiegel verhalten sich weniger riskant und sind treuer. Außerdem zeigten sich diejenigen mit den niedrigeren Testosteron- und den höheren Prolaktinwerten eher handlungsbereit, wenn sie das Weinen eines Babys hörten. Sie erleben ein hormonelles Anti-Aggressionsprogramm und sind voll und ganz auf Brutpflege und Fürsorge eingestellt.

Kein Zufall, sind sich amerikanische Wissenschaftler um Robin S. Edelstein sicher. Sowohl eine feste Partnerschaft als auch das Miterleben der Schwangerschaft der Partnerin könnten das auslösen. Auch Männer sind also zumindest in hormoneller Hinsicht wirklich auch ein bisschen schwanger. Wer hätte gedacht, dass der Ausspruch "Wir sind schwanger", so falsch also gar nicht ist?

(wat)