Männer verstehen: Antworten zum starken Geschlecht

Interview mit einem Männertherapeuten : Verstehen Sie "männlich"?

Es gibt zahlreiche Bücher, die helfen sollen, das weibliche Geschlecht besser zu verstehen. Doch auch die Männer sind ein echtes Mysterium. Warum reden sie so wenig? Was ist das mit diesem Männerstolz und wie geht man richtig mit ihnen um? Im Gespräch mit dem Männertherapeuten Björn Süfke haben wir herausgefunden, wie sie ihn und er sich selbst besser versteht.

Herr Süfke, eine der Eigenschaften, die Frauen an Männern am wenigsten verstehen ist, dass sie entweder wenig reden oder kaum darüber sprechen, wie es Ihnen wirklich geht. Können Sie erklären, woran das liegt, beziehungsweise wie dieses Schweigen zu verstehen ist?

Björn Süfke ist seit 15 Jahren Therapeut für Männer. Foto: Björn Süfke

Björn Süfke: Die Sache ist, dass Frauen oft denken, dass ihre Männer nicht mit ihnen reden wollen, weil sie kein Interesse daran haben oder weil sie eben schweigsam sind. Das stimmt so aber nicht. Vielmehr ist es so, dass die Kommunikationsprobleme auftreten, weil Männer nur sehr schlechten Kontakt zu ihrer Innenwelt haben. Sie wissen oftmals nicht richtig, wie es in ihnen aussieht. Ihre Gefühle sind eher etwas Diffuses für sie, und deswegen können sie sich auch nicht ausdrücken.

Und woher kommt das?

Süfke: Bis heute ist es immer noch so, dass Männer den Glauben haben, dass sie keine richtigen Gefühle empfinden dürfen, weil das ihr erlerntes Selbstbild vom starken Mann angreift. Aus diesem Grund lassen sie sich weder richtig auf die eigenen Gefühle ein, noch auf die anderer.

Und das ist ja auch etwas, was viele Frauen nicht verstehen, warum ihr Partner ihnen so wenige Fragen stellt.

Süfke: Genau. Das Problem ist, wenn ich mich auf die Gefühle eines anderen Menschen einlasse, dann muss ich mich auch bis zu einem gewissen Grad für meine eigenen öffnen. Das können Sie sich vorstellen, wie wenn man einen Hollywood-Film guckt und stark mitfühlt. Das löst bei einem ja etwas aus. Um das also zu vermeiden, fragen viele Männer gar nicht erst nach.

Ich vermute in Ihrer Therapiestunde sollen Männer dann wieder in einen besseren Kontakt mit sich selbst kommen.

Süfke: Ja, vor der Therapie haben viele eine mulmiges oder unangenehmes Gefühl, können es aber nicht genauer beschreiben. Wenn sie aus der Stunde heraus kommen, dann wissen sie viel genauer dass es dabei zum Beispiel um Ärger wegen einer Grenzverletzung geht, oder um Scham, weil sie in einer bestimmten Situation nicht reagiert haben.

Das klingt jetzt so, als hätte der arme Mann einfach ein Problem mit dem ihm zugeordneten Männerbild, und, wenn man diese Ideen wegnähme, wäre alles in Ordnung. Aber es gibt doch auch Klischees über Männer, die zwar Verallgemeinerungen sind, aber durchaus einen Funken Wahrheit haben. Ich denke da an den Besserwisser im Mann. Oder an den, der die Frau beim Autofahren kritisiert. Wollen Sie wirklich sagen, all diese Verhaltensweisen entstehen nur, weil der Mann ein problematisches Gefühlsleben hat?

Süfke: Ja und nein. Der Mann wird zum Rechthaber, weil er ein ganz normales Gefühl hat, wie etwa Angst oder Unterlegenheit, und nicht weiß wie er damit umgehen soll. Das ändert aber nichts daran, dass er ein Rechthaber sein kann. Ich ärgere mich selbst viel über Rechthaber. Aber in einem therapeutischen Setting, kann ich die Perspektive wechseln und mich fragen, was eigentlich hinter diesem Verhalten steht.

In einem therapeutischen Setting geht das natürlich auch. Aber es wäre ja fatal, wenn eine Frau in einer Beziehung in die Rolle des Therapeuten schlüpft. Wie sollen Frauen denn dann mit dieser Situation umgehen?

Süfke: Partnerinnen sind in der Tat in einer anderen Rolle, und oftmals ist bei ihnen auch die Betroffenheit sehr groß, weil das Problem schon sehr lange vorhanden ist. Trotzdem rate ich dazu, erst einmal zu versuchen zu verstehen, was hinter dem Verhalten steckt. Denn man kennt das ja schon auch aus dem Alltag, dass man Menschen gleich sympathischer findet, wenn man ihre Beweggründe für etwas versteht. Letztlich ist es aber doch so, dass eine Konfrontation wichtig ist. Auch wenn ich weiß, dass das für viele Frauen gar nicht so leicht ist.

