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Bessere Prävention vor psychischen Krankheiten: Experten fordern gesetzlichen Schutz vor Stress

Bessere Prävention vor psychischen Krankheiten : Experten fordern gesetzlichen Schutz vor Stress

Bis zum Jahr 2030 werden nach Einschätzung der WHO psychische Krankheiten neben Herz-Kreislauf-Erkrankungen Nummer eins im Krankheiten-Ranking einnehmen. Jeder dritte Deutsche ist psychisch krank. Stress am Arbeitsplatz ist einer der Gründe dafür. Darum fordern Fachleute den gesetzlichen Schutz vor Arbeitsstress.

Der Stress am Arbeitsplatz nimmt zu: Über die Hälfte der Arbeitnehmer müssen ihre Aufgaben unter großem Zeitdruck erledigen. Rund zwei Drittel der Arbeitnehmer haben das Gefühl, dass sie seit Jahren immer mehr in der gleichen Zeit leisten müssen. Arbeitnehmervertreter und Psychologen sind sich einig: Das Maß an Arbeitshetze ist zu groß.

52 Prozent der Beschäftigten müssen sehr häufig oder oft gehetzt arbeiten. Je stärker die Arbeit intensiviert wird, desto mehr muss gehetzt werden. Und je länger die wöchentliche Arbeitszeit ist, desto größer ist die Arbeitshetze. Diese Ergebnisse liefert eine repräsentative Befragung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) von über 6.000 Arbeitnehmern.

Das richtet Stress gesundheitlich an

Chronischer Stress, so geht aus einem Positionspapier der Neurologischen Fachgesellschaft hervor, führt zu Folgeerkrankungen wie Depressionen, Angsterkrankungen, Medikamentenabhängigkeit, Tinnitus und Bluthochdruck. Zu viel Arbeit, zu wenig Anerkennung durch Vorgesetzte, keine Trennung zwischen Arbeit und Privatleben — all das gehört zu den auslösenden Risiken, die vom Arbeitsplatz ausgehen.

Hinzu kommen individuelle Faktoren wie ein stark überhöhter Anspruch an sich selbst, mangelnde Erholungsphasen, Perfektionismus oder mangelnde Qualifikation. Eine besondere Gefahr besteht für diejenigen, bei denen sich Beruf und Privatleben vermischen. Und deren Zahl steigt, so belegt es die Umfrage. 15 Prozent der Arbeitnehmer arbeiten häufig oder sehr oft auch in ihrer Freizeit. Etwa einem Drittel falle es schwer nach der Arbeit abzuschalten. Wer das nicht kann, der kann sich nicht erholen, so das klare Urteil der Psychologen und Nervenärzte.

Burn-out-Fälle in zwei Jahren um 40 Prozent gestiegen

Darum schlägt die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) Alarm. Sie warnt vor den gesundheitsschädigenden Folgen der zu hohen Arbeitsintensität. Nach Auffassung der DGPPN sollten darum in Deutschland Arbeitnehmer wie in vielen anderen europäischen Ländern gesetzlich vor psychischem Stress geschützt werden.

Tatsächlich steigt die Zahl der Menschen, die psychisch krank werden immer weiter an: 27 Millionen Menschen in Deutschland sind es aktuell, belegt eine Studie der KKH Allianz. Die Gesamtkosten für die Volkswirtschaft belaufen sich nach Schätzungen auf mehr als 100 Milliarden Euro jährlich. Schätzungen zufolge werden psychische Erkrankungen bis zum Jahr 2030 zusammen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen die führende Krankheitsursache in den industrialisierten Ländern sein.

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Allein die Burn-out-Fälle sind unter den Versicherten der KKH Allianz zwischen 2009 und 2011 um 40 Prozent angestiegen. Ähnliches belegen Daten andere großer Versicherer. Nach einer Studie des wissenschaftlichen Instituts der AOK hat sich die Zahl der burn-out-bedingten Arbeitsunfähigkeitstage in deutschen Unternehmen seit 2004 verneunfacht. Was aber wird getan, um diesen Aufwärtstrend zu stoppen?

So schützt das Gesetz die Gesundheit

Derzeit existieren bereits Regelungen zu medizinischen Risiken von Lärm, Licht, Vibrationen oder Toxinen, nicht aber solche zu psychischen Belastungen am Arbeitsplatz. Dieses Problem bleibt eines des Gesundheitssystems. Von ihm wird erwartet, nicht nur im Ernstfall dafür zu sorgen, dass Burn-out-Betroffene eine Therapie bekommen, sondern zudem auch Krankschreibungen und Frühverrentungen, die auf diese psychische Störung folgen, vorzubeugen.

Psychische sind mittlerweile Grund Nummer eins für eine Frühverrentung. Zwar setzen sich einige Arbeitgeber mit ins Präventionsboot, doch haben auch aufgeschlossene Bemühungen bislang wenig ergeben. Dadurch krankt auch die Wirtschaft: In allen acht Dax-Konzernen der Region leiden drei bis fünf Prozent der Belegschaft an Burn-out.

