Mobbing in der Schule - wenn das Kind zum Opfer wird

Pausenhof-Terror : Mobbing in der Schule: So helfen Sie Ihrem Kind

Das Kind will nicht mehr zur Schule gehen will, weil die Mitschüler es schikanieren. Viele Eltern wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Dabei sind sie nicht allein – und können Unterstützung in Anspruch nehmen.

Das Phänomen Mobbing wird in deutschen Schulen immer häufiger. Eine Sonderauswertung der Pisa-Studie zum Wohlbefinden der Schüler zeigt: Dass ein Jugendlicher in der Schule gemobbt wird, ist alles andere als ein Randphänomen. In der Studie gaben 16 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland an, dass sie mehrfach im Monat Schikanen, Beleidigungen oder anderen Formen des Mobbings vonseiten ihrer Mitschüler ausgesetzt waren. Das ist mehr als jeder sechste. „Für manche ist die Schule ein Ort der Qual“, schreiben die Autoren des Reports.

Andere Studien lassen vermuten, dass der Anteil an Kindern, die gemobbt werden, noch wesentlich höher ist. Eine davon ist die Studie der Bertelsmann-Stiftung zu Bedarfen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland „Children's Worlds +“. Sie konzentriert sich zwar nicht allein auf Mobbing, sondern auch andere Formen von Gewalt. Die Zahlen sind jedoch erschreckend und zeigen, dass Mobbing nicht nur bei Jugendlichen, sondern auch bei jüngeren Kindern ein Problem ist. In der Studie gaben knapp 30 Prozent der Grundschüler an, dass sie im vergangenen Monat gehauen, gehänselt und auch ausgegrenzt wurden. An Haupt-, Real-, Gesamt- und Sekundarschulen beschrieben etwa 20 Prozent der Schüler, im letzten Monat alle drei Übergriffsformen erlebt zu haben. An den Gymnasien waren es 10 Prozent. Weitere Studien zeigen, dass die Angst, zum Opfer von Mobbing zu werden, bei Kindern und Jugendlichen steigt.

Wenn in der Schule gemobbt wird, sind sowohl die Erwachsenen als auch das betroffene Kind ratlos. Das Kind weiß nicht, wie es mit den Schikanen seiner Mitschüler umgehen soll, fühlt sich allein gelassen und leidet unter einem geringen Selbstwertgefühl. Die Eltern wiederum können nur in Maßen helfen. Denn wie soll man dagegen angehen, wenn ein 13-Jähriger das eigene Kind terrorisiert? Wie soll man das Kind, das darum bettelt, zu Hause zu bleiben, Tag für Tag in diesen Albtraum schicken? Und macht man es nicht am Ende noch viel schlimmer, wenn man mit dem Lehrer, dem Direktor oder den Eltern des Täters spricht?

Wie entsteht Mobbing in der Schule?

Die Pisa-Studie zum Wohlbefinden der Schüler zeigt: In Deutschland kommt Mobbing häufiger an Problemschulen als an anderen Schulen vor. Zusätzlich dazu haben die Forscher Unterschiede bei den Geschlechtern festgestellt. So zeigt sich, dass Jungen öfter zum Opfer von Mobbing werden als Mädchen. Sie waren zu zwei Prozent mehr betroffen. Trotzdem ist wahrscheinlich keine Schule davor gefeit, dass es an ihr zu aggressivem Verhalten und negativen Handlungen einzelner Schüler ihrer Mitschüler gegenüber kommt.

Wie genau Mobbing in der Schule entsteht, ist schwer zu sagen, zumal das Problem in der Regel erst nach einem längeren Zeitraum des stillen Leidens bemerkt wird. Denn vieles läuft unterschwellig ab. Das beginnt schon bei der Sitzplatzordnung im Klassenzimmer, bei der entschieden wird, wer neben wem sitzen darf und wer ausgeschlossen wird. Hier können schon die ersten Strukturen geschaffen werden, die später dazu führen, dass jemand ausgegrenzt, beleidigt und gemobbt wird.

Merkmale, die einen Schüler anfälliger dafür machen, zum Opfer zu werden:

  • körperliche Schwäche
  • ein geringes Selbstwertgefühl
  • eine eher stille Persönlichkeit
  • Abweichungen von der Klassennorm wie Behinderung, Gewicht, Kleidung oder Hautfarbe
  • neu in der Klasse
  • konfliktvermeidendes Verhalten
  • Ängstlichkeit

Oft stecken hinter dem Mobbing aber noch andere Ursachen. Sie zu ergründen, ist schwierig, da die Fälle von Mobbing oft schon weit fortgeschritten sind, wenn sie bemerkt werden. Der Täter sucht bei seinem Opfer nach Punkten, an denen es verletzbar ist. Wehrt sich das Opfer nicht, wird er weiter mobben.

