Hochsensibel - was wirklich dran ist

Wohl viele Menschen betroffen: Ich bin hochsensibel - was bedeutet das eigentlich?

Das Licht ist zu grell, die Umgebung zu laut, zu viele Menschen an einem Ort. Wer seine Umgebung so wahrnimmt, könnte hochsensibel sein. Gibt es Menschen, die besonders empfänglich für Umweltreize sind?

Charly Chaplin soll hochsensibel gewesen sein, Richard Wagner ebenso. Ob sie es wirklich waren, bleibt Spekulation. Denn das Forschungsfeld rund um die Hochsensibilität ist nicht älter als 20 Jahre. Nicht alt genug also, um mehr als nur vage Anhaltspunkte dafür zu haben. Doch jung genug, um in der Wissenschaft umstrittenes Thema zu sein. Denn die Menge an Forschungserkenntnissen ist überschaubar.

Im Jahr 1997 prägt das amerikanische Psychologen-Ehepaar Elaine und Arthur Aron nach eigenen Erfahrungen den Begriff „Hochsensibilität“ und legte damit den Grundstein für ein neues Forschungsfeld, das nur zwanzig Jahre später als Begriff in aller Munde ist.

Ratgeberbände über das Thema füllen ganze Regalreihen und sorgen letztlich für das Gefühl, es könne sich womöglich nur um einen Trend handeln. Forscher wie Psychologin Margrit Schreier sind sich jedoch sicher: „Rund 20 Prozent aller Menschen sind hochsensibel.“ Forschungsergebnisse belegten das, sagt sie. An der Jacoby-Universität in Bremen erforscht Schreier das Phänomen der Hochsensibilität. Eine Persönlichkeitseigenschaft, die Menschen besonders empfänglich für äußere und innere Reize macht. Das können sowohl laute Straßen und starke Gerüche sein, aber auch eigene Reflexionen.

Das Sprudeln von Kohlensäure in einem Wasserglas – von den meisten Menschen wird dies nicht einmal wahrgenommen. Für hochsensible Menschen kann das leise Blubbern sehr laut sein. Das ist eines der Merkmale, das Diplom-Psychologin Sandra Konrad, von der Hochschule Stendal-Magdeburg nennt. Sie macht Hochsensibilität an vier Merkmalen fest:

1. Niedrige Reizschwelle: „Egal ob Riechen, Schmecken, Berührung oder Hören – Hochsensible reagieren sehr schnell auf Reize“, sagt Konrad. Man nimmt an, dass solche Reize bei ihnen weniger gefiltert werden können. Eine mögliche Erklärung: Die Hirnstrukturen und Neuronenverbünde, die diese Informationen normalerweise dämpfen, sind bei Hochsensiblen weniger stark ausgebildet.

2. Hohe Reaktivität: Betroffene reagieren besonders intensiv auf Reize aus der Umwelt. Besonders dann, wenn viele Dinge gleichzeitig zu tun sind.

3. Stärkere Verarbeitung: Informationen werden stärker und länger reflektiert. Ihr Gehirn verarbeitet solche Informationen tiefer. Nach außen merkbar: Hochsensible brauchen länger für die Verarbeitung. „Auch positive Ereignisse wirken noch lange nach“, sagt die Forscherin. Oft sind Menschen mit diesem Merkmal darum empathischer, sagt Schreier. Zudem reagieren Hochsensible stärker auf Genussmittel.

4. Rückzug: Durch die stärker wahrgenommene Intensität von Reizen fühlen sich die Betroffenen schneller überladen. Sie versuchen bestimmte Situationen wie laute Rockkonzerte oder volle Supermärkte zu meiden, weil sie durch die Menge und Intensität an Eindrücken eher überreizt und überfordert seien, sagt Schreier.

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Auch wenn das zu Überlastungserscheinungen führen kann oder auch ein Grund für sozialen Rückzug sein kann, „ist Hochsensibilität keine Krankheit, sondern lediglich ein Persönlichkeitsmerkmal wie auch Kreativität oder Intelligenz“, sagt Schreier.

Dennoch bringt diese Veranlagung Hochsensiblen den Ruf ein, besonders labil, schüchtern und ängstlich zu sein. Zu Unrecht, wie die Forscherin findet. Zwar gebe es wissenschaftlich belegt Zusammenhänge zwischen den Veranlagungen „hochsensibel“ und „neurotisch“, doch müssen sie nicht gemeinsam auftreten. Ebenso gebe es auch tendenziell Zusammenhänge zum Erleben von chronischem Stress, Ängstlichkeit, Depressionen, wie Psychologin Christina Blach in ihrer Doktorarbeit für die Universität Graz untersuchte. Sie stellte fest, dass bei Hochsensiblen bestimmte Bereiche der Großhirnrinde stärker aktiviert sind. Das betrifft vor allem Areale, die mit der Emotionsverarbeitung zusammenhängen.

Schreier zeigte in einer noch unveröffentlichten Studie zudem eine höhere Neigung Hochsensibler für Allergien und Unverträglichkeiten wie allergischen Hautreaktionen, Asthma, Heuschnupfen, Magen- und Darmproblemen oder Umwelterkrankungen wie Multipler Chemikaliensensitivität. Eine mögliche Erklärung dafür: „Unter Stress steigt beispielsweise im Körper der Spiegel des Hormons Cortisol an“, sagt Schreier. Dies wirke sich unmittelbar auf das Immunsystem aus. Da ein hochsensibler Mensch ständig überaktiviert und damit besonderem Stress ausgesetzt sei, sei er anfälliger für Krankheiten. Der Londoner Wissenschaftler Michael Pluess von der Queen Mary University fand anhand von Daten von 13.000 Personen heraus, dass die erhöhte Sensibilität gegenüber Umweltreizen genetisch geprägt sein könnte.

Was Menschen helfen kann, die das Gefühl haben, auf Reize überempfindlich zu reagieren:

  • 1. Achtsamkeitsübungen helfen dabei zu lernen, sich bewusst auf eine Sache zu konzentrieren und dieser bewusst nachzugehen.
  • 2. Dosieren Sie die Zahl der Termine: ein Konzert am Freitag, der Handwerksmarktbesuch am Samstag und eine Museumsführung am Sonntag. Das kann für manchen einfach zu viel werden. Entzerren Sie den Terminkalender und schaffen Sie mehr Raum zum Verarbeiten aller Eindrücke.
  • 3. Ziehen Sie sich nicht ganz zurück, sondern setzen Sie sich täglich einem gewissen Maß an Reizen aus: „Sich täglich einer überschaubaren Anzahl an Reizen zu stellen hilft dabei, sich daran zu gewöhnen“, sagt Schreier. Das sollte man jedoch nicht tun, wenn man sich bereits in einem überreizten Zustand befindet.
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