Psychologie: Sportsucht — laufen, bis es weh tut

Psychologie : Sportsucht — laufen, bis es weh tut

Rennen bis zum Umfallen, trainieren trotz Schmerzen und selbst mit Verletzungen keine Ruhepausen: Sport kann zur Sucht werden. Bei welchen Sportarten man besonders aufpassen muss und woran man Sportsucht erkennt, erklären wir hier.

Fit werden, gesund bleiben und einen Ausgleich zum stressigen Arbeitstag finden — es gibt viele gute Gründe dafür, Sport zu treiben. Viele sind zu Recht stolz, wenn sie den inneren Schweinehund besiegt haben und sich zum regelmäßigen Training aufgerafft haben. Manchmal wird der Sport jedoch zum zentralen und alles beherrschenden Lebensinhalt. Vor allem Ausdauersportarten wie Laufen, Schwimmen oder Radfahren haben ein größeres Risiko. zur Sucht zu führen. Aber auch Bodybuilder sind anfällig dafür.

Darüber, wie viele Deutsche betroffen sind, gibt es nur Schätzungen. Wolfgang Maier, Neurowissenschaftler und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum Bonn, spricht von sieben bis acht Prozent täglich Sporttreibender, die süchtig sind. Sportsoziologe Robert Gugutzer von der Goethe-Universität Frankfurt geht von bis zu drei Prozent fitnesssüchtigen Deutschen aus.

Symptome: Steigerungszwang, Häufigkeit und Intensität

Sportsucht zählt, wie auch die Kauf-, Spiel- oder Sexsucht, zu den Verhaltenssüchten, sagt Wolfgang Maier. Ihre typischen Symptome: Wenn andere abends zur Entspannung die gewohnte Runde laufen, versuchen Sportsüchtige, sich permanent weiter in ihrer Leistung zu steigern. Bis in die totale Erschöpfung hinein.

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Robert Gugutzer berichtet vom Fall einer Sportlerin, die sich beim täglichen Training eine Scherbe in den Fuß lief und sich nicht einmal dadurch davon abhalten ließ weiterzulaufen. Gugutzer hat durch seine Forschungsarbeiten zum Thema Sportsucht schon zahlreiche Gespräche mit Betroffenen geführt. So auch mit einem Mann, der aufgrund eines Krankenhausaufenthalts seine sportlichen Aktivitäten unterbrechen musste. Er ertrug den sportlosen Zustand jedoch nicht und quälte sich selbst im Krankenbett mit Hanteln bis zur Erschöpfung.

Gemein haben diese Fälle: Die Betroffenen haben keine Kontrolle darüber, wie oft und wie lange sie Sport machen. "Die Freude am Sport wird zum freudlosen Zwang", sagt Maier. Sie nehmen in Kauf, dass Partnerschaften dem vielstündigen Fitnessprogramm nicht mehr Stand halten und soziale Kontakte dahinter zurücktreten.

Oft verlangen sie ihrem Körper über Stunden körperliche Höchstleistung ab. Das Leben dreht sich nur noch um das eine: Training morgens, mittags, abends und, wenn nötig, sogar nachts.

Wenn sich alles dem Sport unterordnet

"Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Frau, die ein Beamtenverhältnis an einer Universität aufgab, weil sie sich durch die Arbeitszeit zu sehr darin eingeschränkt sah, genug Sport zu treiben", sagt Gugutzer. Sie habe sich dann ein Angestelltenverhältnis gesucht, das es zuließ, mehr Sport zu machen und in der Mittagspause zwei Stunden lang zu trainieren.

Mitunter zeigen sich durch das übermäßige Training gesundheitliche Folgen. Der Körper kann nicht mehr regenerieren. Das Immunsystem ist geschwächt. Muskulatur und Sehnen sind überanstrengt und nehmen durch mangelnde Regenerationsphasen Schaden. Verletzungen werden wahrscheinlicher.

Muss der Sport ausfallen, treten körperliche und psychische Entzugssymptome auf: Schlafstörungen gehören dazu, Unruhe, Aggressivität, Magenschmerzen oder Depressivität.

Die Suche nach dem Kick

Neben Ausdauersportarten sind es High-Intensity-Sportarten, bei denen Menschen nach dem Kick suchen. Sportsoziologe Robert Gugutzer sieht darin Parallelen zu Extremsportarten. Forschungsergebnisse belegen, dass es vielen beim Basejumping oder Big-Wave-Surfen um das ultimative Kribbeln geht. "Exzessiv Sport zu treiben heißt, sich extrem zu erleben. Ich spüre, also bin ich", sagt Gugutzer. Ohne solche Highs sei manchem das Wohlstandsleben zu langweilig.

Sportsucht also als gesellschaftliches Phänomen. Auch aus anderem Grund, wie der Soziologe findet: In unserer Gesellschaft sei Leistung ein wichtiger Wert. Man könne sich damit von der Masse abheben, sich selbst beweisen. Sportliche Leistungen bringen und Lob und Anerkennung innerhalb der Trainingsgruppe, aber auch im Freundeskreis ein. Selbst virtuell, durch Fitness-Tracker beispielsweise.

Persönliche Krisen führen in die Sportsucht

Bei über 50-Jährigen führen oft biografische Krisen in den exzessiven Sport. Eine schwere Krankheit beispielsweise. "Das harte Training kann dann so etwas wie der Ausdruck dessen sein, dem Tod davon laufen zu wollen", sagt Gugutzer.

Auch eine Trennung, Jobverlust oder die Unzufriedenheit mit dem eignen Körper — wie beispielsweise das Gefühl zu dick zu sein — könne Auslöser für übertriebene Sportexzesse sein.

Ein Problem ist das vor allem dann, wenn die übersteigerten Ambitionen weitere Probleme nach sich ziehen. Oft wirke sich Sportsucht zum Beispiel auch negativ auf das Essverhalten aus, sagt Wolfgang Maier. Motiviert von der Absicht, Figur oder Gewicht zu verändern, und getrieben von Körperkult und Selbstoptimierung steuern einige Fitnessjunkies zusätzlich in eine Essstörung.

Hier findet man Hilfe

Dann sei psychotherapeutische Hilfe unumgänglich. Ebenso, wenn Betroffene Partnerschaft, Job und Sport immer weniger unter einen Hut bringen können oder gesundheitliche Einschränkungen ignoriert werden.

Hilfe findet man laut Maier beim Referat Sportpsychiatrie und Sportpsychotherapie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), das an der Uniklinik Aachen angesiedelt ist.

"Jede Erkrankung muss individuell behandelt werden. Es gibt kein Pauschalrezept", sagt Maier. Leidet der Sportler bereits unter schweren körperlichen Problemen, kann beispielsweise ein Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik notwendig sein, in anderen Fällen helfe neben einer Psychotherapie eine achtsamkeitsbasierte Therapie.

(wat)
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