Quarterlife-Crisis: Was Menschen in den 20ern in die Sinnkrise treibt

Quarterlife-Crisis: Was Menschen in den 20ern in die Sinnkrise treibt

Die Midlife-Crisis ist ein feststehender Begriff. Nicht so bekannt ist jedoch die Quarterlife-Crisis. Mit Mitte bis Ende 20 stürzen manche plötzlich in eine tiefe Lebenskrise. Woher sie rührt und wie man ihr vorbeugen kann.

Nach einem halben Jahr im Ausland ist für Malte das Studienende in Sicht. Der angehender Betriebswirtschaftler hat längst erste Kontakte in verschiedene Unternehmen geknüpft. Es ist noch gar nicht lange her, da war er sicher, dass die guten Praktikumszeugnisse ein sicherer Türöffner beim Start in sein Berufsleben sein würden. Doch jetzt plagen ihn Selbstzweifel. Je näher das Studienende rückt, desto mehr hat er das Gefühl, vor einem Abgrund zu stehen. Freunde erzählen von ihren Plänen und von Verträgen, die sie fast in der Tasche haben. Je mehr er ihnen zuhört, desto minderwertiger fühlt er sich.

Wohin nach dem Studium? Welche Stelle ist als Einstieg die beste? Lege ich mich durch meine Entscheidung zu sehr auf eine Branche fest? Ist das überhaupt mein Weg oder wollte ich eigentlich viel lieber etwas anderes machen?

Klingt paradox – ist es aber nicht

Der Start ins Berufsleben, die erste selbst bezahlte Wohnung – was von Außenstehenden als grenzenlose Freiheit und der Start in die Unabhängigkeit angesehen wird, stürzt immer mehr junge Menschen in eine tiefe Lebenskrise, die Quarterlife-Crisis.

"Zwölf bis 15 Gespräche führe ich jede Woche mit Studierenden, viele auch zu diesem Thema", sagt Angelika Wuttke. Sie arbeitet als Psychologin bei der Studierendenberatung der Universität Düsseldorf. Dort beobachtet sie, dass sich manchmal Selbstzweifel, Unsicherheit und Zukunftsangst so tief ins Selbstbewusstsein graben, dass die Betroffenen zwischen Anfang und Ende 20 sogar eine Psychotherapie beginnen müssen. Sie haben das Gefühl, einen Burnout zu haben. Andere zeigen Anzeichen einer Depression.

Besonders anfällig seien akademisch gebildete, junge Erwachsene, sagt der Offenbacher Psychotherapeut Werner Gross. "Mir begegnen Menschen mit diesem Problem in der Therapie und im Coaching, viel häufiger aber an den Universitäten und Fachhochschulen."

Kurz vor dem Studienabschluss drängen mit dem bevorstehenden Start ins Berufsleben fundamentale Lebensfragen ins Bewusstsein vieler: Was will ich überhaupt? Wo will ich hin? Was sind meine Maßstäbe? "Viele geraten auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen unter Druck. Sie haben das Gefühl, dass sie den Anforderungen nicht gerecht werden und all das nicht schaffen können", sagt Wuttke.

Prüfungsbulimie: immer nur lernen und ausspucken

Woran aber kann es liegen, dass sich anstelle eines Freiheitsgefühls Angst einstellt? Psychologe und Coach Werner Gross sieht als Ursache dafür eine Dysbalance. Einerseits werde vielen jungen Menschen der rote Teppich ausgerollt. Für manchen sei die Zeit des Studiums wie eine verlängerte Jugendzeit, in der oftmals die finanzielle Unterstützung der Eltern Sicherheit gibt. Dann heißt es aber andererseits, das Leben selbst planerisch und auch finanziell in die Hand zu nehmen und unabhängig zu werden. "Schluss mit lustig" also: Die Angst vor der Ernsthaftigkeit des Lebens tritt laut Gross in den Vordergrund.

Einen weiteren Grund für die ausufernde Quarterlife-Misere sieht der Psychologe in der immensen Geschwindigkeit begründet, mit der junge Menschen durch Bildungssysteme und Studiengänge geschleust würden. Es sei nahezu eine Art Prüfungsbulimie, mit der Studierende heute lebten: "Unentwegt schaufeln sie Wissen in sich hinein und kotzen es in Prüfungen auf Knopfdruck aus." So habe ein Student sein Gefühl in Worte gefasst, sagt Gross.

