Depression - das sind die häufigsten Vorurteile

Psychologie : Die sieben häufigsten Mythen über Depression

Wer depressiv ist, reißt sich nicht genug zusammen und ist ein Weichei. Zum Thema Depressionen kursieren viele Mythen. Wir erklären, was stimmt und was nicht.

Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 5,3 Millionen Deutsche an einer Depression. Etwa jede vierte Frau und jeder achte Mann sind laut Angaben der Deutschen Depressionshilfe im Laufe ihres Lebens von einer Depression betroffen. Obwohl Depression also längst keine seltene Krankheit mehr ist, kursieren viele Fehlannahmen um sie. Das sind die häufigsten:

  • Eine Depression ist keine richtige Krankheit

Sich richtig schlecht fühlen und schwer zu etwas aufraffen zu können – vielen ist dieses Gefühl nicht fremd. Doch normalerweise ist das Seelentief schnell überwunden, wenn man sein Augenmerk auf positive Dinge richtet. Das führt zu der Annahme, Depressionen seien keine richtige Erkrankung. „Nicht nur Außenstehende denken das, auch Depressive selbst unterliegen häufig diesem Irrtum“, sagt Eva Meisenzahl-Lechner, Ärztliche Direktorin des LVR-Klinikums Düsseldorf. Wird ihre Niedergeschlagenheit offenkundig, folgen von Freunden und Familie oft Empfehlungen wie die, sich einfach etwas zusammenzureißen.

Im Falle eines normalen Stimmungstiefs, das jeder einmal durchlebt, mag dies eine mögliche Strategie sein. In einer akuten Depression stehen die Betroffenen solchen Ratschlägen jedoch machtlos gegenüber. Denn sie leiden unter tiefster Niedergeschlagenheit und Erschöpfung, fühlen sich wie versteinert und sie können sich nicht mehr von ihren negativen Gedanken befreien, sagt Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Deutschen Depressionshilfe. Die wichtige Botschaft der Experten: Depressionen sind eine schwere und ernst zunehmende Erkrankung, die ebenso wie Bluthochdruck oder eine Herzerkrankung behandelt werden sollte.

  • Betroffene sind zu empfindlich

Schwere Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit sind typische Symptome einer Depression. Häufig jedoch werden sie von Außenstehenden falsch interpretiert. In einer Befragung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe zeigte sich: Viele halten diese für Zeichen einer Charakterschwäche und denken wer depressiv erkrankt sei, müsse sich nur zusammenreißen, um den Herausforderungen seines Alltags gewachsen zu sein.

Tatsächlich seien oft sogar eher Menschen betroffen, die besonders gewissenhaft seien und zu den Leistungsträgern in Unternehmen zählen, sagt Hegerl. Letztlich aber kann die Erkrankung jeden treffen: Fleißige wie Faule, starke Persönlichkeiten wie unsichere. Auch sind Depressionen keine übermäßige Reaktion auf Hiobsbotschaften. „Selbst unter Medizinern ist die Vorstellung verbreitet, dass Depressionen eine Reaktion auf äußere Lebensumstände seien“, sagt Hegerl. Doch nicht jeder, der Stress hat oder der eine nahestehende Person verliert wird depressiv. Der Grund: „Es muss eine genetische oder eine erworbene Veranlagung – wie zum Beispiel durch Trauma oder Misshandlung - vorhanden sein“, sagt Hegerl. Die Probleme, die das Leben mit sich bringt, werden plötzlich übersteigert wahrgenommen.

  • Einmal Depressionen, immer Depressionen

Zu den häufigsten Irrtümern rund um die seelische Krankheit zählt die Annahme, Depressionen seien nicht heilbar. Wer einmal darunter leidet, entkommt der Spirale nicht mehr, so die vorherrschende Meinung. „Das ist falsch“, sagt Meisenzahl-Lechner. Depressionen seien sehr gut behandelbar. Als besonders wirksam hat sich ein Paket aus verschiedenen Maßnahmen gezeigt, das neben einer medikamentösen Behandlung, Psychotherapie und Maßnahmen wie Ergo-, Bewegungs- oder Kunsttherapie mit einbeziehen kann. Die meisten depressiven Episoden vergehen bei einer entsprechenden Behandlung innerhalb weniger Monate. „Die Betroffenen sind wieder gesund und leistungsfähig“, sagt Hegerl. Allerdings bleibt auch nach der Genesung das Risiko erneut unter Belastung in eine depressive Episode zu rutschen, erhöht. Nur in wenigen Fällen bleiben die Depressionen chronisch bestehen.

