Orientierungsfoschung: Warum uns das Navi dümmer macht

Orientierungsfoschung : Warum uns das Navi dümmer macht

Navi an, Adresse eintippen und los. Navigationssysteme führen in den Urlaub und durch fremde Städte. Doch Forscher fürchten um unsere Orientierungsfähigkeit. Ist die Sorge begründet?

Georg Klinkenberg ist Musiker. Nicht immer weiß er den Weg, wenn er sich in sein Auto setzt, um zu Konzerten oder Musikschülern zu fahren.

Wenn die Zeit knapp ist, verlässt er sich darum auf sein Navigationssystem, startet den Routenplaner und folgt den farbigen Markierungen auf dem Display. Das ist praktisch in der Eile, aber "es regt mich nach kurzer Zeit auf", sagt Klinkenberg. Der Grund: "Ich finde so zwar den Weg, habe aber keine Ahnung, wo ich bin."

Route klar - Orientierung weg

Genau das ist das Problem, das elektronische Orientierungshelfer mit sich bringen. Der Fahrtweg stellt zwar kein Problem mehr dar, doch die Nutzer lernen nichts über die Umgebung. Selbst, wenn sie die gleiche Strecke mehrfach fahren - beim ersten Versuch ohne Navi würden sie sich hoffnungslos verfahren. Warum eigentlich?

"Vor allem jüngere Menschen, die mit elektronischen Helfern wie Google Maps das Land erkunden, geben das alltägliche Mitdenken und Mitplanen ab. Sie fordern ihr Hirn nicht mehr heraus und werden in Folge dessen orientierungslos", sagt Orientierungsforscher Stefan Münzer von der Universität Mannheim. "Was ihnen dadurch fehlt, ist das Wissen darum, wie all die vielen zurückgelegten Routen zusammen gehören". "Überblickswissen" oder "kognitive Karte" nennt das der Forscher.

Orientieren muss man üben

Wie gut man sich auch ohne elektronischen Helfer zurechtfindet, ist stark davon abhängig, wie oft man es trainiert. Mit einer Papierkarte in einer fremden Stadt zum Ziel finden - das schaffen deshalb viele längst nicht mehr. "Ohne Übung, keine Orientierung", sagt Münzer. Schlimmer wird die Situation noch dadurch, dass gerade jene, die sich ohnehin als "Landkarten-Legastheniker" empfinden, besonders oft ein Navi nutzen. Dadurch büßen sie jedoch noch mehr Orientierungsfähigkeit ein.

Was Routenwissen ist

Warum das so ist, lässt sich leicht erklären. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Wege zu finden. Mit dem Routenplaner kommt man zwar sicher von A nach B, doch sieht man nur im kleinen Kartenausschnitt einen Weg, dem man folgt. Das Problem: "Wir merken uns diese Route, orientieren uns anhand von Landmarken und kombinieren das mit Abbiegehinweisen wie rechts oder links abbiegen", sagt Münzer. Wenn aber eine Baustelle den üblichen Weg versperrt und das Navi keine Alternative anzeigt, sind wir verloren. Was uns fehlt: Informationen dazu, wie die einzelnen Wege zusammenhängen.

Kontrabassist Klinkenberg, der jedes Jahr mehr als 35.000 Kilometer zurücklegt, bestätigt das. "Wenn ich das Navi angeschaltet habe, weil ich die Strecke nicht geplant habe, habe ich wenig Gefühl dafür, wo ich gerade bin." Es einfach auszustellen, wäre dann auch für ihn ein Wagnis.

Was Überblickswissen ausmacht

Eine Vorstellung von der Umgebung des aktuellen Aufenthaltsortes hat nur der, der Überblickswissen hat. Das entsteht durch eine kognitive Karte, auch mentale Karte genannt. Sie entsteht indem wir im Kopf nicht die exakte Abbildung der Umgebung abspeichern, sondern eine Art Landkarte. Die fällt für Gegenden, in denen wir uns häufiger bewegen, detailliert aus.

Gebiete hingegen, in denen wir nur selten sind, merken wir uns schemenhafter. Durch die kognitive Karte im Kopf sind wir dazu befähigt, Räume zueinander in Verbindung zu bringen, also einzuschätzen, wo sich der Dom oder die Oper in der Stadt befinden. Sie hilft uns dabei eine Vorstellung davon zu haben, in welche Richtung man gehen muss, um Plätze in deren Nähe aufzusuchen.