Ursachen, die jemanden zum Täter machen können, sind zum Beispiel:

  • eigene Schwächen, Angst oder ein Ohnmachtsgefühl
  • Unzufriedenheit in der Schule
  • Langeweile
  • Neid und Konkurrenzdenken
  • Fremdenfeindlichkeit
  • fehlende Konfliktfähigkeit
  • Wut und Ärger über andere
  • eigene Erfahrung als Mobbingopfer

Wann spricht man von Mobbing in der Schule?

Auf dem Pausenhof wird es auf einmal ernst. Der eine Junge hat dem anderen ein Stück Papier geklaut. Eigentlich steht da gar nichts Wichtiges drauf, trotzdem geht der Bestohlene auf den Dieb los und reißt ihn zu Boden. Der Dieb hat am Ende eine blutige Nase. Beide werden zum Direktor gerufen. Der Bestohlene sagt, er habe das ständige Mobbing einfach nicht mehr ausgehalten – und die Nerven verloren...

War der Zettel-Klau Mobbing oder versucht der Bestohlene, sich als Opfer darzustellen?

Es ist gar nicht so einfach, Mobbing in der Schule klar zu identifizieren. Denn nicht immer gibt es einen Vorfall, der körperliche Verletzungen nach sich zieht, geschweige denn die Aufmerksamkeit vom Lehrer, Eltern oder anderen Erwachsenen auf sich zieht. Oft findet Mobbing im Verborgenen statt und das Opfer weiß nicht, wie es sich Hilfe holen soll oder schämt sich, von Ausgrenzung betroffen zu sein.

Eine genaue Definition gibt es nicht, weil das Feld weit gefasst ist. Mobbing kann sein, dass ein Jugendlicher von der Klasse geschnitten wird. Genauso gut kann sich das Mobbing aber auch durch fiese Nachrichten oder die Verbreitung von Gerüchten in sozialen Netzwerken bemerkbar machen. Hier spricht man von Cybermobbing.

Mobbing lässt sich also nicht klar umreißen. Im weitesten Sinne kann man sagen, dass Mobbing sich über einen längeren Zeitraum erstreckt oder in regelmäßigem Abständen vorkommt.

Welche Folgen hat Mobbing in der Schule?

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat mehrere Mobbing-Studien ausgewertet und die Folgen analysiert. Sie kommt zu dem Schluss, dass in der Schulzeit gemobbte Kinder oft ihr ganzes Leben unter den Folgen von Mobbing leiden. Typisch ist, dass sich die Betroffenen verschließen und längere Zeit brauchen, bis sie sich jemand anderem anvertrauen – oft geschieht das erst, wenn sie den Druck nicht mehr aushalten.

Als Folgen des Mobbings nennt die Bundeszentrale für politische Bildung:

  • Geringeres Selbstwertgefühl und Selbstbeschuldigungen
  • Isolation und das Gefühl von Einsamkeit
  • Angst, Traurigkeit, Depressionen
  • Schlafstörungen und Albträume
  • Appetitlosigkeit oder auch Essstörungen
  • Psychosomatische Beschwerden wie Bauchschmerzen, Übelkeit oder Kopfschmerzen
  • Verschlechterung der schulischen Leistungen
  • Schule schwänzen
  • Selbstmordgedanken

Eine Studie des schwedischen Psychologen Dan Olweus zeigt, dass Schüler, die im Alter von 13 und 16 Jahren, die von anderen Mitschülern schikaniert wurden, auch im Alter von 23 Jahren häufiger an Depressionen und mangelndem Selbstwertgefühl leiden und sich schwerer mit sozialen Beziehungen tun. Experten schätzen, dass die Ursache von rund 20 Prozent der Selbstmorde Mobbing ist.

Wie kann man Mobbing in der Schule verhindern?

Schon in der Grundschule kann es losgehen. Die Mitschüler machen sich über die Mutter eines Drittklässlers lustig. Der Junge weiß nicht mehr weiter. Aber da kommt ein Mitschüler und sagt den anderen klar: "Hört auf! Geht weg!" Und tatsächlich wenden sich die Täter ab. Der Junge sagt dem Mobbing-Opfer: "Hör nicht auf die, du kannst mit mir spielen." Ganz verschwinden wird das Mobbing dadurch zwar nicht, aber das Opfer ist in seiner Situation nicht mehr allein. Der Mitschüler, der die anderen auf ihr Verhalten angesprochen hat, hat ein Jahr zuvor an einem Programm zur Prävention für Mobbing teilgenommen.

Mobbing – darin ist sich die Forschung einig – wird am besten im Keim erstickt. Schon kleinere Vorfälle sollten thematisiert werden, um so schon im Vorfeld dafür zu sorgen, dass der potenzielle Täter von seinem Opfer ablässt. Aber wie setzt man das in der Schule um?

