Nach Suizid einer Elfjährigen in Berlin: Das passiert bei Cybermobbing

Nach Suizid einer Elfjährigen in Berlin : Was Eltern jetzt über Mobbing und Cybermobbing wissen müssen

Der Fall eines elfjährigen Mädchens, das vermutlich wegen Mobbings an seiner Berliner Grundschule Suizid beging, sorgt für große Bestürzung. Was sind Anzeichen für Mobbing, und wie können Eltern helfen?

Drangsalieren, hänseln, schikanieren, beschimpfen, schubsen, lächerlich machen, prügeln – Mobbing kommt in den unterschiedlichsten Formen und Intensitäten vor. Längst findet Mobbing aber nicht mehr nur auf dem Pausenhof oder in der Klasse statt. „Mobbing verlagert sich immer mehr in den digitalen Raum. Beleidigungen, Drohungen, aber auch gefälschte intime Fotos oder Videos werden dort veröffentlicht“, sagt Cyberpsychologin Catarina Katzer. „Teils bilden sich etwa auf WhatsApp richtige Hass-Gruppen, bei denen der Betroffene keinen Überblick mehr darüber hat, wer was sagt.“ Das führt zu extremer Scham und dazu, dass Betroffene sich oftmals stark in sich zurückziehen, „weil man am liebsten mit niemandem darüber reden möchte“, sagt Katzer.

Welche dramatischen Folgen das haben kann, zeigt der Fall einer elfjährigen Grundschülerin aus Berlin. Das Mädchen soll sich vermutlich am Dienstag nach der Schule so stark selbst verletzt haben, dass es im Krankenhaus gestorben ist. Das berichtet der „Tagesspiegel“. Die Hintergründe sind unklar, Gerüchten zufolge kann es sich um Mobbing handeln. Am Donnerstag wurde der Fall öffentlich: Die 500 Kinder der Hausotter-Grundschule im Stadtteil Reinickendorf waren am Donnerstag früher nach Hause geschickt worden. Die Berliner Polizei führt nun ein sogenanntes Todesermittlungsverfahren durch. Laut Staatsanwaltschaft soll das Mädchen obduziert werden. Wann genau mit Ergebnissen der Untersuchung zu rechnen ist, ist noch unklar.

Aber wie konnte es soweit kommen? „Wir wissen, dass Mobbing Kinder und Jugendliche ungeheuer belastet“, sagt Petra Walger, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychologie am LVR-Klinikum in Düsseldorf. „Und wir wissen, dass es ein Faktor sein kann, der zu einem Suizid eines Jugendlichen führt.“ Untersuchungen zeigen, dass das Entfliehen aus einer unlösbaren Situation einer der häufigsten Gründe für Selbstmordhandlungen bei Jugendlichen sind. Häufiger ist nur der Wunsch, einem unerträglichen Gefühlszustand zu entfliehen. „Allerdings war das Opfer mit elf Jahren ungewöhnlich jung“, sagt Walger.

Zahlen dazu, wie viele Jugendliche Opfer von Mobbing und Cybermobbing werden, gibt es wenige. Die letzte große Studie wurde 2014 im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) durchgeführt. Demnach werden 8,8 Prozent der Mädchen und 11,2 Prozent der Jungen im Alter von elf Jahren regelmäßig Opfer von Mobbing.

Laut Cyberpsychologin Katzer dürfte die Zahl inzwischen jedoch deutlich gestiegen sein. „Denn Smartphones werden immer häufiger zur Waffe, und damit ist das Mobbing endlos geworden.“ Was Katzer damit meint ist, dass das Hänseln früher spätestens an der Haustür des Elternhauses endete. Heute nehmen Kinder und Jugendliche die Beleidigungen und Beschimpfungen per Smartphone und Computer mit in ihr Kinderzimmer. Es gibt keine Pause mehr von den Anfeindungen. Keine Zeit der Erholung im sicheren Zuhause. „Hinzu kommt, dass im Netz Empathie verloren geht. Man steht dem Opfer nicht mehr auf dem Pausenhof gegenüber und sieht seine Pein“, sagt Katzer. „Sondern man ist in einem digitalen Raum ohne Mimik, Gestik oder Stimme. Das lässt die Hemmungen deutlich sinken.“ Außerdem vergisst das Internet nicht. „Alles was gelöscht wurde, kann doch wieder irgendwo auftauchen - durch Screenshots, Kopien auf Festplatten, Bilddatenbanken und so weiter.“ Dieser Gedanke plagt die Opfer, und es kann auch nach Monaten spontan und unerwartet wieder ein Angriff etwa mit altem Bildmaterial folgen.

Wie die Betroffenen darauf reagieren ist laut der Medieninitiative „Schau hin“ sehr unterschiedlich. Einige sind eingeschüchtert und ziehen sich zurück, um keine Angriffsfläche mehr zu bieten. Sie machen Computer oder Handy sofort aus, wenn Eltern und Freunde in die Nähe kommen. Andere reagieren aggressiv oder werden krank. Viele gehen plötzlich nur noch sehr ungern in die Schule und klagen über Bauchschmerzen. Sie leiden außerdem unter Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit oder anderen körperlichen Beschwerden. Ihre schulischen Leistungen fallen ab, die Konzentrationsfähigkeit lässt nach, oder ihre Interessen verändern sich. Niedergeschlagenheit, fehlendes Selbstvertrauen, schwindende Lebensfreude, Minderwertigkeitsgefühle können weitere Alarmsignale sein.

Verbale Demütigungen und echte Fausthiebe haben die gleiche Wirkung auf das Gehirn. In beiden Fällen wird das Schmerzzentrum aktiviert. Das ergaben Forschungen der TU München. Passiert das über einen längeren Zeitraum, hat das starke Auswirkungen auf die Psyche. Betroffene sind anfälliger für Depressionen, aber auch für körperliche Erkrankungen.

Bedeutet dies im Umkehrschluss, dass Kinder und Jugendliche kein Smartphone bekommen sollten? „Eigentlich sollten Kinder nicht vor der dritten Klasse ein Handy haben. Ein Smartphone, das internetfähig ist, sollte es erst ab der weiterführenden Schule geben“, sagt Katzer. Trotzdem rät die Cyberpsychologin Eltern dazu, mit ihren Kindern von der Grundschule an den Umgang mit dem Handy zu üben.

Kinder, die doch schon sehr früh ein Smartphone haben, sollten zumindest nicht alles damit machen können. Kindersichere Suchmaschinen (etwa Klicksafe), bestimmte Apps sperren und ein Zeitlimit einrichten - dazu rät Katzer. „WhatsApp ist übrigens kein sicherer Messenger. Er ist ja eigentlich auch erst ab 16 freigegeben.“ Besser sind laut Katzer Threema, Wire oder Privalino. Viele Kinder würden außerdem nicht über das Cybermobbing reden, weil sie Angst hätten, dass man ihnen das Smartphone deshalb abnimmt. „Eltern sollten ihren Kindern deshalb signalisieren, dass sie sich mit allem an sie wenden können. Es ist wichtig, dass die Kinder das Vertrauen entwickeln, darüber zu reden. Gleichzeitig sollten sie ihnen aber vermitteln, dass es keine Kleinigkeit ist, wenn man im Netz drangsaliert wird.“

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