Gefangen in diesem System fehle die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu machen, sich auf einen Beruf vorzubereiten und ins Leben hineinzuwachsen. Die sogenannte Quarterlife-Krise beruhe schlichtweg auf mangelnden Reifeprozessen.

Das sind die Ursachen für die Angst im jungen Alter

Die Betroffenen treibt nicht nur die Sinnsuche in beruflicher Hinsicht um. Werner Gross nennt drei Faktoren, die junge Menschen seiner Beobachtung nach zunehmend in die Perspektivlosigkeit und persönliche Sinnkriese stürzen.

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  1. Die vielfältigen Möglichkeiten der eigenen Lebensgestaltung
  2. Alleine die Auswahl an Berufsmöglichkeiten ist unüberschaubar. Nach dem Schulabgang ist es die Frage nach Ausbildung oder Studium, nach dem Studium die Frage nach Branche und Einsatzbereich. Wo möchte man leben und arbeiten? Im eigenen Land, wohnortnah oder im Ausland? Wie geht man mit bestehender Partnerschaft um? Möchte man in einem Unternehmen arbeiten oder in die Selbstständigkeit durchstarten? Sich in der Beziehung festlegen, eventuell heiraten oder lieber erst später? Mit Kindern durchs Leben gehen oder sich auf die Karriere fokussieren?
  1. Zu hohe Erwartungen an sich selbst
  2. Ein perfekter Studienabschluss soll es sein, gefolgt von einem super Job mit hohem Einstiegsgehalt. Aber auch die Beziehung soll perfekt sein. Viele vergleichen sich unentwegt mit dem, was andere zu haben scheinen.
  1. Zu viele Zweifel an sich selbst
  2. Schaffe ich das alles? Warum sind die anderen immer besser als ich selbst? Kann ich da mitreden? Fehlen mir Qualifikationen?

Sich klar machen, dass viele nur bluffen

Aus ihrem Beratungsalltag an der Düsseldorfer Universität kennt Wuttke solche Fragen. "Es wird viel geblufft, und mancher meint dann, er könne mit anderen nicht mithalten", sagt die Psychologin. Manchmal führt das zu den typischen Zukunfts- und Versagensängsten einer Quarterlife-Krise.

Wer in der Schule immer Einsen geschrieben habe, bei dem werde ein anschließendes Jura- oder Medizinstudium fast vorausgesetzt. Nicht selten suchen solch junge Erwachsene nach wenigen Semestern ihre Beratungssprechstunde auf, obwohl das Studium eigentlich notentechnisch super läuft. "Sie merken dann, dass sie eigentlich etwas anderes machen wollten." Das jedoch als Luxusproblem zu bezeichnen, hält sie für nicht gerechtfertigt. Jede Generation habe ihre Probleme.

Auch Gross sieht das so. Heute seien bei vielen die Persönlichkeitsstrukturen durch das Aufwachsen in Patchworkfamilien mit anderen Bindungsstrukturen fragiler, brüchiger. Solche Menschen neigten eher dazu, später von Selbstzweifeln geplagt zu werden und in eine Identitätskrise zu gleiten.

Das Präventionsprogramm als Schutz vor dem schwarzen Loch

Als Schutz vor der Perspektivlosigkeit in jungen Jahren empfehlen die Psychologen darum vier Dinge:

  1. Leben Sie nicht die Träume Ihrer Eltern, sondern fragen Sie sich früh, was Sie selbst wollen und wo Ihr eigener Weg ist.
  1. Stellen Sie nicht zu hohe Ansprüche an sich selbst. Auch andere kochen nur mit Wasser und täuschen geschickt vor, mehr zu haben und mehr zu sein, als das wirklich der Fall ist. Machen Sie ich klar, was wann angesagt ist und wie lange Sie selbst brauchen, um das zu können oder zu erreichen.
  1. Verlassen Sie den roten Teppich versuchsweise und sammeln Sie möglichst früh eigene Erfahrungen. Das kann zum Beispiel ein Auslandsaufenthalt sein – sofern er nicht als Vorzeigestück im Lebenslauf gilt, sondern der Fokus auf dem "Sich-selbst-durchbeißen" liegt.
  1. Stellen Sie sich dem Problem und suchen Sie wenn nötig auch psychologische Unterstützung, um es zu lösen. Eine Quarterlife-Krise gut zu bewältigen, gilt als gute Prophylaxe für die Midlife-Krise.

Hier geht es zur Infostrecke: Fragebogen: Leiden Sie an Depressionen?

(wat)