Mittlerweile gibt es eine Menge Programme zur Prävention von Mobbing in der Schule. Lehrer können spezielle Fortbildungen besuchen, in denen sie für das Thema sensibilisiert werden und lernen, damit richtig umzugehen. Studien haben gezeigt, dass den Lehrern bei Mobbing eine Schlüsselrolle zukommen kann. Reagieren sie sensibel, weil sie das Problem direkt erkennen, kann das Mobbing vorbeugen.

Aber nicht nur die Lehrer, auch die Schüler sollen frühzeitig mit dem Thema konfrontiert werden. Es gibt eine Reihe präventiver Maßnahmen von der Grundschule bis zur weiterführenden Schule, die Schülern vermitteln, was Mobbing ist, wie es sich für betroffene Schüler anfühlt, gemobbt zu werden und welches Verhalten man als Zeuge von Mobbing an den Tag legen sollte. Dazu zählen Kurse und besondere Theaterstücke, die sich mit Mobbing auseinandersetzen und vermitteln, dass Gewalt physischer oder psychischer Natur keine Lösung ist.

Die Maßnahmen zielen auch darauf ab, Empathie auszulösen. Wenn Kinder wissen, wie andere Kinder sich im Fall von Mobbing fühlen, werden sie vermutlich auch ihr eigenes Verhalten überdenken und andere Personen mit Respekt behandeln, so die Idee.

Wohin können sich Betroffene von Mobbing in der Schule wenden?

Für gemobbte Schüler ist es wichtig, sich Hilfe zu suchen. Das können die Eltern sein. Auch ein Lehrer kann ins Vertrauen gezogen werden. Das muss nicht zwangsläufig der Klassenlehrer sein, auch ein anderer Lehrer, mit dem sich der Schüler gut versteht, kann in Frage kommen.

Lehnt das Kind diese Option ab, gibt es auch Beratungsstellen, die Hilfe anbieten:

  • Die Nummer gegen Kummer ist ein Verein, der sich seit 1980 um Kinder kümmert. An sie kann man sich wenden, wenn es Probleme mit den Eltern, einem Lehrer oder eben auch mit Mobbing gibt. Erreichbar ist die Nummer gegen Kummer montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr unter 116 111.
  • Manchmal will der betroffene Schüler aber auch nicht mit einem Erwachsenen reden. Hier kann die Website der Initiative Schüler gegen Mobbing Hilfe bieten. Auf ihr können sich gemobbte Schüler mit anderen austauschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Gegründet wurde sie von einem Mobbingopfer, das damit anderen helfen will. Die Website bietet eine Menge Informationen rund um das Thema Mobbing aus Schülersicht.
  • Wenn es um Cybermobbing geht, gibt es bei der Cybermobbing-Hilfe Unterstützung für Betroffene. Gegründet wurde sie von Schüler Lukas Pohland, der selbst Opfer von Cybermobbing wurde und sich dafür stark macht, dass das Thema ernst genommen und Cybermobbing bekämpft wird.
  • In vielen Städten gibt es psychologische Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Familien. Auch hier können Betroffene sich beraten lassen und über ihre Probleme sprechen.

Was können Eltern bei Mobbing in der Schule tun?

Wenn das eigene Kind gemobbt wird, ist das für die Eltern eine schreckliche Situation. Sie sollten das Gespräch mit der Schule suchen. Wenn sie mit den Lehrern sprechen, ist dabei aber ein hohes Maß von Sachlichkeit gefragt, damit der Lehrer die Situation richtig einschätzen kann. Gleiches gilt, wenn sie das Gespräch mit den Eltern des Mobbers suchen – was Experten nicht unbedingt empfehlen. Haben die Eltern das Gefühl, die Schule nimmt das Problem nicht ernst genug, sollten sie darüber nachdenken, sich an eine übergeordnete Stelle zu wenden.

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Mit der Bekämpfungen der Ursachen ist es aber natürlich nicht getan. Das eigene Kind braucht viel Unterstützung, wenn es gemobbt wird. Experten sind sich einig, dass es wichtig ist, das Selbstbewusstsein des Kindes zu stärken. Das Problem des Kindes sollte ernst genommen werden, es sollte auf keinen Fall das Gefühl bekommen, dass es Schuld daran hat, dass es gemobbt wird. Um dem Kind richtig zu helfen, wird empfohlen, sich als Familie Hilfe zu suchen. Das kann beim Schulpsychologen oder einer psychologischen Beratungsstelle geschehen.

Wann ist Mobbing in der Schule strafbar?

Je nachdem, welche Form das Mobbing annimmt, kann es auch ein Fall für die Polizei werden. Nicht jede Mobbing-Handlung ist strafbar. In der Regel artet das Mobbing über einen längeren Zeitraum aber immer mehr aus.

Fälle, in denen die Polizei eingeschaltet werden kann, sind:

  • Sachbeschädigung
  • Körperverletzung
  • Diebstahl
  • Beleidigung

Auch Cybermobbing kann strafbar sein. Der Täter riskiert hier außerdem, dass Smartphone oder Computer als Tatmittel beschlagnahmt werden.

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