Nicht so leicht, weil...?

Süfke: Viele Frauen - und vor allem jüngere, meiner Erfahrung nach - fragen sich: Verlange ich zu viel? Muss ich den Mann mehr so sein lassen, wie er ist? Aber diese radikale Akzeptanz funktioniert in einer Beziehung meist nicht. Männer müssen auch konfrontiert werden.

Aber gerade diese Konfrontation geht doch ganz häufig schief, weil sich die Partner dann stark angegriffen, oder im Stolz verletzt fühlen.

Süfke: Das kommt immer darauf an. Zwar tendieren Männer dazu schnell zuzumachen, aber damit kann man umgehen. Man muss einen wertschätzenden und respektvollen Ansatz wählen. Das ist wichtig. Es bringt nichts ihn direkt mit der Frage "Wie geht`s dir denn" zu überfallen, wenn er gerade von der Arbeit zur Tür rein kommt, und seine Jacke aufhängt. Man muss auch damit rechnen, dass er zumacht, wenn ihm die Frau ihr Problem einfach vor die Füße wirft.

Aber wie soll denn dieses wertschätzende Verhalten dann aussehen?

Süfke: Sie könnte zum Beispiel fragen, ob er an diesem Abend schon etwas vor hat, oder ob es passt, dass man sich nach dem Abendessen noch zu einem Gespräch zusammensetzt.

Aber das ist doch nicht realistisch. Gerade, wenn es sich um Familien handelt, dann setzt man sich doch zum Abendessen zusammen und redet dann so nebenbei. Aber man verabredet sich doch nicht speziell.

Süfke: Ja, und ich frage eben, warum eigentlich nicht? Sehen Sie, meine Frau zum Beispiel, die weiß, dass ich ein großer Fußball-Fan bin. Und, wenn sie Gesprächsbedarf hat, dann fragt sich mich, ob heute Abend ein wichtiges Spiel ist, weil sie weiß, dass das dann kein guter Zeitpunkt ist, oder es besser ist erst danach zu reden. Ich finde das sehr respektvoll.

Das heißt Sie schlagen vor, dass man sich konkret für Aussprachen trifft. Aber wenn sie und er dann da sitzen, wie sollte die Frau die Konfrontation, von der Sie ja sagen, dass sie wichtig sei, angehen?

Süfke: Das ist natürlich wirklich etwas knifflig. Also eine Sache, die ich in meiner Praxis schon lange einsetze, und die sich sehr bewährt hat ist, um Erlaubnis zu fragen. Das heißt, wenn ich schon nach kurzer Zeit im Gespräch merke, da ist ein Thema, aber es wäre noch sehr früh um den anderen damit zu konfrontieren, dann sage ich ihm das. Also, anstatt zu sagen: "Ihr Problem ist folgendes...", sage ich ihm, dass ich da schon einen problematischen Aspekt bemerkt habe, aber dass ich ihm den nicht einfach so um die Ohren hauen möchte. Und ob es für ihn in Ordnung ist, wenn ich ihm das erkläre. Die meisten sind dazu dann direkt bereit, und finden die Ehrlichkeit sogar gut.

Und wie Formulieren Sie dann die Konfrontation selbst?

Süfke: Dann bin ich durchaus direkt uns sage etwa, "also so wie Sie mit mir reden ist das schon ziemlich hart. Da wundert es mich nicht, wenn Ihre Frau sich schwer tut." - Aber dann, sage ich es mit Erlaubnis, und das ist etwas ganz anderes. So könnten Paare auch miteinander kommunizieren. Wichtig ist eben, dass es eine liebevolle Form der Konfrontation ist.

Jetzt muss ich aber doch noch einmal nach dem Männerbild nachhaken, denn wenn ich es richtig verstehe, glauben Sie dass diese Probleme zwischen Männern und Frauen stark aus dem vorherrschenden Männerbild resultieren?

Süfke: Auf jeden Fall. Das traditionelle Männerbild des Ernährers, Leiters, dessen eben, der alles hinbekommt ist immer noch vorherrschend. Für die Männer bedeutet das einen enormen Druck. Sie müssen immer leisten, und immer perfekt sein. Also, Perfekte Liebhaber, Väter und Partner. Aus diesem Grund tritt bei vielen auch diese Besserwisserei auf, weil sie eben nicht eingestehen können, dass sie Versagensängste haben. Gerade in der Sexualität ist das ein großes Thema. Ich kenne viele Männer, die schon dann, wenn sie nur ein einziges Mal Erektionsprobleme haben anfangen an ihrem gesamten Selbstbild zu zweifeln.

Das heißt, nur, wenn das vorherrschende Männerbild verschwindet, geht es den Männern selbst aber auch ihren Beziehungen besser?

Süfke: So ist es. Wir müssen gesellschaftlich dahin kommen, dass Männer auch Scheitern und Versagen dürfen. Erst dann werden sich viele Probleme legen, und zwar auch in Liebesbeziehungen.

Das Gespräch führte Susanne Hamann.

(ham )