Die einzige Handlungsverpflichtung von Arbeitgebern besteht durch den weit interpretierbaren Begriff der Fürsorgepflicht nach dem Arbeitsschutzgesetz. Daran ändert real auch eine europäische Richtlinie nichts, nach der Arbeitgeber zu einem arbeitsbedingten Stressmanagement verpflichtet sind. Darin wird die Erwartung zum Ausdruck gebracht, dass mit Stress genauso wie mit anderen Gesundheits- und Sicherheitsproblemen umgegangen wird.

Schon vor zwölf Jahren verhallte ungehört das Mahnen der internationalen Arbeitsorganisation (ILO), Burnout-Prävention sei an deutschen Arbeitsplätzen ein wichtiges Thema. Zwar wagten seitdem einige Unternehmen wie der Düsseldorfer Henkel-Konzern, das Energieunternehmen e.on oder die Deutsche Telekom Versuche, etwas im Bereich der betrieblichen Gesundheitsfürsorge zu tun, indem sie dem Unternehmensnetzwerk zur betrieblichen Gesundheitsförderung in der Europäischen Union e.V. beigetreten sind. Doch mag man sich gar nicht ausmalen, wie viele Mitarbeiter auf der Burn-out-Krankenliste stehen würden, wäre dies nicht geschehen.

Akademiker bekommen Burn-out — Arbeiter Depressionen

Eine Umfrage der Redaktion bei verschiedenen Unternehmen ergab, dass sich manche offensichtlich gar nicht für den Gesundheitsschutz interessieren, andere hingegen rege daran arbeiten. So werden Stressvermeidungskurse angeboten, Massagen oder eine psychosoziale Soforthilfe, einen Raum der Stille oder flexible Arbeitszeiten, die familientauglicher sind und so die Arbeitnehmer entstressen sollen. Doch all das scheint nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

So ist die Zahl der Firmen mit betrieblicher Gesundheitsförderung zwischen 2008 und 2010 um 35 Prozent gestiegen, die gesetzlichen Krankenkassen gaben hierfür 42 Millionen EUR aus. "Gemessen an rund 400.000 Betrieben sind allerdings ca. 6.500 teilnehmende Betriebe nur ein Tropfen auf den heißen Stein", kommentiert Ingo Kailuweit, Vorstandschef der KKH-Allianz.

Offensichtlich wirkt sich der Bildungsgrad auf die Art der psychischen Erkrankung aus: Die Daten der Krankenkassenstudie zeigen, dass sich Burn-out unter Akademikern und Arbeitnehmer in hohen Positionen häuft, Depressionen hingegen tendenziell bei Menschen mit niedrigerem Bildungsabschluss.

Ganz gleich aber, welcher Gruppe man angehört: Der Schuh drückt aber nicht nur in Hinblick auf fordernde Unternehmensführungen und mangelnde Gesundheitsfürsorge, sondern auch an anderer Stelle - wer psychisch krank wird, der findet nur schwer Hilfe. Die Versorgungssituation zeigt große Defizite. Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz in Deutschland beträgt nach Auswertung der KKH-Allianz-Studie 4,6 Monate. Die richtigen Diagnosen werden häufig zu spät gestellt.

Es muss intensiver an Ursachen geforscht werden

Besonders die schweren Fälle haben unter der Unterversorgung zu leiden. Während in Großstädten und in Universitätsstädten die Versorgung gesichert ist, sind ländliche Regionen von einer massiven Unterversorgung betroffen. "Wenn die Politik nicht handelt, wird sich die Situation noch erheblich verschärfen", warnt DGPPN-Präsident, Professor Peter Falkai.

Neben dem gesetzlich verankerten Stress-Schutz sieht er in einer besseren Versorgung die Chance, an der vorherrschenden Situation etwas zu verändern. Außerdem müsse intensiver an den Ursachen geforscht werden, um darauf abgestimmt Präventionsprogramme zu entwickeln.

"Als im Jahr 2011 die deutschen Zentren der Gesundheitsforschung eingerichtet wurden, fanden psychische Erkrankungen keine Berücksichtigung. Das ist für uns angesichts ihrer Bedeutung nicht nachvollziehbar. Ein eigenes Forschungszentrum für psychische Erkrankungen stellt deshalb das Gebot der Stunde dar", sagt Prof. Peter Falkai.

Was sich bislang zeigt ist: Das Problem ist erkannt und es wird auch an vielen Stellen daran gearbeitet. Doch es fehlt an einem übergreifenden Gesamtkonzept, dass sich nach Auffassung der behandelnden Fachärzte an den Ursachen orientiert, Erkenntnisse bündelt und breite Lösungen präsentiert — für den Einzelnen, Unternehmen, Ärzte und die Politik.

Hier geht es zur Infostrecke: Woran es bei der Versorgung psychisch Kranker mangelt

(wat)