Männergrippe: „Frauen sprechen von Schnupfen, Männer von Nahtoderfahrung“

Phänomen Männergrippe: „Frauen sprechen von einem Schnupfen, Männer von einer Nahtoderfahrung“

Mit dem Winter kommt nicht nur die Grippe wieder, sondern auch die Männergrippe. Lucinde Hutzenlaub hat ein Buch über dieses Phänomen geschrieben. Wir haben sie gefragt, was es mit dem Spezialleiden der Männer auf sich hat.

Neulich habe ich einen Spruch gelesen: „Das T in Männergrippe steht für Tapferkeit“. Was sagen Sie dazu?

Lucinde Hutzenlaub Das passt. Männer sind nicht tapfer. Das ist ja genau das, was eine Männergrippe von einer richtigen Grippe unterscheidet.

Die Männergrippe ist also keine echte Grippe?

Hutzenlaub Bei einer Grippe ist man richtig krank, also Schnupfen, Husten, Halsschmerzen vielleicht sogar Fieber. Eine Männergrippe kommt da aber nicht ran. Frauen sprechen von einem Schnupfen, Männer von einer Nahtoderfahrung.

Lucinde Hutzenlaub ist Heilpraktikerin und Autorin mehrerer Bücher (Archiv). Foto: dpa-tmn/Martin Baitinger

Wie kommt es, dass Männer und Frauen ausgerechnet die Grippe so unterschiedlich wahrnehmen? Es gibt ja auch keine Männerprellung oder und keine Frauenschnittwunde.

Hutzenlaub Männer sind tapfer, wenn es um schwerere Verletzungen geht. Die können sich einen Arm oder ein Bein abbinden und trotzdem mit ihren Kumpels ein Bier trinken gehen. Frauen würden da längst ohnmächtig auf der Couch liegen. Krankheiten, die eine Weile dauern, machen Männern also eher zu schaffen.

Woran liegt das?

Hutzenlaub Evolutionär gesehen sind Männer genetisch zum Jagen, Beschützen und zur Futterbeschaffung vorgesehen. Also eher für die Kurzstrecke. Bei Frauen ist es andersherum. Sie sind für die Aufzucht der Kinder zuständig und somit eher für die Langstrecke angelegt. Auch haben sie viel regelmäßiger Schmerzen: einmal im Monat bei der Menstruation und wenn sie Kinder kriegen möglicherweise auch über viele Stunden. Sie können Schmerzen deshalb besser einordnen als Männer. Männer verängstigen Schmerzen eher. Es gibt sehr viele Studien, die zeigen, dass Frauen und Männer ein sehr unterschiedliches Schmerzempfinden haben.

Das Buch „Männergrippe“ von Dr. Anna Herzog und Heilpraktikerin Lucinde Hutzenlaubist im Eden Verlag erschienen. Foto: dpa-tmn/Eden Books

Können Frauen denn irgendwas tun oder sagen, damit Männer keine Männergrippe mehr kriegen?

Hutzenlaub Nein, das geht nicht. Das liegt daran, dass Männer das eben nicht vorspielen, sondern ihre körperliche Situation wirklich als bedrohlich empfinden. Sie fühlen sich wirklich schlecht. Ein Mann hat mal zu mir gesagt, er würde lieber eine Wurzelbehandlung ohne Betäubungsmittel durchstehen, als einen Tag wegen Männergrippe flachzuliegen. Daran sieht man, wie ernst die Lage für Männer ist. Frauen können davon auch etwas lernen.

Und was?

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Hutzenlaub Bei Männergrippe legen sich Männer ins Bett und machen nichts, außer vielleicht Sportschau zu gucken. Frauen dagegen gehen so lange Arbeiten und kümmern sich um alles, bis gar nichts mehr geht. Das ist natürlich auch nicht der beste Weg.

Wie sollten sich Frauen also Verhalten, wenn ihr Mann an Männergrippe leidet?

Hutzenlaub Sie sollten ihrem Mann die Fernbedienung in die Hand drücken und sich selbst ein Glas Rotwein einschenken. Dann können sie ihm mit liebevoller Zuwendung begegnen und ihm einen Tee und Suppe anbieten. Wobei er den Tee direkt ablehnen wird. Hühnersuppe dagegen, ist für die meisten in Ordnung.

Was ist mit dem Gang zum Arzt? Geht der?

Hutzenlaub Nein, auf gar keinen Fall. Das ist für Männer eine ganz schlimme Situation, denn Männer sind Ärzten gegenüber ganz misstrauisch. Sie sind überzeugt, in einer Arztpraxis werden sie noch kränker als sie es ohnehin schon sind. Will der Arzt in den Hals gucken oder eine Spritze geben, könnte Schlimmes passieren. Männer sind an dieser Stelle nicht so pragmatisch wie Frauen.

Aber es gibt ja auch Männer, die alleine wohnen. Wie kommen die zurecht?

Hutzenlaub Diese Männer hoffen dann auf einen schmerzlosen Tod - und kümmern sich nicht um sich selbst. Männer versorgen sich nicht gut, wenn sie krank sind, sondern leiden eher still vor sich hin. Im Zweifel rufen sie bei ihrer Mutter an.

Merken Männer denn, wie sie sind bei Männergrippe?

Hutzenlaub Wir haben für das Buch eine Straßenumfrage gemacht. Dabei haben wir Männer mit Sätzen konfrontiert und gefragt, ob sie sich darin wiedererkennen. Lustigerweise sagten die meisten Männer dazu nein. Hatten sie aber eine Frau dabei, nickte die schweigend und mussten lachen.

Können Sie ein paar Beispiele solcher Sätze nennen?

Hutzenlaub „Ich habe das gegoogelt, das Internet gibt mir noch drei Tage zu leben“, „Warmes Bier? Willst du mich umbringen?“, „Du hast ja keine Ahnung, was das für Schmerzen sind“, oder auch „In Arztpraxen wird man noch viel schlimmer krank“.

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