Was Lügner entlarvt

Psychologie: Was entlarvt Lügner?

Notlügen sind vielleicht moralisch nicht astrein, aber sie können eine Situation retten, sofern sie unbemerkt bleiben. Doch woran lassen sich Lügner erkennen?

Haben Sie auch schon geschwitzt, wenn das Gesicht des Nachwuchses Ihnen in Sekundenbruchteilen verriet, dass das Geschenk von Tante Birgit eine herbe Enttäuschung ist? Und wie erleichtert waren Sie in dem Moment, in dem das Kind dies nicht offen verkündete, sondern sagte: „Danke, das ist wirklich schön.“ Eine glatte Lüge. Nun seien zwei Fragen erlaubt: Wie stehen Sie eigentlich zum Lügen? Und wie sicher sind Sie, dass Tante Birgit die Flunkerei nicht bemerkt hat?

1. Wie stehen Sie eigentlich zum Lügen?

Die Unwahrheit zu sagen, ist moralisch betrachtet keine Zier. Es zählt zu den hohen Werten der Gesellschaft, bei der Wahrheit zu bleiben. Macht es jemand nicht, so spricht man ihm schnell das Vertrauen ab. Bei unerfüllten Wahlversprechen ist das so, aber auch wenn ein Freund uns durch eine Unwahrheit enttäuscht.

Sind wir aber ehrlich, tun wir es alle - im Schnitt zweimal am Tag, sagt Matthias Gamer, Neurowissenschaftler und Lügenforscher der Universität Würzburg. Was er damit meint, ist allerdings das intentionale Lügen, bei dem es bewusst darum geht, andere zu täuschen und eine plausible Aussage zu erfinden. Die Motivation: „Wir wollen uns Vorteile verschaffen“, sagt der Neurowissenschaftler.

Trotzdem ist Lügen ist nicht immer so schlecht wie sein Ruf. Denn manchmal erfüllt es laut Gamer auch soziale Aufgaben. Wenn also der Nachwuchs beim Empfang des Geschenks nicht wahrheitsgemäß antwortet und so Tante Birgit eine tiefe Verletzung erspart, verhilft das in der Regel allen Beteiligten zu einem guten Gefühl. Es wird als statthaft empfunden. Denn unsere sozialen Beziehungen zu anderen Menschen sind für uns derart wichtig, dass wir stets bemüht sind, diese auf keinen Fall zu gefährden.

2. Hat Tante Birgit die Lüge vielleicht bemerkt?

Lügen zu entlarven, ist alles andere als einfach. „Studien zeigen eine Trefferquote von etwa 50 Prozent“, sagt Gamer. Wir sind so schlecht im Entlarven von Lügnern, dass wir stattdessen auch eine Münze werfen könnten.

Dennoch hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Lügner sich häufig durch Körpersprache, Mimik oder Gestik verraten. Viel zitiert ist die Situation, in der der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton bei der Befragung zu einer Affäre mit einer Praktikantin 26-mal in der Minute an seine Nase gefasst haben soll. Körpersprache-Experten sahen darin ein deutliches Lügenindiz. Lügenexperte Gamer aber ist sich sicher, dass an solchen Indizien ebenso viel wie wenig dran sein kann. Christoph Daum habe sich bei seiner Befragung zum Drogenkonsum kein einziges Mal an die Nase gefasst. Untermauert wird seine Aussage durch eine Übersichtsarbeit amerikanischer Psychologen, die eben solch verräterische Gesten unter die Lupe nahmen. Doch nur 24 von 88 Regungen waren aussagekräftig.

Mancher werde möglicherweise rot beim Lügen, ein anderer meide den Blickkontakt oder gerate leichter ins Stottern. Individuell mag das zutreffen, ob dies jedoch auffallende und verallgemeinerbare Merkmale für Lügner sind, bleibt wissenschaftlich dahingestellt.

Diese Körpersignale deuten auf eine Lüge hin

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Auf der Suche nach den Indizien des Lügens stießen Forscher jedoch auf Körpersignale, die auf die Unwahrheit hindeutenden können: „Es gibt unwillkürliche Körperreaktionen wie den Herzschlag und die Hautfeuchtigkeit, die durch das autonome Nervensystem gesteuert werden, die Hinweise auf eine Lüge geben können“, sagt Gamer. Gemessen werden sie mit Lügendetektoren. Allerdings auch hier nur in Kombination mit einer bestimmten Fragetechnik, die im Bereich der Verbrechensbekämpfung zur Anwendung kommt.

Man fragt etwa Wissen ab, das unschuldige Personen über die Tat nicht haben können. Dabei stellt man beispielweise Fragen nach Tatwaffen wie Messer oder Pistole. „Der Täter reagiert auf die richtige Waffe körperlich stärker, zum Beispiel mit Zunahme der Schweißdrüsenaktivität“, sagt der Neurowissenschaftler. Allerdings sind diese Techniken für den Laien nicht verwendbar.

Lügner sprechen langsamer

Dennoch haben auch Sie eine Chance, die Unwahrheit aufzudecken. Denn Lügen strengt kognitiv an, weil es mehr Mühe macht, als im Gespräch eingebunden die Wahrheit zu erzählen. Das führt zu einer verlängerten Reaktionszeit. Was das Lügen kompliziert macht: Während man die Lüge erfindet, muss man sich zugleich an die Wahrheit erinnern und sie verändern. Lüge und Wahrheit müssen verflochten werden. Zugleich muss der Geschichtenerzähler seine Erscheinung unter Kontrolle halten, damit ihn nichts verrät. Außerdem ist es nötig im Kopf zu behalten, was die andere Person weiß.

Warum das Alter eine Rolle spielt

Weiterer Tipp: Beim Enttarnen eines Lügners hilft das Alter weiter. Denn besonders leicht fällt es jungen Erwachsenen, die Unwahrheit zu sagen, wie eine Studie der Würzburger Lügenforscherin Kristina Suchotzki ergab. Kinder und auch ältere Menschen tun sich hingegen schwerer damit.

Der Grund, der Kinder im mittleren Kindergartenalter davon abhält, sich in Unwahrheiten zu verstricken: Sie können noch nicht zwischen ihrer eigenen Meinung und der Meinung anderer trennen. Bei Senioren ist es das mangelnde Vermögen, automatische Reaktionen zu unterbinden, vermuten die Wissenschaftler,. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass die Wahrheit den Platz einer automatischen Standardantwort einnimmt. Will man eine Lüge auftischen, muss man sie unterdrücken. Demnach reden Lügner im Schnitt etwas langsamer und lassen sich mehr Zeit, wenn sie eine Antwort geben, fanden italienischer Forscher heraus

Warum empathische Menschen Lügner schlechter enttarnen

Ob Polizisten oder Strafverfolger: Spezialisten sind nur minimal besser im Aufdecken von Unwahrheiten, sagt Gamer. Sie sind lediglich selbstsicherer. Empathie steht bei der Wahrheitsfindung laut Gamer eher im Wege, weil sie dazu führt, dass man sich auf zu viele Merkmale zugleich fokussiert, statt ein Detail ins Auge zu nehmen.