Wie schwer uns das fällt, hängt allerdings auch maßgeblich von der Gegend ab, in der wir uns orientieren wollen. Im New Yorker Stadtteil Manhattan fällt es leicht, weil die Straßen wie auf einem Schachbrett angeordnet sind.

Anders in London. Dort sind die Straßen sehr verschachtelt. Die Ausbildung zum Taxifahrer dauert dort nicht ohne Grund mehrere Jahre. Das jahrelange Hirntraining der Fahrer zahlt sich jedoch aus. Neben dem Orientierungsvorteil bringt es auch einen anderen Vorteil, konnten Untersuchungen von Forschern des University College London zeigen: die Taxifahrer in der britischen Hauptstadt tun etwas fürs Oberstübchen.

Die Wissenschaftler machten bei den Taxifahrern per Hirnscan mehr graue Substanz im Hippocampus sichtbar. Das ist die Hirnregion, die für die Gedächtnisleistung, aber auch für das räumliche Lernen zuständig ist. Wer also ständig mit dem Navi herumdüst, fordert diese Hirnregion weniger und lernt darum auch laut Münzer weniger über seine Umwelt.

Vom Weg abkommen trotz Navi

"Früher sind Menschen mit schlechtem Orientierungssinn gar nicht erst los gefahren. Heute fahren sie mit Navi", sagt der Mannheimer Forscher. Aber auch das geht nicht immer gut. Wir alle kennen Meldungen kurioser Irrfahrten, die über hunderte Kilometer ans falsche Ziel führen, Ausflügler in Seen fahren lassen oder noch schlimmer: in die Wüste.

Sich blind auf das Navi zu verlassen hat im US- Nationalpark Death Valley in Kalifornien schon so vielen Reisenden das Leben gekostet, dass die Ranger dort dafür einen eigenen Begriff geprägt haben: "Death by GPS". Die weite Trockenlandschaft und Temperatur-Extreme machen den Nationalpark zu einem besonders gefährlichen Ort, den man ohne Karte und Kompass nicht besuchen sollte.

Was laut Forschungsergebnissen aus Mannheim helfen könnte, die Orientierung zu verbessern, sind verschiedene Anzeigemodi auf den Navigationsgeräten. Das Umschalten zwischen der Routenführung, einer Straßenkarte und einer Kompass-Ansicht. Bei letzterer wird der eigene Standort mittig gezeigt und drum herum einprägsame Landmarken wie "Bibliothek", "Stadttor" oder "Dom" dargestellt.

Im Experiment schnitten die Versuchspersonen unterschiedlich gut beim Umgebungslernen ab. Die Probanden aus der Karten- und der Kompass-Gruppe lagen bei ihrem Wissen einzelner Wege gleichauf mit denen, die nur eine Routendarstellung sahen, konnten sich aber deutlich besser orientieren.

Das Navi der Zukunft

Mit dem Institut für Geoinformatik in Münster arbeitet der Forscher darum an Display-Darstellungen, die uns bei der Orientierung helfen sollen. Vorstellbar sind ergänzende Informationen am Rand der Kartenanzeige. Sie könnten Richtungen zu bestimmten Zielen wie etwa einer Kirche anzeigen. "Auch wenn man dann ebenfalls nicht die komplette Karte überblicken kann, bekommt man dennoch ein Richtungswissen, das bei der Orientierung hilft", sagt Münzer.

In Navigationsapps der Zukunft könnten auch Landmarken wie markante Gebäude eine Rolle spielen, auch wenn sie nicht direkt an der Strecke stehen. Bei einer mündlichen Streckenbeschreibung tun sie es schon jetzt. Eine aktuell laufende Untersuchung an der Uni Mannheim zeigt, dass viele Menschen bei mündlichen Beschreibungen Orientierungsinformationen einfügen, obwohl diese nicht direkt die Route betreffen.

Bis es damit so weit ist, fährt Georg Klinkenberg nur zur Not mit dem Navi. Auf dem Weg in den Urlaub hingegen wird er auch weiterhin seine Frau mit der Faltkarte neben sich auf dem Beifahrersitz haben.

(wat)
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