Warum Kinderlügen ein gutes Zeichen sind

Kein Grund für ein schlechtes Gewissen : Warum Ihr Kind ruhig mal lügen sollte

Wenn Kinder lügen, kommen Eltern Zweifel: Ist in der Erziehung etwas schief gelaufen? Im Gegenteil, sagen Exprten: Warum Kinder ruhig lügen sollten und wie Eltern darauf richtig reagieren.

Wo sind die Gummibärchen geblieben? Wer hat die Sauerei im Bad verursacht? - Wer diese Fragen seinem Kind stellt, bekommt als Antwort oft einen unschuldigen Blick und den Satz „Ich nicht!“. Tatsächlich ist die Aufklärung oft schwierig. Denn auch wenn Eltern durchschauen, dass sie eine Lüge serviert bekommen, hilft das nicht immer, die Wahrheit zu finden.

Verunsicherung macht sich breit: Warum lügt mein Kind? Wie soll man die Wahrheit aufdecken? Wie reagiert man jetzt richtig? Vor allem in Alltagssituationen wird geschummelt. Experten erklären Kinderlügen so: Sie tun es...

  • um sich Vorteile zu verschaffen
  • aus Angst vor Strafe
  • um Verbote zu umgehen
  • um Anzugeben oder Anerkennung zu bekommen
  • um eine Unsicherheit oder Missgeschicke zu überspielen
  • um Konflikten oder unschönen Situationen zu entgehen
  • um andere zu schonen
  • weil sie (im Kindergartenalter) Fantasie und Realität noch vermengen

Das Problem: Lügen ist ein No-Go. Es ist das Gegenteil von dem, was man seinen Kindern vermitteln möchte.„Oft ist es die eigene Enttäuschung, die dazu führt, dass wir schockiert sind und Strafen aussprechen“, sagt Ulric Ritzer-Sachs von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (BfE). Doch geben Psychologen und Erziehungsexperten Entwarnung: Wenn Kinder lügen, ist das ein gutes Zeichen. „Ich würde mir Sorgen machen, wenn sie es nicht machen würden“, sagt Ritzer-Sachs. Bis zur Grundschule sollte ein Kind gelogen haben. Das sei entwicklungspsychologisch vollkommen normal.

Warum, zeigten Forscher der kanadischen Brock University in einer Studie. Sie organisierten ein Vertrauensspiel mit Drei- bis Achtjährigen. Dafür platzierten sie jeweils ein Stofftier hinter den Kindern und baten diese, zu erraten, um welches Tier es sich handle. Dann verließ der Versuchsleiter das Zimmer und bat das Kind, sich nicht umzudrehen und zu schummeln. Das Ergebnis war wenig überraschend: beinahe 80 Prozent der Kinder mogelte. Ebenso viele bestritten nach der Rückkehr des Erwachsenen den Regelverstoß und logen. Zu ähnlichem Ergebnis kamen in einer international angelegten Studie auch Wissenschaftler der Universität Toronto.

Ihre beruhigende Nachricht: Lügende Kinder sind erstens kein Einzelfall und zweitens ein gutes Zeichen bezüglich der kognitiven Reife. Denn um Lügen zu können, braucht ein Kind verschiedene geistige Fähigkeiten. Es muss wahr von unwahr unterscheiden können. Diese Fähigkeit bilden Kinder im Vorschulalter aus. Zudem müssen Kinder die Fähigkeit haben, eine Situation überblicken zu können. Auch sich in andere Personen hineinzuversetzen und zu begreifen, was diese Person weiß und was nicht, sei eine notwendige Voraussetzung zum Lügen.

Vor allem Kinder mit jüngeren Geschwistern sind sehr geschickt im Verschleiern der Wahrheit. Die Wissenschaftler führen das darauf zurück, dass diese durch den täglichen Umgang mit ihren Geschwistern die Grundvoraussetzungen für gute Lügen und perfekte Manipulation erproben können und so besser lernen.

Zwar sei das Unbehagen der Eltern über die Lügengeschichten des Nachwuchses berechtigt, die Sorge, dass darum aus kleinen Lügenbolden unehrliche Erwachsene würden, sei jedoch unbegründet, sagt Kinder- und Jugendpsychiaterin und Professorin an der International Psychoanalytic University Berlin, Annette Streeck-Fischer. Dennoch sollte man Lügen nicht einfach so stehen lassen. Es sei wichtig, darauf zu reagieren und deutlich Werte und Grenzen aufzuzeigen. Dem Kind muss klar sein, dass Lügen Folgen hat, sagt Streeck-Fischer.

So reagieren Sie richtig:

  • Wählen Sie angemessene Sanktionen

Entwendet der Nachwuchs beispielsweise Geld aus dem Portemonnaie, bestehe eine angemessene Sanktionsmaßnahe darin, das Taschengeld zu streichen oder den nächsten Kinobesuch nicht zu sponsern. Eine andere Konsequenz, die Erziehungsberater Ritzer-Sachs empfiehlt: „Überlegen Sie - statt eine Strafe auszusprechen - gemeinsam mit dem Kind, wie es den Diebstahl wieder gut machen kann.“ Das erfordere mitunter mehr Mut und erzeuge manchmal einen nachhaltigeren Effekt.

  • Handeln Sie nicht im Affekt

Grundsätzlich raten die Experten dazu, Sanktionen niemals im Affekt auszusprechen. Das Risiko hierbei: ist man emotional getroffen, reagiert man zu heftig und maßlos. Aus diesem Grund sei es besser, in Ruhe darüber nachzudenken und die Konsequenz zeitnah folgen zu lassen.

Eine Woche Hausarrest für einen verschwundenen Schokoriegel sei beispielsweise kein geeignetes Mittel, um Lügen in Zukunft zu vermeiden, sagt Ritzer-Sachs. Mit solch überzogenen Konsequenzen verstärke man die Angst vor der Bestrafung. Sein Rat: „Verstärken Sie lieber Gutes, indem Sie ein Lob dafür aussprechen, dass das Kind beispielsweise mit der Wahrheit herausrückt.“

  • Seien Sie Vorbild

Gerne verdrängt: Erwachsene haben beim Lügen auch eine Vorbildfunktion. Wenn Mama also an der Museumskasse beim Alter der Kids schwindelt, um den Eintritt günstiger zu machen, lebt sie ihnen vor, dass auch sie es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. „Man sollte sich vorher überlegen, ob man das möchte“, sagt Streeck-Fischer.

  • Zeigen Sie, dass es einen Weg zurück gibt

Auch wenn dauerndes Lügen einen Vertrauensverlust zur Folge hat, gilt laut den Experten: Sprechen Sie darüber und erklären Sie, dass es in naher Zukunft schwierig sein wird uneingeschränkt Glauben zu schenken. Zeigen Sie jedoch auch, dass es Ihr Vertrauen zurückgewinnen kann.

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