  • Mit einer Behandlung ist die Sache in drei Wochen vorbei

Viele Menschen haben die falsche Vorstellung davon, wie schnell Therapiemaßnahmen zu einer dauerhaften Besserung führen. „Sie meinen, eine vierwöchige medikamentöse Therapie reiche beispielsweise aus, um die Depressionen abzustellen“, sagt Meisenzahl-Lechner. Richtig ist jedoch: die therapeutischen Maßnahmen umfassen ein größeres Zeitfenster. Die medikamentöse Therapie kann über die Dauer eines halben oder ganzen Jahres laufen. Die Leitlinien zur Behandlung von Depressionen sehen daneben zudem 24 Stunden Psychotherapie vor. Was sich erst einmal nach nicht viel anhört, bedeutet konkret mindestens eine wöchentliche Behandlung über zehn Monate hinweg.

  • Bei einer Depression hilft Schokolade

In der Befragung der Deutschen Depressionshilfe gab jeder Fünfte an, Schokolade und Süßes seien ein geeignetes Mittel gegen Depressionen. Richtig ist: Schokolade zu essen, aktiviert das Belohnungssystem im Hirn. Die Folge: der Körper schüttet das Glückshormon Dopamin aus. Wir fühlen uns zufrieden. Was als schnelle Nervennahrung im Stressjob möglicherweise über das kurze Tief hinweg hilft, kann allerdings gegen Depressionen nichts bewirken.

  • Einfach mal richtig zur Ruhe kommen und ausschlafen

Ebenso falsch ist auch die Annahme, einmal richtig ausschlafen könne die Krankheit zum Abklingen bringen. Ausschlaggebend für diese Fehlannahme: Depressionen gehen mit Erschöpfung und oft auch Schlafstörungen einher, sagt Hegerl. Darum scheint es naheliegend, den Betroffenen sei durch eine ausgiebige Schlafeinheit geholfen. Das Gegenteil ist oft der Fall: Ausgerechnet Schlafentzug ist ein wirksames Mittel gegen Depressionen. „In 60 Prozent der Fälle kommt es in den frühen Morgenstunden zu einem Abklingen der Depression“, sagt Hegerl. Allerdings dauert der Effekt nicht lange an. Mit dem nächsten Nachtschlaf kehrt die Erkrankung wieder zurück.

  • Antidepressiva machen abhängig

80 Prozent der Deutschen glauben laut einer Umfrage der Deutschen Depressionshilfe, dass Antidepressiva süchtig machen. Das ist jedoch falsch, ebenso wie die Annahme, Antidepressive wirken persönlichkeitsverändernd oder machen high. Häufig wird ihre Wirkung mit der von Schlaf- und Beruhigungsmitteln verwechselt, die je nach Präparat auch tatsächlich abhängig machen können.

„Von Antidepressiva kennen wir lediglich die Absatzphänomene, wie beispielsweise auch bei Blutdrucksenkern“, sagt Meisenzahl-Lechner. Der Grund: Die Einnahme der Medikamente bringt die Rezeptoren an den Nervenzellen in ein anderes Gleichgewicht. Endet diese Stimulation abrupt, führt das zu einer Überflutung mit Botenstoffen. Der Körper reagiert darauf mit Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Unruhe oder anderen Phänomenen, die wiederum schnell mit den Krankheitsanzeichen einer Depression verwechselt werden. Man umgeht dies laut Meisenzahl-Lechner, indem man grundsätzlich alle längerfristig eingenommenen Medikamente –so auch Antidepressiva - langsam über Monate absetzt.